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Boris Johnson - Vom unbesorgten Premier zum Intensivpatienten

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Ein Premier, der das Land aus der Selbstisolation heraus anführt, dann jedoch zum Fall für die Intensivmedizin wird. Ein Spiegelbild für die schwierige Lage Großbritanniens.

Es ist Anfang März, immer deutlicher wird aller Welt, auf welche Krise man zusteuert. Virologen, Mediziner zeichnen ein zumindest stellenweise klares Bild, wie ansteckend und wie gefährlich das neuartige Coronavirus ist.

Doch der britische Premier gibt sich in dieser Zeit auf einer der ersten Corona-Krisen-Pressekonferenzen in London unbeeindruckt. "Ich war neulich abends im Krankenhaus, in dem es ein paar echte Fälle von Corona-Erkrankungen gab", erklärte er. "Ich habe jedem die Hand geschüttelt."

Und es dürfte Sie freuen zu erfahren, dass ich weiter Hände schütteln werde. Unserer Einschätzung nach ist Händewaschen das Entscheidende.
Boris Johnson vor einigen Wochen

Nichts zu lachen

Man könnte schmunzeln, wie einige auf dieser Pressekonferenz, wenn es nicht mittlerweile so traurig und ernst wäre. Wenn der Mann, der verantwortlich für die Abwehr der Corona-Gefahr ist und dessen vornehmste Aufgabe der Schutz seiner Mitbürger qua Amt ist - wenige Wochen später selbst erkrankt. Nach zehn Tagen Dauerfieber kommt er ins Krankenhaus. Und nun liegt er auf der Intensivstation.

Johnson, 55 Jahre alt, männlich, Übergewicht, maximale Stressbelastung. Faktoren, die begünstigen, dass der Verlauf der Krankheit sich schnell ändern kann, auch rapide verschlechtern. Die offizielle Regierungslinie: Der Premier sei bei Bewusstsein, brauche zusätzlich Sauerstoff, hänge aber nicht an einem Beatmungsgerät.

Der Ernst der Lage

Allerdings hat das Vertrauen in die Informationspolitik in Sachen Johnson Schaden genommen. Bis eine Stunde vor der Überweisung auf die Intensivstation hieß es, er sei bester Dinge, führe die Regierungsgeschäfte in dieser nationalen Notsituation weiter. Vom Krankenbett aus.

Schon da gab es Zweifel. Nach zehn Tagen Dauerfieber befand er sich in der bei vielen Patienten kritischen Phase. Wie ernst es ist zeigt eine Studie von Spezialisten für Intensivmedizin, die sich die ersten Fälle in Großbritannien angeschaut hatten, die intensivmedizinisch betreut werden mussten.

Deren Statement: Wer auf die Intensivstation kommt und beatmet werden muss, dessen Chance stehen 50 zu 50. Eine Zahl, die mit Vorsicht zu genießen ist, und dennoch Anlass zur großer Sorge ist.

Nächster europäischer Krisenherd?

Außenminister Raab übernimmt nun erstmal als Stellvertreter. Regieren ist Teamarbeit, klar. Aber Raab muss ein politisches Vakuum füllen. Viele im engsten politischen Kreis des Premiers, Berater, Mitarbeiter, Beamte, Minister sind erkrankt oder in Selbstisolation.

Es dürfte das ohnehin viel kritisierte Corona-Krisenmanagement der Regierung nicht einfacher machen. Und die schwersten Wochen stehen dem Land wohl noch bevor. Es könnte, was die Zuwachsraten bei Neuinfektionen und Todesfällen betrifft, zu einem neuen europäischen Krisenherd werden.

Gesundheitssystem am Anschlag

Schon in normalen Zeiten operiert der staatliche Gesundheitsdienst NHS an der Belastungsgrenze. Ein Grund - die harten Sparmaßnahmen nach der Finanzkrise 2008 unter Johnsons konservativen Vorgängern.

Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. In Deutschland gibt es dreimal mehr Krankenbetten pro Einwohner, fast fünfmal mehr Intensivbetten. Im Hinterkopf muss man dabei haben: Das Vereinigte Königreich ist die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas, nach der Bundesrepublik.

Es mangele aktuell an Schutzausrüstungen und Beatmungsgeräten, sogar Sauerstoff wird mancherorts knapp. Und es wird eben kaum getestet, was die Eindämmung des Virus ungemein erschwere, so Experten. Dass der NHS in den kommenden Tagen überfordert, sogar überwältigt werden könnte, habe Johnsons Regierung mitbefördert.

Zu Beginn der Krise habe man planlos agiert, obwohl man von anderen Ländern, die früher betroffen waren, hätte lernen können. So sei wertvolle Zeit vergeudet worden.

Ein Mann mit Schutzmaske am 19.03.2020 in London

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Premier und werdender Vater

Und so spiegelt sich die Corona-Krise in Großbritannien irgendwie in der Person des bislang obersten Bekämpfers. Nicht ganz ernst genommen, zu spät aufgewacht, hält das Land nun den Atem an. Hofft, dass der Premier seine Fähigkeit zu atmen nicht verliert.

Denn trotz aller Kritik an seiner Politik wünschen ihm alle gesellschaftlichen Kräfte, alle, die bei Trost sind, eine schnelle Genesung (bis auf wenige, die soziale Medien nur nutzen, um Gift zu versprühen).

Er ist nicht nur der gewählte Premierminister, verantwortlich für das Wohl des Landes. Sondern auch Vater, Bruder, Sohn. Und Partner einer schwangeren Freundin, die sich wohl ebenfalls infiziert hat. Wie für das ganze Land gilt für Johnson - "keep calm and carry on": Ruhe bewahren und weitermachen. So wie man schon immer am besten möglichst unbeschadet Krisen gemeistert hat.   

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