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Bleibt der Klimaschutz auf der Strecke?

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Corona-Krise und Erderwärmung - Bleibt der Klimaschutz auf der Strecke?

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Weniger Treibhausgas in Corona-Zeiten. Kein Grund zum Jubeln, sagen Klimaforscher. Denn der Effekt könnte ins Gegenteil umschlagen. Oder aber die Chance für einen Neustart bieten?

In der Corona-Krise hat die Rettung von Menschenleben und sicher auch von wirtschaftlichen Existenzen Vorrang. Ein Grund, warum Klimaschutz im Moment nicht ganz oben auf der Liste steht. Ein anderer ist vielleicht: Die Umwelt könnte sich sogar als Krisengewinner entpuppen. Venedigs Kanäle waren noch nie so sauber.

Bildkombo: Schwankung der Stickstoffdioxidkonzentrationen in Europa
Schwankung der Stickstoffdioxidkonzentrationen in Europa zwischen dem 01.01.2020 und 10.03.2020
Quelle: ESA

Satellitenbilder der ESA zeigen eindrucksvoll den massiven Rückgang des Stickstoffdioxidausstoßes über Ballungszentren. Und auch die Emissionen von Treibhausgasen wie CO2 dürften inzwischen drastisch gesunken sein.

Bildkombo: NO2-Emissionswerte in Frankfurt
NO2-Emissionswerte für Frankfurt 05.03.2019 und 25.03.2019 sowie 05.03.2020 und 25.03.2020
Quelle: ESA

Die Klimaziele sind wohl erreichbar

So sehr, dass die Denkfabrik Agora Energiewende davon ausgeht, dass die Bundesregierung entgegen allen Erwartungen ihre Klimaziele für 2020 erreichen wird. In einer Analyse rechnet sie mit einem Rückgang der Emissionen von bis zu 45 Prozent gegenüber 1990.

Angestrebt waren 40 Prozent. Gründe sind der milde Winter, die starke Windstromproduktion und eben jetzt das Herunterfahren von Wirtschaft und Verkehr wegen Corona.

Licht aus Fürs Klima: Trotz Corona haben sich allein in Deutschland mehr als 360 Städte an der "Earth Hour" beteiligt.

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Eine gute Nachricht sei das trotzdem nicht, sagt Brigitte Knopf vom Berliner Mercator-Institut für Klimaforschung (MCC). "Dies ist die teuerste Art, Klimaschutz zu betreiben, nämlich auf Kosten des gesellschaftlichen Wohlstands, der Arbeitsplätze, der sozialen Sicherheit." Außerdem sei der Rückgang zeitlich befristet:

Ein kurzfristiges Abwürgen des Wirtschaftsmotors hilft da nicht, sondern es braucht den Umstieg auf eine neue Antriebstechnik.
Brigitte Knopf, Berliner Mercator-Institut für Klimaforschung

Wenn nach der Corona-Krise die Wirtschaft wieder anläuft, lauert Gefahr

Die Phase, in der der Wirtschaftsmotor wieder angekurbelt wird, birgt für den Klimaschutz noch eine andere Gefahr. Die eines Rückpralleffekts.

Schon während der Finanzkrise 2007 und 2008 hat es einen weltweiten Knick in der Kurve der Treibhausgasemissionen gegeben. Danach allerdings stieg sie nur umso steiler wieder an. Es ging damals um Arbeitsplätze und die Konjunktur. Klimaschutz war nachrangig.

Der Gründer und Chef des größten Vermögensverwalters der Welt, Larry Fink, fordert für sein Unternehmen Blackrock mehr Einsatz für den Klimaschutz. Noch ist Blackrock einer der größten Investoren bei Kohleprojekten – aber ein Umdenken hat eingesetzt.

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Auch jetzt befürchtet die Denkfabrik Agora, dass es nach der Corona-Krise zu einer "Zurückhaltung bei klimaschutzrelevanten Investitionen" kommen könnte - etwa bei Erneuerbaren Energien oder der Gebäudesanierung. Längst gibt es in der deutschen Politik Vorschläge, etwa die Erhöhung der Flugticket-Steuer und den CO2-Preis zu verschieben.

Niedrige Preise gleich mehr Verbrauch

Auch Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur IEA, warnt davor, den Klimaschutz bei künftigen Konjunkturprogrammen aus den Augen zu verlieren. Schaden könne außerdem der derzeit niedrige Ölpreis. "Billigere Energie bringt Verbraucher immer dazu, diese ineffizient zu nutzen."

An den klimapolitischen Durchbrüchen zu rütteln sei aber falsch, sagt Brigitte Knopf: "Im Gegenteil: Der beschlossene CO2-Preis kann den später notwendig werdenden Konjunkturprogrammen eine Richtung geben - und mit dem Aufschwung auch strukturelle Veränderungen hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft anstoßen."

Im Video: Der Vorsitzende des Sachverständigenrates findet nicht, dass die ganze Wirtschaft brachliegt

Professor Lars Feld: Die weitere Entwicklung hänge davon ab, ob die Beschäftigten nach dem 20. April wieder zur Arbeit gehen können.

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Keine Subventionen mehr für fossile Brennstoffe?

Neue Technologien, ebenso wie der Ausbau der immer preisgünstigeren Erneuerbaren Energien und die Gebäudesanierung müssten ins Zentrum gestellt werden, fordert auch Agora in ihrem Bericht. Und IAE-Chef Birol schlägt vor, in dem Zuge auch gleich die Subventionen für fossile Brennstoffe abzuschaffen. Eine Art "grüner Reboot" als Chance also.

Der Umgang mit der Corona-Krise mache dabei sogar Mut, findet der Schweizer Klimaphysiker Reto Knutti. Denn immerhin hätten Forschung und Fakten gerade einen Wert, schreibt er im "Zukunftsblog" der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH). Und:

Die Pandemie zeigt gnadenlos auf, dass es tödlich sein kann, wenn wir Tatsachen ignorieren oder verharmlosen.
Reto Knutti, Klimaphysiker

Die Gesellschaft sei andererseits aber auch fähig, "kollektiv, koordiniert und solidarisch auf eine Bedrohung zu reagieren". Ein Modell vielleicht auch für den Kampf gegen den Klimawandel.

Abgesagter UN-Klimagipfel als Chance

Dass der für November in Glasgow geplante UN-Klimagipfel (COP) nun auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, stößt bei Klimaschützern auf Verständnis. Die Rettung von Menschenleben gehe vor.

Einige sehen darin sogar eine Chance: Das verschaffe den Regierungen Zeit, die Erholung der Wirtschaft nach Corona mit dem Klimaschutz zusammenzudenken, sagt Christoph Bals von Germanwatch. Er sieht noch einen anderen möglichen Vorteil:

Wenn Donald Trump im November als US-Präsident abgewählt wird, kann die nachgeholte COP im kommenden Jahr sogar ein großer klimapolitischer Aufbruch werden.
Christoph Bals, Germanwatch

Auf Eis liegt der Klimaschutz mit der Verschiebung der Konferenz ohnehin nicht. Die Verpflichtung der Länder, in diesem Jahr neue, weitergehende Klimaziele vorzulegen, gilt weiter. „Zurück auf ‚business as usual‘ zu gehen, ist inakzeptabel“, mahnt Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan.

„Die Pandemie zeigt, dass es wichtige Lektionen zu lernen gibt – darüber, wie wichtig es ist, auf die Wissenschaft zu hören und über die Notwendigkeit, schnell und global zu handeln.“ 

Mark Hugo ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.

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