ZDFheute

"Wir werden eine schwere Krise erleben"

Sie sind hier:

Corona-Stresstest für Kliniken - "Wir werden eine schwere Krise erleben"

Datum:

Die Corona-Krise stellt das Gesundheitssystem vor riesige Probleme, sagt Michael Bauer, Chefarzt an der Uniklinik Jena. Mindestens bis Sommer. Er fordert noch schärfere Maßnahmen.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) stuft das Risiko für die Bevölkerung durch das neuartige Coronavirus nun als "hoch" ein. Das Robert Koch-Institut geht von einer mehrjährigen Dauer der weltweiten Infektionen aus.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

heute.de: Es gibt die Kritik, die Bundesregierung habe zu lange gezögert, bis Schulen, Grenzen, Geschäfte geschlossen wurden. Ist die Kritik berechtigt?

Michael Bauer: Ganz sicher ist, dass die Durchführung des Karnevals und der Skisaison etwa in Ischgl zu massiven Infektionsketten in ganz Europa geführt haben. Im Nachhinein waren das schwere Fehler. Aber vermutlich wäre das Verständnis in der Bevölkerung sehr gering gewesen, wenn man im Rheinland den Karneval abgesagt hätte.

heute.de: Reichen die Maßnahmen, die man gestern getroffen hat, um die Infektionsketten zu durchbrechen? Oder ist es schon zu spät?

Bauer: Durchbrechen wird man die Kette nicht mehr vollständig, wenn man epidemiologische Berechnungen anschaut. Was man aus Südkorea und China gelernt hat, ist, dass man die Belastung des Gesundheitssystems erheblich reduzieren kann. Das ist das Gebot der Stunde.

heute.de: Müsste man jetzt noch weiter gehen und Ausgangssperren wie in Frankreich verhängen? Viele treffen sich nun privat, es gibt Corona-Partys …

Bauer: … die sind ein Unding! Aber auch schärfste Maßnahmen können nur noch dazu beitragen, dass sich die Belastung des Gesundheitswesens reduziert. Stoppen können wir die Epidemie wahrscheinlich nicht mehr.

heute.de: Wären Sie also für noch härtere Maßnahmen?

Bauer: Ja, denn alles andere wird zu italienischen Verhältnissen auf unseren Intensivstationen führen.

heute.de: Wie schätzen Sie die Lage in den Kliniken ein, wenn die der Zahl Infizierten steigt: Reicht das Personal, das Material?

Bauer: Wir sind jetzt gut ausgestattet, aber wir werden natürlich einen personellen Engpass erleben, weil wir auf eine Verdopplung der Intensivkapazitäten, die es vermutlich braucht, nicht vorbereitet sind. Wir versuchen jetzt, das Personal, was sonst nicht in der Intensivmedizin eingesetzt ist, zu qualifizieren.

Wir brauchen jetzt Konzepte, wie wir die knappen Ressourcen verwalten und parallel dazu hochfahren.

heute.de: Es gibt ja die Idee, Medizinstudenten einzusetzen, Pflegepersonal aus Arztpraxen in Krankenhäuser zu verpflichten. Ist das eine gute Idee?

Bauer: Die Rekrutierung von Medizinstudenten an Uniklinken ist ein gutes Konzept. Das sind motivierte Leute, die natürlich auch noch geschult werden müssten. Wir werden aber einen sehr, sehr hohen Bedarf an Personal haben, auch in Bereichen, die jeder leisten kann. Wie das Nachtelefonieren von Kontaktpersonen zum Beispiel.

heute.de: Welche neuen Erkenntnisse gibt es, wie die Pandemie verlaufen wird?

Bauer: Epidemiologen haben jetzt die ersten Zahlen in ihre Prognosen einberechnet. Wenn man in den Verlauf nicht eingreift, dann kämen im späten Mai 250 bis 300 Intensivpatienten auf die 34 in Deutschland bereitstehenden Betten pro 100.000 Einwohner. Es wären also sieben bis achtmal so viele Betten nötig, als wir sie jetzt haben. Selbst bei konsequenter Quarantäne liegen wir aber über den 34 Betten.

Selbst wenn wir alle Maßnahmen zur  Abschwächung der sozialen Kontakte ausschöpfen, kämen wir also nur gerade so mit einem blauen Auge davon. Aber das auch nur unter der Voraussetzung, dass nicht auch andere Intensivpatienten anfallen, also Unfälle Herzinfarkte, Schlaganfälle.

Von einer Krise ist aber auf jeden Fall auszugehen, weil wir über die Kapazität des Systems hinausgehen.

heute.de: Wann rechnen Sie mit dem Peak? Tatsächlich schon Ostern?

Bauer: Das glaube ich nicht. Ich hoffe, dass die warme Jahreszeit sich das ein oder andere verhindern lässt. Aber das ist ein Wunsch. Das weiß aktuell niemand. Es gibt Untersuchungen von ernstzunehmenden Virologen, die davon ausgehen, dass das der Effekt des Frühjahrs auf diese Infektionswelle gering sein wird.

heute.de: Was ist ihre Prognose?

Bauer: Meine Prognose ist, dass wir eine schwere Krise des Gesundheitssystems erleben werden. Bis Sommer bestimmt.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.