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Kubicki zur Corona-Debatte - "Nicht das Gehirn ausschalten"

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Bundestags-Vize Wolfgang Kubicki (FDP) kritisiert die Anwendung von Angst als politisches Mittel, Ausgrenzung in der Wissenschaft und "Einzelhaft" für Ältere.

Wolfgang Kubicki, FDP
FDP-Politiker Wolfgang Kubicki warnt vor zuviel Angst in der Corona-Debatte.
Quelle: dpa

ZDFheute: Zehntausende sind bei Anti-Rassismus-Demos auf der Straße. Wie bewerten Sie das?

Wolfgang Kubicki: Wir werden jetzt in den nächsten Tagen gucken müssen, ob aus diesen Massenveranstaltungen weiter Infektionsgeschehen abgeleitet werden können. Wenn nicht, gibt es keine Begründung mehr dafür, dass man nicht etwa auch in Stadien wieder Fußball schauen kann.

ZDFheute: Ansonsten wäre das Aufrechterhalten der Einschränkungen nicht glaubwürdig?

Kubicki: Wenig. Wir hatten etwa eine Versammlung mehrerer Tausend auf dem Wasser in Berlin - das ist sehr scharf kritisiert worden. Wenn‘s dann andererseits um die gute Sache geht, scheint das weniger wichtig. Ich glaube, die Menschen haben ein gutes Gespür dafür, dass man die Begründungen nicht auswechseln kann, je nachdem ob es einem passt oder nicht, wenn man grundrechtseinschränkende Maßnahmen aufrechterhält.

ZDFheute: Zu Beginn der Corona-Krise gab es kaum Kritik an den Einschränkungen - auch nicht von der FDP.

Kubicki: Wir wussten nicht, wie die Pandemie über uns hereinbrechen würde, insofern hat sich auch die FDP an den Maßnahmen beteiligt - für die ersten drei Wochen. Aber seit Ostern war uns klar: Viele Einschränkungen ließen sie sich nicht mehr rechtfertigen. Dort, wo Sie keine infizierten Personen mehr haben, macht es auch keinen Sinn, etwa gastronomische Betriebe geschlossen zu halten. Wir haben in Schleswig-Holstein noch fünf Menschen, die in Krankenhäusern behandelt werden.

ZDFheute: Der wissenschaftliche Diskurs zu diesen Fragen hat sich zuletzt sehr polarisiert.

Kubicki: Wer glaubt, er habe in der Wissenschaft die Wahrheit mit Löffeln gefressen und einen Absolutheitsanspruch, wird demokratischen Ansprüchen nicht gerecht. Und wenn es einen Mainstream gibt, wenn beispielsweise Professor Streeck (Virologe Uni Bonn, d. Red.) sagt, er traue sich schon nicht mehr seine wissenschaftliche Meinung zu sagen, weil der Shitstorm sehr groß wird, dann haben wir nicht nur ein Meinungsbildungsproblem, dann haben wir auch ein Demokratieproblem.

Eine Vorab-Studie, Kollegen-Kritik an Prof. Drosten und die Schlagzeilen der BILD. Der Virologe Martin Stürmer über den Corona-Streit.

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29 min
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ZDFheute: Inwiefern?

Kubicki: Politische Meinungsbildung funktioniert genauso wie Wissenschaft: Man stellt infrage, nur dann kommen wir weiter - und das ist leider in den letzten Wochen unterblieben. Angela Merkel, Herr Söder oder auch Kanzleramtsminister Braun haben behauptet, es gehe zunächst darum, Menschenleben zu retten. Das war am Anfang tatsächlich der Fall, aber mittlerweile müssen wir uns fragen, ob wir allgemeine Lebensrisiken tatsächlich komplett ausschalten können.

Was machen wir bei der nächsten Grippewelle? Machen wir dann auch einen Shutdown wie beim Corona-Virus?
Wolfgang Kubicki

ZDFheute: Was sollte man denn tun?

Kubicki: Wir wissen jetzt, wer die Risikogruppen sind, wie sie geschützt werden können, und dass die Infektionszahlen - Gott sei Dank! - dramatisch zurückgegangen sind. Daher wissen wir auch, dass wir zu einem gewissen Maß an Normalität zurückgehen können, in den Schulen, in den Kitas, in den Alten- und Pflegeheimen. Denn das, was wir etwa mit den älteren Menschen gemacht haben - dass sie teilweise in Einzelhaft gehalten worden sind, über Wochen hinweg, ohne jeden Kontakt - ist nicht nur unmenschlich, sondern auch rechtswidrig.

Demonstration gegen Rassismus in München
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Der Philosoph Julian Nida-Rümelin warnt davor, das Meinungsspektrum zu verengen, sich auf eine wissenschaftliche Theorie zu beschränken – und unterschiedliche Maßstäbe anzulegen.

ZDFheute: Viele mahnen vor einer zweiten Welle.

Kubicki: Mahnen ist immer gut, aber man darf dabei nicht das Gehirn ausschalten. Diejenigen, die realistisch an die Sache herangehen, haben genauso viel Respekt verdient wie diejenigen, die vor großen Wellen, vor Hunderttausenden von Toten warnen.

Man kann mit Angst Politik machen, aber Angst ist kein guter Ratgeber.
Wolfgang Kubicki, FDP

Wir sind überhaupt in einer merkwürdigen Diskussion: Viele Menschen glauben, wenn sie sich mit Corona anstecken, sei das ein Todesurteil, ähnlich Bauchspeicheldrüsenkrebs. Das ist völliger Unsinn. Über 80 Prozent haben gar keine Symptome, und wir haben nur relativ wenige schwere Verläufe. Uns darauf zu konzentrieren, ist das A und O - aber man muss den Menschen nicht Angst machen, dass Corona die Menschheit ausrotten könnte.

Das Interview führte Daniel Pontzen aus dem ZDF-Hauptstadtstudio in Berlin.

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Wie hoch ist die Corona-Inzidenz in meinem Landkreis? Wie viel Fälle gab es insgesamt vor Ort? Wie viele Menschen sind verstorben? Alle Zahlen in unserer Corona-Karte.

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Immer lauter wird der Ruf nach mehr Drittimpfungen. Anspruch auf eine dieser sogenannten Booster-Impfungen haben ältere Menschen und Risikogruppen.

26.10.2021
von Heike Slansky
Videolänge
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