ZDFheute

"Das Virus macht demütig"

Sie sind hier:

Politik im Corona-Modus - "Das Virus macht demütig"

Datum:

Er ist Corona-positiv und daheim. Eine neue Situation für FDP-Politiker Lambsdorff. Anfangs war das "sehr gewöhnungsbedürftig", sagt er. Jetzt ist er wieder mittendrin. Virtuell.

Archiv: Alexander Graf Lambsdorff am 26.02.2020 in Karlsruhe
Alexander Graf Lambsdorff
Quelle: dpa

ZDFheute: Wie geht es Ihnen?

Alexander Graf Lambsdorff: Mir geht es ganz gut, meine Symptome sind alle ziemlich schwach. Viele in meinem Alter haben deutlich schlimmere Verläufe. Eins ist klar: Corona ist mehr als eine einfache Grippe.

ZDFheute: Fühlen Sie sich gut versorgt, auch medizinisch?

Lambsdorff: Ja. Das Gesundheitsamt in meiner Heimatstadt Bonn ist sehr schnell mit mir in Kontakt getreten, inzwischen auch das Berliner. Insofern fühle ich mich gut versorgt. Gleichzeitig haben meine Nachbarn von sich aus angeboten, Einkäufe zu erledigen. Meine Quarantäne ist gut zu ertragen.

ZDFheute: Wie ist denn dieses Leben, wenn man als Politiker von Tempo 250 auf 0 gedrosselt wird?

Lambsdorff: Das geht vermutlich vielen anderen auch so, die in Hochleistungsjobs unterwegs sind, Fußballprofis in der Bundesliga, Manager in Großunternehmen, Freiberufler, die gerade an wichtigen Projekten arbeiten. Das ist am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig. Aber wir alle haben im Jahr 2020 einen großen Vorteil: die Digitalisierung. Wir können über Whatsapp, Konferenzsoftware, Twitter und Skype kommunizieren, auch mit unseren Liebsten in Kontakt bleiben und sie dabei sehen. Das erleichtert das Ganze schon erheblich.

Alle Zahlen und Grafiken zum Coronavirus

Covid-19 -
Zahlen zur Ausbreitung des Coronavirus
 

Das Coronavirus verbreitet sich immer weiter, die Zahl der Infizierten steigt nach wie vor weltweit an.

von Simon Haas, Robert Meyer

ZDFheute: Haben Sie auch politisch weitergearbeitet und hatten Kontakt zur Ihrer Fraktion?

Lambsdorff: In der ersten Zeit, als es mir deutlich schlechter ging, habe ich mich zurückgenommen, da hätte ich mit Fieber auch keinen sinnvollen Beitrag leisten können. Seitdem es mir besser geht, bin ich praktisch den ganzen Tag in Telefonkonferenzen, Videoschalten und Gesprächen. Wir sehen als FDP ja unsere Mitverantwortung im Bundestag für die Gestaltung des Hilfspakets für die Wirtschaft und für die Weiterentwicklung des Infektionsschutzgesetzes.

ZDFheute: Reicht das milliardenschwere Finanzpaket der Bundesregierung aus, um die Wirtschaft zu stützen?

Lambsorff: Größtenteils ist das in Ordnung, aber es gibt ein Manko, das wir als FDP monieren: Dass nämlich für Unternehmen von elf bis 249 Beschäftigten nichts vorgesehen ist. Das sind so viele Unternehmen aus dem Mittelstand, sie sind bisher vergessen worden von der Bundesregierung. Da muss dringend nachgearbeitet werden.

Um Betriebe vor den wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus zu schützen, hat das Bundeskabinett umfangreiche Rettungspakete beschlossen. Viele Unternehmen sind dringend darauf angewiesen.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

ZDFheute: Wie konkret?

Lambsdorff: Die Bundesregierung verweist auf die Kreditanstalt für Wiederaufbau und die Geschäftsbanken. Aber deren Mitarbeiter sind auch alle im Homeoffice und die Ausreichung von Krediten ist ohnehin schon sehr bürokratisch.

Viel sinnvoller wäre es, wir würden eine negative Gewinnsteuer einführen.

Dann könnten die Finanzämter, die einen direkten Draht in die Unternehmen haben, angesichts der einbrechenden Gewinne eine Steuergutschrift überweisen, damit Liquidität erhalten bleibt und die laufenden Kosten beglichen werden können.

Das könnte in den nächsten Jahren mit den Steuerzahlungen wieder verrechnet werden, so dass es keinen Verlust für den Steuerzahler gibt und keine Ausweitung der Geldmenge, die ja immer eine Inflationsgefahr bedeutet. Das wäre schneller und wirksamer als bürokratische Kreditverfahren.

ZDFheute: Mich wundert, dass Sie nicht Abschaffung des Solidaritätszuschlags sagen. Das sagt die FDP doch sonst immer?

Lambsdorff: Der Soli ist ja nur relevant, wenn man Gewinn macht und Steuern zahlt. Viele Unternehmen werden aber jetzt nichts zahlen, weil sie Verluste machen. Die Abschaffung des Soli bleibt natürlich richtig, sie ist in der Krise aber nicht das schnell wirksame Mittel der ersten Wahl.

ZDFheute: Wie sehr blutet Ihnen als Europapolitiker das Herz, wenn Sie sehen, wie zerfasert die EU in der Krise reagiert?

Lambsdorff: Da gibt es ein gemischtes Bild:

Die Europäische Union ist langsam in die Gänge gekommen.

Das liegt auch daran, dass in den europäischen Hauptstädten zu wenig Gemeinschaftssinn herrscht, auch in Berlin. Dass es am Anfang von Deutschland Ausfuhrsperren für medizinische Produkte nach Italien gab, hat die Italiener zutiefst verärgert.

Aber jetzt sehen wir, dass Nordrhein-Westfalen und Sachsen italienische Patienten behandeln, Saarland und Baden-Württemberg französische Patienten. Also die Europäische Kommission fasst langsam Tritt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Bekämpfung einer Epidemie nicht Teil der europäischen Verträge ist. Es gibt keine direkte Zuständigkeit.

Um die katastrophale Situation in den italienischen Kliniken zu mindern, hat sich Sachsen bereit erklärt, Covid-19-Patienten aus Italien aufzunehmen. Ein Zeichen der Solidarität, und auch eine Vorwarnung für das, was auf die deutschen Kliniken zukommt.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

ZDFheute: Müsste man da nachbessern?

Lambsdorff: Man sollte über den Vorschlag des Ratspräsidenten Charles Michel reden, ein europäisches Zentrum zur Krisenkoordination einzurichten. Denn es ist ja nicht zu erklären, dass auf der einen Seite der EU Millionen Atemschutzmasken in Lagern liegen und auf der anderen werden welche händeringend gebraucht. Wir brauchen da mehr Zusammenarbeit.

ZDFheute: Werden Sie bei der Bundestagssitzung am Donnerstag schon wieder dabei sein können?

Lambsdorff: Nein. Ich bin positiv getestet, also halte ich mich zurück, um andere nicht in Gefahr zu bringen.

ZDFheute: Wie schwer fällt Ihnen das, bei dieser vermutlich historisch einzigartigen Sitzung nicht dabei sein zu können und keine Rede in der Generaldebatte zu halten?

Lambsdorff: Das fällt einem engagierten Politiker natürlich sehr schwer. Ich bin aber nicht der einzige, dem Kollegen Cem Özdemir und anderen wird es genauso gehen. Das Virus macht einen demütig, man kann eben nicht immer alles - und die Gesundheit geht vor. Da müssen wir die Debatte von zuhause aus verfolgen.

ZDFheute: Welche guten Vorsätze aus der Quarantänezeit nehmen Sie mit, wenn Sie wieder raus dürfen?

Lambsdorff: Ich habe mir fest vorgenommen, die Freiheiten des Alltags, die oft als Selbstverständlichkeit gesehen werden, bewusster und mit mehr Freude zu würdigen. Dazu gehört der kleine Spaziergang genauso wie der Gang ins Museum oder ins Konzert, aber vor allem auch das persönliche Aufeinandertreffen mit Familie, Freunden und Kollegen. Bei allen digitalen Möglichkeiten ersetzt doch nichts den direkten menschlichen Kontakt.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

Aktuelles zur Coronavirus-Krise

Illustration des Corona-Virus

Nachrichten | Politik -
Aktuelles zur Coronavirus-Krise
 

Milliardenhilfen in vielen Ländern, Einschränkungen des öffentlichen Lebens, Suche nach dem Impfstoff - verfolgen Sie alle Entwicklungen der Corona-Pandemie in unserem Liveblog.

Aktuelles zur Coronavirus-Krise

Blick auf das Logo vor einem Gebäude der WHO in Genf

Nachrichten | heute journal -
Die Corona-Lage in Europa
 

Mit den wachsenden Infektionszahlen in Frankreich und Spanien steigen nun auch die Todeszahlen in beiden Ländern. Auch GB, Österreich und Dänemark verschärfen die …

von Christian Kirsch
Videolänge:
1 min
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.