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"Wirtschaft kann sich erholen, Tote nicht"

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Karl Lauterbach im Interview - "Wirtschaft kann sich erholen, Tote nicht"

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Werden sich in Deutschland wirklich 60 Prozent der Menschen mit Corona infizieren? SPD-Politiker Karl Lauterbach will das verhindern. Er kämpft für eine ehrgeizigere Strategie.

Karl Lauterbach plädiert für die Widerspruchslösung.
Karl Lauterbach
Quelle: Kay Nietfeld/dpa

ZDFheute: Herr Lauterbach, bisher gehen die meisten Experten davon aus, dass sich in Deutschland 60 bis 70 Prozent der Menschen mit dem Coronavirus infizieren werden. Sie wollen, dass diese Zahl bei höchstens 15 Prozent liegt. Warum?

Karl Lauterbach: Ich bin als Wissenschaftler, als Arzt zu der Überzeugung gekommen, dass wir die Folgen von Corona für den Einzelnen unterschätzt haben. Die Todesfälle sind furchtbar genug und natürlich muss die Zahl der Todesfälle so gering gehalten werden wie irgend möglich.

Man darf aber auch nicht übersehen, dass nicht jeder, der wieder gesund wird, wirklich wieder komplett gesund wird.

Eine längere Beatmung zum Beispiel geht an keinem Menschen spurlos vorbei. Gerade ältere Menschen behalten langfristig oft schwere Schäden. Wir wissen, dass bei einer längeren Beatmung zum Beispiel das spätere Demenzrisiko erhöht ist oder oft Nieren und andere Organe beschädigt werden.

Auf jeden, der verstirbt, könnten etwa fünf oder mehr Menschen kommen, die einen bleibenden Schaden erleiden. Das können wir zumindest nicht ausschließen. Das ist ein sehr hohes Risiko, das wir bei der derzeitigen Diskussion nicht mit einkalkulieren. Ideal wäre es daher, wir könnten die Pandemie in Deutschland ganz unterdrücken und die Zahl der Infizierten so klein wie möglich halten.

ZDFheute: Das heißt, selbst wenn es gelingt, dass sich 60 bis 70 Prozent der Menschen über einen längeren Zeitraum infizieren und dadurch das Gesundheitssystem gerade noch funktionieren würde, wäre die hohe Zahl an Infizierten trotzdem immer noch schlecht?

Lauterbach: Genau, deswegen komme ich zu der persönlichen Einschätzung, dass die Strategie, dass wir irgendwann langsam, aber schrittweise 60 Prozent der Bevölkerung infiziert haben, auf jeden Fall falsch ist.

Wir sollten wirklich das Ziel haben, auf keinen Fall mehr als maximal zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung einer solchen Infektion auszusetzen, bis ein Impfstoff entwickelt ist. Wenn sich weniger infizieren, wäre das deutlich besser natürlich.

"maybrit illner“ mit dem Thema "Kampf gegen Corona - genug Geld, genug Kraft, genug Zeit?" vom 26. März 2020.

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Selbst das würde noch bedeuten, und das darf man nicht unterschätzen, dass möglicherweise Hunderttausende einen bleibenden Schaden riskieren und sehr viele Menschen sterben.

Bei einer Sterblichkeit von einem halben Prozent, die derzeit niemand ausschließen kann, würden möglicherweise 50.000 Menschen an Covid-19 sterben, wenn auch nur zehn Prozent sich infizieren würden.

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ZDFheute: Wie sieht unser Leben dann aus, wenn wir ein maximal 15-Prozent-Ziel verfolgen? Dürften wir zum Beispiel unsere Kinder noch in die Kita schicken?

Lauterbach: In der Zeit, in der wir so leben, wäre es in der Tat ein anderes Leben als wir es gekannt haben. Kita und Schule können stattfinden, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Das muss in der Tat gut vorbereitet werden. Es geht darum, mit Augenmaß den Schulbetrieb und das Leben so zu organisieren, dass dabei weiterhin im Vordergrund die Nicht-Ansteckung steht.

Wir dürfen nicht auf die Idee kommen, dass wir Phasen der wenig begrenzten Ansteckung mit Phasen der Isolation sich abwechseln lassen.
Karl Lauterbach

ZDFheute: Aber wenn die Kinder wieder in die Kita gehen, laufen wir dann nicht Gefahr, dass die Kinder ihre Eltern zu Hause reihenweise infizieren werden?

Lauterbach: In der Tat, das ist so. Daher müssen die Bedingungen in Kita und Schule so sein, dass die Infektionsgefahr minimal ist. Dazu zählen im Übrigen auch Masken und massenhaftes Testen. Da stimme ich ausdrücklich der Position von Horst Seehofer zu, der da eine konservative Position zu vertreten scheint.

Massenhaftes Testen bedeutet, dass man jeden Verdachtsfall sofort isolieren kann. Und auch der Schutz durch qualitativ hochwertige Masken spielt eine ganz zentrale Rolle. Dazu kann auch die freiwillige Überwachung durch eine App kommen zur Nachvollziehung möglicher Fälle.

Wir müssen also die soziale Distanzierung in einer veränderten Form weiter aufrechterhalten, dabei sehr viel mehr testen und Masken, wo verfügbar, einsetzen - auch jenseits des medizinischen Bereichs.

ZDFheute: Das klingt nicht so, als würden Sie Forderungen, die Wirtschaft in absehbarer Zeit wieder anlaufen zu lassen, gut finden?

Lauterbach: Eine Rückkehr zur Normalität wenige Wochen nach Ostern mit einem Primat der schnellen Wiederherstellung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands halte ich für nicht vertretbar.

Die Wirtschaft kann sich erholen, eine dauerhaft geschädigte Lunge oder gar ein Toter erholen sich nicht.
Karl Lauterbach

ZDFheute: Wenn Sie das Ziel favorisieren, nach dem sich weniger, maximal 15 Prozent der Bevölkerung überhaupt infizieren: Halten Sie dann die Strategie einiger Menschen falsch, die sagen: Na, dann infiziere ich mich doch lieber jetzt, wo die Krankenhäuser noch halbwegs funktionieren als im Sommer, wenn das System überlastet ist?

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Lauterbach: Die Diskussion ist zwar wichtig, aber das Ziel wäre falsch. Auch wenn Sie sich jetzt infizieren, kann es durchaus dazu führen, dass Sie einen schweren Schaden hinnehmen müssen.

Auch bei jungen Menschen kann es durchaus zu einem schweren Verlauf kommen.
Karl Lauterbach

Das sehen wir viel häufiger als anfangs erwartet. Hinzu kommt: Wenn Sie Pech haben, sind die Verläufe noch ganz andere. Von daher halte ich das für eine gewagte und falsche Strategie. Es muss uns gelingen, mit einem möglichst kleinen Anteil der Bevölkerung durch die Welle zu kommen, bis es eine Impfung gibt, beispielsweise im Frühjahr nächsten Jahres.

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ZDFheute: Glauben Sie, dass das mehrheitsfähig ist in Deutschland?

Lauterbach: Ich glaube ja, wenn die Bevölkerung besser versteht, wie gefährlich die Krankheit ist - auch für diejenigen ohne Vorerkrankung in der mittleren Altersgruppe und insbesondere für die Älteren, die überleben, aber Dauerschäden behalten.

Wenn man die Bevölkerung informiert fragen würde, bin ich ganz sicher, dass eine kritische Gruppe der Bevölkerung nicht bereit wäre, ein solches Risiko einzugehen.

ZDFheute: Das klingt nach mindestens einem sehr restriktiven Jahr. Eine persönliche Frage zum Schluss. Fahren Sie noch Bahn?

Lauterbach: Ich fahre noch mit dem Zug, ja. Ich bemühe mich aber, entsprechende Abstände zu halten und niemandem zu nahe zu kommen. Ich fasse mir selbst nicht ins Gesicht, ich bin sehr vorsichtig mit der Hygiene. Aber ich muss Zug fahren, weil ich zwischen Berlin und Köln zum Beispiel hin- und herfahren muss. Es fällt mir schwer, aber ja, ich fahre noch Zug.

Das Interview führte Dominik Rzepka.

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