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Europas ganz normaler Albtraum

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Flüchtlingslager Moria - Europas ganz normaler Albtraum

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Für Tausende Flüchtlinge ist aus dem Traum Europa ein Albtraum geworden: Sie sitzen auf Lesbos fest. Nun kommt die Angst vor Corona hinzu. Ein Besuch im Lager Moria.

Das Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist das größte Lager für geflüchtete Menschen an Europas Außengrenzen.

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Im Flüchtlingslager Moria tauche ich in eine andere Welt ein: verwinkelte, durch Plastikplanen abgeteilte Gänge, Verschläge aus Wellblech, stickige Enge. Lehmboden, der bei Regen aufweicht. Einfache Zelte, in denen ganze Familien leben. Zäune und Wachposten erinnern daran, dass es sich niemand ausgesucht hat, hier zu sein. An das eigentliche Lager schließen sich ausufernde Siedlungen an: der "Dschungel", wie ihn hier alle nennen. Spontan denke ich an Slums in afrikanischen oder asiatischen Großstädten. Doch wir sind mitten in Europa.

"Wir haben hier keine sichere Nacht"

Eigentlich war das Camp als "Hotspot" für rund 3.000 Flüchtlinge geplant. Jetzt leben mehr als fünf Mal so viele Menschen hier - unter menschenunwürdigen Bedingungen. Eine von ihnen ist Enisa aus dem Iran, die eigentlich anders heißt, die ich in ihr Zelt begleite. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie seit 17 Monaten in Moria.

Die Hitze macht ihnen zu schaffen, und die mangelnde Hygiene. Die Kinder haben Hautausschlag am ganzen Körper, vermutlich Krätze, aber ärztliche Versorgung ist hier kaum zu bekommen. Wegen Corona haben Anfang März die meisten Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter abgezogen. Enisa weint. "Wir haben hier keine sichere Nacht", erzählt sie mir. Es gebe Kriminalität, Kämpfe und keinen Schutz.

Das ohnehin schon überfüllte Flüchtlingslager in Moria bietet den perfekten Nährboden für das Coronavirus. Doch statt zu handeln, bleibt die EU uneinig.

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Bisher keine Corona-Fälle

Beim Gang durch das Camp fällt sofort auf, was fehlt: Toiletten gibt es viel zu wenige, Wasser zum Duschen gibt es nur zweieinhalb Stunden am Tag für das ganze Camp. "Social distancing", Abstand halten ist hier kaum möglich. Die Bedrohung durch Corona schwebt wie eine dunkle Wolke über dem Camp, aber bisher ist keine Ansteckung bekannt.

"Das ist ein Wunder", sagt mir Raed Alabd aus Syrien. Niemand will sich ausmalen, was ein Ausbruch der Krankheit hier bedeuten würde. Das Selbsthilfeteam "Flüchtlinge gegen Corona" stemmt sich dagegen. Gemeinsam mit dem Apotheker Omid Alizadah aus Afghanistan verteilen sie Handzettel über Hygiene. Immer in dem Wissen, dass es weder genügend Masken noch ausreichend Wasser gibt:

Die Wasser-Situation ist katastrophal, wenn die Leute welches hätten, würden sie rennen, um sich die Hände zu waschen.
Omid Alizadah, Helfer im Flüchtlingslager Moria

Moria: "Schande Europas"

Rund 5.000 Flüchtlinge konnten inzwischen aufs Festland umziehen. Auch Deutschland hat schon einige kranke und unbegleitete Kinder und Jugendliche aufgenommen, weitere sollen folgen. Doch noch immer sind Hunderte unbegleitete Kinder und Jugendliche in dem Lager. Die EU ist von ihrer Zusage, 1.600 Minderjährige aufzunehmen, weit entfernt. Marco Sandrone von "Ärzte ohne Grenzen" bezeichnet das Camp mir gegenüber als "Schande Europas".

An der Küste der Insel liegt das Schiff "Mare Liberum" vor Anker, dessen Crew sich der Beobachtung von Menschenrechtsverletzungen verschrieben hat. Wegen neuer Sicherheitsauflagen dürfen sie nicht mehr ausfahren. Lisa von der Crew hat dennoch einen guten Überblick über die Lage.

Geflüchtete werden abgedrängt

Sie sammelt Augenzeugenvideos und -berichte und hat seit Anfang März mehr als 40 illegale "Push-Backs" dokumentiert: Die griechische Küstenwache drängt Flüchtlingsboote ab oder macht sie manövrierunfähig. "Das ist das, wofür die EU steht im Mittelmeer", sagt Lisa - sie gehört zur Crew des Rettungsschiffs "Mare Liberum". Sie fügt hinzu:

Die wollen, dass die Leute hier im Mittelmeer ertrinken, damit sie ja nicht nach Europa kommen.

Der griechische Schiffahrtsminister, Ioannis Plakiotakis, hatte die Vorwürfe im Juni zurückgewiesen. Die griechische Küstenwache operiere immer in Übereinstimmung mit internationalem Recht. Zahlreiche Videoaufnahmen zeigen jedoch etwas anderes.

Mehr über die Lage auf Lesbos in der Sendung "dunja hayali" am 30. Juli um 22.15 Uhr im ZDF oder hier im Livestream:

Politik | dunja hayali -
dunja hayali vom 30.07.2020
 

Wie ist die Lage an der EU-Außengrenze und wie gut sind in Deutschland lebende Geflüchtete integriert? Außerdem: Die Infektionszahlen steigen wieder an. Droht jetzt eine neue Infektionswelle?

von Merle Upmann und Caro Pellmann
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