ZDFheute

Experten-Papier zeigt mögliche Exit-Strategie

Sie sind hier:

Bundesregierung und Corona - Experten-Papier zeigt mögliche Exit-Strategie

Datum:

Nachdenken über den Kurswechsel: Ein vertrauliches Experten-Papier, das dem ZDF vorliegt, gibt Empfehlungen für eine Exit-Strategie.

Archiv: Ein Polizeifahrzeug patroulliert im Münchner Residenzgarten, aufgenommen am 01.04.2020
Ein Polizeifahrzeug patroulliert im Münchner Residenzgarten.
Quelle: picture alliance/ZUMA Press

In einem vertraulichen Experten-Papier, das dem ZDF vorliegt, rechnen Fachleute damit, dass die Corona-Pandemie noch bis 2021 andauern wird. Das Papier soll für das Bundesinnenministerium bestimmt gewesen sein. Das Ministerium erklärte aber, man habe das Papier weder erarbeitet noch in Auftrag gegeben.

Dem Experten-Papier zufolge müsse man sich darauf einstellen, dass es möglicherweise nicht gelinge, noch in diesem Jahr einen Impfstoff oder ein wirksames Medikament zu entwickeln. Da die wirtschaftlichen und sozialen Kosten der aktuellen Notmaßnahmen für so lange Zeit nicht zu vertreten seien, müsse der Übergang zu neuen Wegen der Viruskontrolle rechtzeitig geplant werden.

Mobile Teststationen

Im Vordergrund der Empfehlungen steht der möglichst rasche Aufbau eines bundesweiten Test- und Meldesystems. Die Kapazitäten dafür müssten unter Aufbietung aller Kräfte gewaltig erhöht werden. Das Ziel: Statt derzeit 60.000 Corona-Tests pro Tag solle man versuchen, bis Ende Mai täglich 500.000 Personen zu testen. Dazu brauche man ein Netz von mobilen Teststationen - aufgebaut und betrieben mit Hilfe von Bundeswehr, Technischem Hilfswerk und Deutschem Roten Kreuz. Nach Ansicht der international besetzten Expertengruppe muss das Test- und Meldesystem ungleich mehr Menschen erfassen als heute.

"maybrit illner“ mit dem Thema "Testen, Tracken, Impfen – Wettlauf gegen die Zeit" vom 2. April 2020 im ZDF.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Aktuell komme in besonders stark betroffenen Ländern wie Bayern und Baden-Württemberg auf zehn Getestete ein positiver Fall. Als Ziel wird ein Verhältnis von zunächst 1:100 (positive Fälle zu Tests), später sogar 1:1.500 genannt. Nach den Erfahrungen in Südkorea und China sei diese Kontrolldichte nötig, um das entscheidende Ziel zu erreichen: eine Ansteckungsquote von maximal 1:1; das heißt ein Erkrankter soll im Durchschnitt höchstens eine Person anstecken können.

Intensive Fahndung

Sobald man bei einem Menschen eine Infektion festgestellt habe, sollten binnen 24 Stunden mindestens 80 Prozent seiner Kontaktpersonen festgestellt werden. Pro Erkranktem müssten im Idealfall durchschnittlich 80 bis 90 Kontaktpersonen ausfindig gemacht, benachrichtigt und getestet werden. Zu erreichen sei das durch die freiwillige Nutzung von Apps und durch intensive Fahndung seitens der Gesundheitsämter. Deren Personal müsse man dafür erheblich aufstocken - etwa mit Studenten, Auszubildenden in Gesundheitsberufen, Kurzarbeitern und Bundeswehrsoldaten.

Alle Zahlen und Grafiken zum Coronavirus

Covid-19 -
Zahlen zur Ausbreitung des Coronavirus
 

Wie breitet sich das Coronavirus aus? Infografiken, Zahlen und Daten zur Entwicklung von Covid-19 in Deutschland und weltweit - immer aktuell.

von Simon Haas, Robert Meyer

Nicht nur bei Infizierten, sondern auch bei Kontaktpersonen wird zu sofortiger Isolierung geraten. Allerdings verrät das Papier nichts darüber, wie man den personellen Engpass in den Laborbetrieben beheben will. Dort fehlen Fachkräfte, die man nicht durch schnelle Umschulungen herbeizaubern kann.

Quarantäne-Hotels und Sanktionen

Neben dem Verbleib in der Wohnung werden auch spezielle Quarantäne-Hotels diskutiert, in die man sich freiwillig begeben kann. Die Fachleute raten auch zu staatlicher Härte: Wer Quarantäne-Regeln oder Vorschriften zur Wahrung körperlicher Distanz missachte, solle bestraft werden. Gefordert wird eine rechtliche Verpflichtung, sich bei Verdacht zu melden und testen zu lassen.

Der großflächige "Lock-Down" solle durch zielgerichtete Schritte abgelöst werden: einerseits strikte Isolierung von Infizierten und Verdachtsfällen, auf der anderen Seite konsequenter Schutz von Risikogruppen, also Älteren und Kranken. Dazu gehören laut Expertenschätzungen etwa 20 Millionen Menschen in Deutschland.

All diese Schritte sehen die Fachleute als Voraussetzung dafür an, dass die sozialen und wirtschaftlichen Restriktionen gelockert werden können. Auf die vorübergehend eingeführten Grenzkontrollen innerhalb des Schengen-Raums könne man verzichten, wenn es ein EU-weites System zur Nachverfolgung von Verdachtsfällen gebe. Auch die EU-Außengrenzen könnten zumindest dort wieder durchlässiger werden, wo Drittstaaten ein effektives System einführen, um Verdachtsfälle zu testen und zu isolieren.

Regionale Öffnung von Schulen

Die Wiederöffnung geschlossener Betriebe solle nach drei Kriterien erfolgen: Wirksamkeit betrieblicher Schutzmaßnahmen, Häufigkeit des Kundenkontakts und gesellschaftliche Relevanz. Demnach dürfte etwa ein Betrieb umso eher wieder seine Tore öffnen, je besser er Mitarbeiter und Kunden schützt. Selbst Restaurants und Gaststätten sollen wieder arbeiten dürfen, wenn sie die Zahl der Besucher begrenzen und für hinreichenden Abstand sorgen.

Für Schulen und Universitäten empfehlen die Experten ein differenziertes Vorgehen nach Ländern, Regionen und Orten - sogenannte Insellösungen, abhängig von regionaler oder lokaler Risikoeinschätzung. Bei Schuleingangsuntersuchungen sollten Covid-19-Tests Pflicht werden. Großveranstaltungen und private Feiern sollen allerdings bis auf weiteres verboten bleiben.

Anmerkung der Redaktion: Nachdem sich ein Sprecher des Bundesinnenministeriums zu den Medienberichten geäußert hatte, wurde der Beitrag entsprechend angepasst.

Aktuelles zur Coronavirus-Krise

Demonstration gegen Corona-Beschränkungen in Berlin

Opposition in Krisenzeiten -
Wie viel Konsens verträgt eine Pandemie?
 

Die Demonstrationen am Samstag in Berlin richteten sich gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung. Aber nicht nur - sie sind auch ein Ruf nach mehr Opposition im …

von Winnie Heescher, Berlin
Videolänge:
3 min
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.