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"Öffnungsdiskussionsorgien" - Ein Unwort, das nachhallen wird

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Merkel schweigt nicht mehr - zum Glück. Aber sie macht kommunikative Fehler. Ein Kommentar von ZDF-Korrespondent Florian Neuhann.

Florian Neuhann, Frau öffnet Ladentür
Florian Neuhann aus dem ZDF-Hauptstadtstudio kommentiert
Quelle: dpa

"Und die Kanzlerin? Sie schweigt, wieder einmal." So oder ähnlich haben wir das in den letzten Jahren ständig formuliert, in den Beiträgen für "Berlin direkt" oder das "heute-journal", in den Texten für ZDFheute.

Ein Klassiker aus dem Stehsatz der Berliner Hauptstadtkorrespondenten. Jetzt gilt er nicht mehr.

Merkel führt von vorn - eine Selbstverständlichkeit

Auch zu Beginn dieser Krise hatte Merkel viel zu lange gezögert, sich einzuschalten. Doch spätestens seit ihrer Fernsehansprache ist das anders. Allein im April vier Pressekonferenzen, der Termin nach dem Corona-Kabinett ist fast zur Routine geworden, auch heute wieder.

Angela Merkel führt, und zwar von vorn. Das ist gut so - andererseits aber, im Angesicht dieser historischen Krise, auch selbstverständlich.

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Umso irritierender: kommunikative Fehler in der Krise

In der Abwägung mag mancher zu einem anderen Ergebnis kommen. Merkel aber weicht kritischen Fragen zu ihren Maßstäben nicht aus.

Ihre naturwissenschaftlich-nüchterne Erklärung, wie ein erhöhter Reproduktionswert von 1,3 schon im Juni zu einer Überlastung des deutschen Gesundheitssystems führen könne, geht längst auch im Ausland viral.

Umso irritierender aber sind ihre kommunikativen Fehler. Als sie vor Wochen in ihrem Podcast die Ansage machte, jetzt dürfe man nicht über Lockerungen "nachdenken", klang das in den Ohren mancher schon nach einem Denkverbot. Erst recht, als sie diese Formulierung in einer telefonischen Pressekonferenz wiederholte.

Handeln als "alternativlos" zu kennzeichnen, fiel ihr schon in der Finanzkrise auf die Füße. Merkel hätte gewarnt sein können.

"Öffnungsdiskussionsorgien": Kandidat für das Unwort des Jahres

Heute nun hat sie - in einer internen Schalte des CDU-Präsidiums - den Kritikern ihrer Politik eine Steilvorlage geliefert, wie sie aus deren Sicht schöner nicht sein konnte: mit dem Wort der "Öffnungsdiskussionsorgien". Ein Kandidat für das Unwort des Jahres.

Ja, das Wort war nicht an die Öffentlichkeit gerichtet - sondern als Machtwort an die Laschet-Fraktion, die kaum noch über die Gefahren der Pandemie sprach. Und ja, die Sorge der Kanzlerin, dass solche Debatten missverständliche Signale senden, ist zumindest nachvollziehbar. Dafür reicht ein Blick vor die Haustür, in wieder gefüllte Parks und die sorglose Haltung vieler Menschen.

Aber: Dass die missverständliche Formulierung sofort den Weg in die Öffentlichkeit finden würde, hätte Merkel wissen müssen. Dass das Kennzeichnen einer nötigen Debatte als "Orgie" viele Kritiker verstören muss, ebenfalls. Die Formulierung wird noch lange nachhallen. Sie war, um ein anderes berühmt gewordenes Merkel-Diktum zu zitieren: "nicht hilfreich".

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