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Regenbogen- neben Reichsflaggen - Wohin entwickeln sich die Corona-Demos?

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Der Protestforscher Edgar Grande untersucht, wie die Deutschen über die Proteste gegen die Corona-Politik denken. Er plädiert dafür, den Protest zu deradikalisieren.

Protest gegen Corona-Maßnahmen in Berlin. Archivbild
Protest gegen Corona-Maßnahmen in Berlin (Archivbild) - die Demonstrierenden sind sehr heterogen.
Quelle: Kay Nietfeld/dpa

ZDFheute: Von der Demo am Wochenende in Berlin bleiben Szenen hängen, in denen Menschen mit Reichsflaggen vor den Bundestag stürmen. Haben Rechtsextreme die Proteste gekapert?

Edgar Grande: Reichsbürgern und Rechtsextremen ist es am Wochenende gelungen, ihre Botschaften, Themen und Bilder zu setzen. Sie haben die Demos instrumentalisiert. Von einer generellen Unterwanderung der Proteste würde ich aber nicht sprechen.

ZDFheute: Die Protestierenden in Berlin waren sehr heterogen - Hippies liefen neben Familien mit Kindern und hintendran Reichsbürger - kann man trotzdem von einer Bewegung sprechen, wie etwa Fridays for Future?

Grande: Noch nicht. Es ist höchstens eine Bewegung in ihren Anfängen, denn sie ist - im Gegensatz zu Fridays for Future - schwach organisiert und wenig gesteuert, aufgrund ihrer großen Heterogenität wohl auch weniger steuerbar.

Hinzu kommt, dass es kein gemeinsames positives Ziel gibt. Das, was die Demonstrierenden eint, sind die Unzufriedenheit mit und die Kritik an der Corona-Politik der Bundesregierung. Neben dem fehlenden Vertrauen in die Regierung gibt es wenig Verbindendes. Das erklärt auch, warum Regenbogen-Fahnen neben Reichsflaggen wehen können.

Michael Ballweg, Initiator von "Querdenken 711" spricht während einer Kundgebung im unteren Schlossgarten am 08.08.2020 in Stuttgart
Michael Ballweg ist Initiator von "Querdenken 711" in Stuttgart.
Quelle: dpa

ZDFheute: Eignet sich Michael Ballweg, Gründer von "Querdenken 711", als Kopf für eine mögliche Anti-Corona-Bewegung? Er will auch als Oberbürgermeister-Kandidat in Stuttgart antreten.

Grande: Nein, er hat nicht die Überzeugungskraft, dieser möglichen Bewegung Ziel und Richtung zu geben. Das liegt weniger an seiner Person, sondern eher an seinen Zielen. Er will, dass Deutschland eine neue Verfassung bekommt. Damit macht er sich einerseits anschlussfähig an extreme Rechte wie Linke. Und er schließt gleichzeitig viele aus, die auf der Straße waren oder Verständnis für diesen Protest haben, sich auf diese Forderung aber nicht ernsthaft einlassen würden.

"Querdenken" - wer mitmarschiert - Ein Mix aus Hippies und Neonazis 

Die Bewegung ist auch ein Sammelbecken für Verschwörungsanhänger.

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1 min
von Sandra Susanka

ZDFheute: Sie haben sich das Protest-Potenzial in der Bevölkerung angeschaut - was sind Ihre vorläufigen Ergebnisse?

Grande: Etwa zwanzig Prozent haben viel oder sehr viel Verständnis für die Proteste gegen die Corona-Politik und etwa jeder Zehnte wäre bereit, sich daran zu beteiligen.

Es ist also eine gar nicht so kleine Minderheit, die mit den Corona-Maßnahmen unzufrieden ist.

Wir werten die repräsentativ erhobenen Daten derzeit allerdings noch aus und die beiden Befragungszeitpunkte lagen vor der Demo am Wochenende. Es folgen aber auch noch zwei weitere Befragungen.

ZDFheute: Wer ist denn unzufrieden mit der Corona-Politik?

Grande: Es sind überproportional viele extrem Rechte und extrem Linke unter denen, die Verständnis für die Proteste haben. Das Protestpotential reicht aber weit in die bürgerliche Mitte hinein. Wir finden auch überproportional viele Liberale darunter. Außerdem haben Jüngere mit Kindern und von Kurzarbeit Betroffene größeres Verständnis.

Das zeigt: Es geht hier um auch um Betroffenheit.

Die Corona-Demo in Berlin

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ZDFheute: Wie werden sich die Proteste jetzt weiter entwickeln?

Grande: Das hängt von drei Faktoren ab. Erstens: Welche Lehren ziehen die Protestierenden aus den Ereignissen des vergangenen Wochenendes? Dazu zählen auch Initiatoren wie Michael Ballweg.

ZDFheute: Er hat mittlerweile angekündigt, die Demo am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, nicht in Berlin, sondern in Konstanz abzuhalten.

Grande: Zweitens wird es darauf ankommen, wie sich die Pandemie und die Infektionszahlen entwickeln. Zugespitzt formuliert: Wie groß die Zumutungen sein werden, die die Bürger im Herbst und Winter ertragen müssen. Und drittens wird entscheidend sein, ob politische Parteien die teilweise berechtigte Kritik der Protestierenden aufnehmen. Da ist nicht nur die Regierung gefordert, sondern besonders die verantwortungsbewusste Opposition.

ZDFheute: Wie lässt sich Protest ausdrücken, ohne Gefahr zu laufen, neben Nazis zu demonstrieren?

Man muss den Protest deradikalisieren, indem man ihm ein neues Gesicht gibt und wieder auf kleine Zeichen am eigenen Ort setzt.

Grande: Das kann das Transparent in der Kita, ein Leserbrief oder eine Online-Petition sein. Die Politik sollte solche kleinen Zeichen ernst nehmen und im größeren Kontext diskutieren. Wir brauchen eine öffentliche, kritische Debatte - denn Angst reicht als Motivations-Ressource für die Akzeptanz vieler bestehender Einschränkungen und für die noch kommenden Zumutungen nicht mehr aus.

Das Interview führte Julia Klaus. Folgen Sie der Autorin auf Twitter: @julia__klaus

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