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"Müssen Angst haben vor unserer eigenen Angst"

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Risikoforscher zu Coronavirus - "Müssen Angst haben vor unserer eigenen Angst"

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Wir fürchten uns vor den falschen Risiken, sagt der renommierte Risikoforscher Gerd Gigerenzer. Ein Gespräch in Zeiten der Corona-Panik - mit einem, der die Angst erklären kann.

Berlin: Ein Wegweiser zur im Aufbau befindlichen Abklärungsstelle Coronavirus am Vivantes Klinikum Prenzlauer Berg.
Das Coronavirus löst bei vielen Menschen Angst aus. Experte Gerd Gigerenzer sieht die Risiken woanders.
Quelle: DPA

Der Risikoforscher streckt zur Begrüßung die Hand aus. Ein Versehen? Die Routine? Darf man das noch in Zeiten von Corona? Der Risikoforscher lacht nur, sagt: "Ach, Händewaschen reicht. Keine Panik!"

Der Risikoforscher: Das ist nicht irgendeiner. Professor Gerd Gigerenzer, 72 Jahre alt, Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz. Bestseller-Autor ("Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft"), von manchen gar als "Risikopapst" bezeichnet.

Erst Sars, dann Schweinegrippe, jetzt Coronavirus

In Zeiten wie diesen gibt Gigerenzer fünf Interviews täglich. So war es schon bei der Sars-Krise 2003, so war es bei der Schweinegrippe 2009, so ist es jetzt bei Corona.

Coronavirus-Illustration.

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Gigerenzer ist kein Virologe. Die Gefährlichkeit des Coronavirus kann er nicht einschätzen. Was er, der Psychologe, aber einschätzen kann, ist unsere Angst. Unsere Risikowahrnehmung. Und aktuell, sagt Gigerenzer, fürchten wir uns ziemlich sicher vor dem Falschen.

Angst vor Corona, aber was ist mit der Grippe?

"Wir haben im Moment Angst, durch das neue Virus zu sterben. Aber: Wir haben zugleich kaum Angst, durch die Dinge zu sterben, die - im Moment - wahrscheinlicher sind, dass sie uns umbringen. Zum Beispiel die normale Grippe."

Wer zählt die Grippetoten im Moment? Niemand. Aber man zählt Verdachtsfälle des neuen Coronavirus.
Gerd Gigerenzer

Gigerenzer hat eine Erklärung für diese Furcht. Es seien die Schockrisiken, vor denen wir uns fürchten: Gefahren, durch die viele Menschen zu einem kurzen Zeitpunkt ums Leben kommen. Ein Flugzeugabsturz, ein Terroranschlag, eine Pandemie.

Was macht die Angst mit uns?

"Wir müssen vor unserer eigenen Angst Angst haben", sagt Risikoforscher Gerd Gigerenzer.

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"Wenn aber genauso viele Menschen ums Leben kommen - oder sogar mehr - verteilt über Monate oder ein Jahr, dann ist es sehr schwer, in uns Angst auszulösen."

Autofahren, Motorradfahren, Zigarettenrauchen: Alles sei nach aktuellem Stand deutlich gefährlicher für den einzelnen als das Coronavirus. Angst davor habe aber kaum jemand. Auch, weil Medien darüber nicht so intensiv berichten. Weil es an den Vergleichen fehlt.

Kitas, Schulen, Firmen werden geschlossen

Dass wir uns vor dem Coronavirus fürchten, hat Folgen. Menschen bleiben zuhause, Flugzeuge am Boden, Kitas, Schulen, ganze Firmen werden geschlossen. Gigerenzer hat die Folgen dieser Angst nach anderen Schockrisiken erforscht, etwa nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001.

Wie umgehen mit der Angst?

"Was wir brauchen, ist ein vernünftiger Umgang mit Ungewissheit", sagt Professor Gerd Gigerenzer.

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Viele Amerikaner verzichteten in Folge des Anschlags auf Reisen mit dem Flugzeug. Die Folge: ein massiver wirtschaftlicher Einbruch einer ganzen Branche. Und: deutlich mehr Todesfälle.

Denn viele Amerikaner hätten statt des Flugzeugs das Auto genommen. Das Risiko zu sterben, ist im Straßenverkehr aber deutlich höher als in der Luft. "Meinen Berechnungen zufolge hat das 1.600 Amerikanern zusätzlich das Leben gekostet", sagt Gigerenzer. Die Angst hatte also tödliche Folgen. Und Gigerenzer folgert: "Wir müssen Angst haben vor unserer eigenen Angst."

WHO prognostizierte Millionen Schweinegrippe-Tote

Ihn wundere, sagt Gigerenzer, dass man aus den letzten Gesundheitskrisen dieser Art nichts gelernt habe – von Sars bis zur Schweinegrippe. "Schauen Sie doch ins Archiv", sagt er: Bei der Schweinegrippe hätte es über Wochen die selben Schlagzeilen gegeben. Zahlreiche Schulen seien in Deutschland geschlossen worden. Die WHO habe Millionen Tote prognostiziert.

Warum haben wir nichts gelernt?

"Ich wundere mich oft, warum wir aus der Vergangenheit nicht lernen", sagt Professor Gerd Gigerenzer.

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Ein späterer Blick ins Archiv verrät: Die Berichte aus dem Jahr 2009 haben tatsächlich verblüffende Ähnlichkeit mit den heutigen.

Am Ende fielen der Schweinegrippe in Deutschland rund 250 Menschen zum Opfer - deutlich weniger als in jeder Saison der gewöhnlichen Grippe. Der Impfstoff, den die Bundesländer damals noch hektisch gekauft hatten, musste vernichtet werden. Weil ihn niemand mehr haben wollte.

Vernünftiger Umgang mit Coronavirus

Das sei eines der größten Risiken, sagt Gigerenzer: Dass Politiker unter Druck gesetzt werden zu handeln. Und dass sie überreagieren, um sich nicht dem Vorwurf der Untätigkeit ausgesetzt zu sehen.

"Was wir brauchen, ist ein vernünftiger Umgang mit der Ungewissheit. Niemand weiß, wo diese Sache mit dem neuen Coronavirus hingeht", sagt Gigerenzer. Aber deshalb überzureagieren, sei genau das Falsche.

Wir müssen uns entspannen in dem Sinne, dass wir uns ansehen, wo sind denn die wirklichen Risiken für unser Leben und für die Wirtschaft. Und die sind im Moment noch woanders.
Gerd Gigerenzer

Sagt’s und verabschiedet sich freundlich. Mit Handschlag, wie sonst.

Was sollte die Politik tun?

"Ich denke dass Politik in Deutschland bis jetzt sehr besonnen reagiert - im Vergleich zu anderen Ländern", sagt Risikoforscher Gerd Gigerenzer.

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Über das Thema berichtet "Berlin direkt" am Sonntag um 19.10 Uhr im ZDF.

Dem Autor können Sie unter @fneuhann auf Twitter folgen.

Archiv: Eine Frau trägt vor einer Apotheke eine Mund- und Nasenmaske.
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