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"Antiziganismus ist tödlich"

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Corona-Krise in Südeuropa - "Antiziganismus ist tödlich"

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Die Corona-Krise verschärft die Lebenssituation vieler Roma in Südost-Europa. Der grüne EU-Abgeordnete Romeo Franz vergleicht sie mit den Verhältnissen in Flüchtlingslagern.

Archiv: Ein Mann laedt Pappe von einem selbstgebauten Fahrrad in einen Container am Rande einer Romasiedlung in Belgrad
Ein Mann lädt Pappe in einen Container am Rande einer Romasiedlung in Belgrad (Archivbild)
Quelle: imago

ZDFheute: Herr Franz, Sie haben den Präsidenten des EU-Parlaments in einem Brief auf die Situation in Südost-Europa hingewiesen. Wie sieht die aus?

Romeo Franz: In Bulgarien, Rumänien und der Slowakei werden Menschen mit Romno-Hintergrund, die dort bis zu 90 Prozent in abgesonderten Vierten leben, teilweise isoliert. Die Situation ist vergleichbar mit den Flüchtlingslagern auf Lesbos. Wenn nicht die Infizierten isoliert werden, sondern die ganze Gruppe, kann es sehr schnell gehen, bis die ganze Gruppe infiziert ist. Es handelt sich dabei um soziale Brennpunkte mit bis zu 45.000 Einwohnern in sehr beengten Wohnverhältnissen.

ZDFheute: Unter welchen Bedingungen leben die Menschen in diesen Siedlungen?

Franz: Ein großes Problem ist die schlechte Versorgung mit Trinkwasser. Die Menschen konnten die erforderlichen Hygienemaßnahmen schon vorher nicht einhalten, heute noch viel weniger. Außerdem können sie durch die Isolation draußen nicht ihrer Arbeit nachgehen, zum Beispiel dem Sammeln von Recycling-Material. Ich bin geschockt von Berichten von Bekannten von mir vor Ort, die eine grassierende Hungersnot beschreiben. Diese Lebensbedingungen sind Folge antiziganistischer Politik, deshalb sage ich: Antiziganismus ist tödlich. Corona macht dieses sichtbar.

ZDFheute: Der Zentralrat deutscher Sinti und Roma sieht die Gefahr von Pogromen. Sie auch?

Franz: Leider erleben wir auch ohne Corona Pogrome an Roma in Europa. In der Ukraine haben Nazis einen jungen Rom erschossen und einer jungen Romni den Hals durchgeschnitten, in der Nähe von Ulm wurde ein Brandanschlag auf eine Sinti-Familie in einem Wohnwagen verübt, ähnliches ist in Italien passiert. Aber der Antiziganismus wird von der Politik und den Medien kaum wahrgenommen und nicht in gleicher Weise geächtet wie der Antisemitismus.

ZDFheute: Was könnte die EU kurzfristig tun?

Franz: Ich rufe  in der aktuellen Petition #SaveRomafromCorona dazu auf, dass die EU und die europäische Regierungen Hilfsmaßnahmen ergreifen, um in den Siedlungen schnellstmöglich die Grundversorgung an medizinischen Gütern für die Prävention, sanitäre Einrichtungen für eine bessere Hygiene und Nahrungsmittelsicherheit zu garantieren.

Zudem braucht es in den Siedlungen Informationsmaterialien zur Vermeidung von Infektionen sowie ein effektives Vorgehen gegen Hassrede und rassistische Gewalt gegen Roma. Von den Verantwortlichen in Deutschland fordern wir, dass keine Abschiebungen in Länder wie Serbien stattfinden. Für die Zukunft arbeite ich an einem verbindlichen Inklusions-Plan, der gleichberechtigte Teilhabe in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Wohnen und Arbeit ermöglicht und die Menschen mit einbezieht.

ZDFheute: Viele deutsche Sinti würden im Moment gern helfen. Wie kommt es zu dieser starken Solidarität?

Franz: Viele deutsche Sinti sind in freien Christengemeinden organisiert und haben Partnerschaften mit Gemeinden in Rumänien oder Bulgarien, die sie regelmäßig mit Hilfslieferungen unterstützen. Ich bekomme auch jetzt Anfragen von Gemeinden, die dort Sachen hinbringen wollen. Ich würde auch selbst sofort losfahren. Aber das geht leider aufgrund der Grenzregelungen nicht. Die Menschen in Europa müssen im Rahmen der COVID-19-Epidemie mehr denn je zusammenstehen und die verwundbaren Teile ihrer Gesellschaften aktiv schützen.

Das Interview führte Ralf Lorenzen

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