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"Ein Propaganda-Coup von Putin"

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Russischer Impfstoff "Sputnik V" - "Ein Propaganda-Coup von Putin"

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Russland hat einen ersten Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen. Warum das vor allem eine politische Entscheidung ist, erklärt Russland-Experte Janis Kluge im Interview.

Corona-Impfstoff
Russland hat scheinbar das, worauf alle warten: Einen Impfstoff gegen das Coronavirus. Doch was steckt politisch hinter der Erfolgsmeldung?
Quelle: dpa

ZDFheute: Russland prescht vor und lässt als erstes Land einen Impfstoff zu - was steckt politisch dahinter?

Janis Kluge: Wir wissen sehr, sehr wenig über diesen Impfstoff. In erster Linie ist die Ankündigung über den Impfstoff ein Propaganda-Coup von Präsident Putin. Dafür gibt es verschiedene Motive: Der eigenen Bevölkerung will er signalisieren, dass Russland die Corona-Pandemie aus eigener Kraft überstehen kann. Auch international will Putin zeigen, dass Russland wissenschaftlich etwas zu bieten hat und konkurrenzfähig ist. Putin fing ja auch früh an, Hilfeleistungen nach Italien, Serbien und die USA zu schicken.

ZDFheute: Geht das Kalkül denn auf? Die Reaktionen aus dem Ausland sind ja eher skeptisch.

Kluge: Es sieht erst mal wie ein Erfolg aus, aber letztlich wird die Reputation der russischen Forschung sehr darunter leiden und international an Vertrauen verlieren. Es handelt sich ja nicht um einen wissenschaftlichen Durchbruch, sondern um eine politische Entscheidung, den Impfstoff so früh einzusetzen, obwohl er kaum getestet wurde. Das ist ein trauriger Tag für die russische Forschung. Aber das Gamaleja-Institut ist staatlich - wenn die Regierung sagt, der Impfstoff wird zugelassen, können die Forscher sich nicht dagegen wehren, auch wenn sie es selbst kritisch sehen.

Wie sicher ist der Impfstoff?

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ZDFheute: Putin steckt gerade in einem Umfragetief – hilft die Erfolgsmeldung denn Putin innenpolitisch?

Kluge: Eine wirtschaftliche Stagnation gibt es schon länger und auch den grundlegenden Wunsch nach Veränderung nach so vielen Jahren Putin. Da ist der Impfstoff natürlich ein Versuch, das Ruder herumzureißen. Aber die russische Bevölkerung ist sehr an staatliche Propaganda gewöhnt. Sie wird erst reagieren, wenn der Impfstoff tatsächlich ihr Leben erleichtert, wenn das Infektionsrisiko sinkt und die Epidemie gestoppt wird. Dazu braucht es eine Massenproduktion des Impfstoffs, die Russland aber nicht so schnell auf die Beine stellen kann. Deshalb wird es die Bevölkerung eher kalt lassen.

ZDFheute: Wieso ist eine russische Massenproduktion des Impfstoffs unrealistisch?

Kluge: Die wissenschaftliche Entwicklung eines Impfstoffs ist nur ein Teil der Herausforderung - die Logistik und die Produktion eine andere. Aktuell hat Russland nicht die Kapazitäten, um den Impfstoff in großen Stil herzustellen.

ZDFheute: Was passiert, wenn sich der Impfstoff als unwirksam oder sogar gefährlich entpuppt?

Kluge: Erst mal wird jetzt im Oktober eine kleine Gruppe geimpft, medizinisches Personal, Lehrerinnen und Lehrer. Das soll freiwillig sein. Wenn das negative Auswirkungen hat, wird das nicht unbedingt öffentlich, es wird dazu keine Studien geben. Dann wird das Projekt einfach nicht weiter verfolgt.

Archiv, Moskau: Eine Mitarbeiterin des Nikolai Gamaleya Nationalzentrums für Epidemiologie und Mikrobiologie hält den neuen Corona-Impfstoff in der Hand.

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ZDFheute: Einige Länder haben Interesse an Verträgen über den Impfstoff bekundet. Könnte der Impfstoff Russland wirtschaftlich helfen?

Kluge: Das glaube ich nicht - es sind massive Investitionen nötig, um den Impfstoff überhaupt in großem Umfang herzustellen. Es wird symbolische Lieferungen mit pressewirksamen Fotos geben, aber keine massenhaften Impfungen im Ausland. Die meisten Länder werden wenig Interesse haben, einen wenig geprüften, russischen  Impfstoff herzustellen, wenn es bald sicherere Alternativen aus China, USA oder Europa geben wird.

ZDFheute: Warum hat Putin ausgerechnet den Namen "Sputnik V" für den Impfstoff gewählt?

Kluge: Mit dem Namen will Putin an den Moment anknüpfen, als der erste sowjetische Satellit in der Umlaufbahn war: Russland hatte alle überrascht. Aber damals gehörte die sowjetische Forschung  tatsächlich zur Weltspitze. Die Zulassung des Impfstoffs ist weniger eine herausragende Forschungsleistung, sondern eine politische Entscheidung. Auch wenn er den Namen "Sputnik" trägt, ist es nur eine Imitation von Erfolg, kein tatsächlicher.

Das Interview führte Meike Hickmann

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