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"Humanitäre Hilfe ist das Gebot der Stunde"

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Corona-Krise - "Humanitäre Hilfe ist das Gebot der Stunde"

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Iran, Nordkorea: Staaten, die mit Sanktionen belegt sind, leiden besonders unter der Pandemie. Politologe Johannes Varwick sagt: Das wird uns später auf die Füße fallen.

Mann mit Mundschutz im Norden Irans
Mann mit Mundschutz im Norden Irans (Archivbild): "Wenn dort ein Flächenbrand entsteht, werden wir davon nicht unberührt bleiben", sagt Politologe Varwick.
Quelle: AP

ZDFheute: Iran ist stark getroffen vom Corona-Virus. Wäre es nicht ein Akt der internationalen Solidarität, das Land von Sanktionen zu befreien?

Johannes Varwick: International koordinierte humanitäre Hilfe ist ein Gebot der Stunde. Ich bezweifele aber, dass Sanktionen grundsätzlich aufgehoben werden können. Denn der Grund für die Strafmaßnahmen ist ja meist nicht entfallen.

Wir sollten nach Corona nicht alles anders machen als vor Corona. Allerdings gilt auch: Die Staaten und Regionen, die ohnehin politisch instabil und oft mit Sanktionen belegt sind, werden mittelfristig von Corona mehr betroffen sein als wir. Wenn dort ein Flächenbrand entsteht, werden wir davon nicht unberührt bleiben.

ZDFheute: Ist die Pandemie ein Brandbeschleuniger für Instabilität?

Varwick: Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Auf die gesundheitspolitischen Herausforderungen folgen ökonomische und eine weitere politische Schwächung.

Das wird sich nur mit einer riesigen internationalen Kraftanstrengung mildern lassen. Ideologische Unterschiede werden dabei nicht verschwinden, aber in den Hintergrund treten.

Sonst wird ein Tsunami an Elend auf uns zurollen, vor dem wir uns nicht abschotten können.

ZDFheute: Wer sind die starken Kräfte in der Welt, die diese Balance halten können?

Varwick: Während der Ebola-Pandemie 2014 hatten die USA noch die Führungsrolle inne. Es ist schmerzlich zu sehen, dass sie nun auch hier als Weltordnungsmacht ausfallen. Russland und China versuchen, diese Rolle einzunehmen.

Ich bin skeptisch, dass das funktionieren wird. Wir brauchen außerdem die Vereinten Nationen. Bislang sind auch sie leider ausgefallen. Wir müssen die Koordinierungsmechanismen, die wir haben, unbedingt stärken.

Im Video: Iran ist vor allem am Anfang der Epidemie hart vom Coronavirus getroffen worden:

Schon im Februar war der Iran ein Corona-Risikoherd.

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1 min
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ZDFheute: Die Nato allerdings besteht darauf, dass die Mitgliedsstaaten ihre Verpflichtung einhalten, zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts an das Militärbündnis zu zahlen. Muss dieses Geld jetzt nicht besser in die wankenden Volkswirtschaften gesteckt werden?

Varwick: Wir sollen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die alten sicherheitspolitischen Herausforderungen sind ja nicht verschwunden. Wir haben noch immer Atomwaffen, gefährliche Regionalkonflikte und ein aggressives Russland.

Wenn man kein Geld mehr für das Militär ausgibt, verliert man schnell Handlungsfähigkeit.

ZDFheute: Die EU gibt derzeit kein gutes Bild ab. Kann und muss sie sich nicht auch international engagieren?

Varwick: Sie muss. Ob sie es kann, ist eine offene Frage. Sie macht derzeit keine gute Figur. Das liegt daran, dass die Nationalstaaten sie nicht lassen. Es gibt sehr vernünftige Ansätze von der Kommissionspräsidentin oder dem Außenbeauftragten. Die werden im Moment aber nicht gehört.

Doch es wird der Moment kommen, wo die europäischen Nationalstaaten erkennen, dass sie ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten durch die EU multiplizieren.

Ich hoffe, dass diese Erkenntnis bald reift und die EU nicht schon vorher zerbröselt.

Ein Computermodell des Coronavirus

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ZDFheute: China geriert sich derzeit als Experte für die Lösung aller gesundheits- und ordnungspolitischen sowie ökonomischen Probleme, die das Corona-Virus in die Welt gebracht hat. Kann die chinesische Medizin helfen?

Varwick: In der internationalen Politik gibt es keine Machthohlräume. Wenn sich die USA nicht engagieren, engagiert sich Russland. Wenn sich Europa in Afrika nicht engagiert, dann tut es China - allerdings in einer Weise, die unseren Interessen langfristig nicht entspricht.

China hat eine andere Vorstellung als wir von internationaler Ordnung oder Menschenrechten. Wenn der serbische Ministerpräsident die chinesische Fahne küsst, weil China Serbien Schutzkleidung liefert, dann ist das aus der Sicht Serbiens vielleicht verständlich.

Es wäre besser gewesen, Europa hätte Serbien geholfen. Wenn wir China das Feld überlassen, werden wir schon bald mit einem heftigen Kater erwachen.

Das Interview führte Katharina Sperber.

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