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Corona und die Schlachthöfe - Infektionsherd Fleischindustrie

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An immer mehr Schlachthöfen bricht das Coronavirus aus. Das sei absehbar gewesen, so Branchenkritiker. Die Arbeits- und Wohnbedingungen seien nicht erst seit der Pandemie prekär.

Im Schlachthof der Firma "Westfleisch" in Coesfeld in Nordrhein-Westfalen wurden bis Montag um 14 Uhr 279 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet. Die Behörden haben den Betrieb inzwischen geschlossen.

Für den gesundheitspolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Josef Neumann, ist es keine Überraschung, dass die Fleischindustrie zum Corona-Infektionsherd wurde. "Die Arbeitsbedingungen in den Schlachtbetrieben NRWs sind eigentlich seit Jahren katastrophal, die werden jetzt nur durch Corona nochmal sichtbar", sagte Neumann dem ZDF.

Das Hauptproblem seien Werkverträge - damit überlasse der Schlachthofbetreiber Subunternehmern die Arbeit. Und die beuteten die Beschäftigten, so Neumann, gnadenlos aus.

NRW-Arbeitsminister Laumann für höhere Bußgelder

Nach Informationen von Frontal21 kontrollierte das NRW-Arbeitsministerium im Herbst vergangenen Jahres 30 Fleischbetriebe mit 17.000 Beschäftigten. Das Ergebnis: 85 Prozent der überprüften Betriebe hatten gravierende Mängel. 5.800 Arbeitszeitverstöße wurden festgestellt; zum Beispiel, dass Beschäftigte über 16 Stunden an einem Arbeitstag arbeiten mussten.

NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) fordert, die Bußgelder bei Arbeitszeitverstößen in Schlachthöfen anzuheben.

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Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) fordert nun im Interview mit Frontal21, die Bußgelder bei Arbeitszeitverstößen in Schlachthöfen anzuheben. Bisher liegt die Obergrenze bei 15.000 Euro. Bußgelder in dieser Größenordnung interessierten einen Schlachtkonzern relativ wenig. "Der Bundesgesetzgeber ist hier gefordert, andere Grenzen reinzuschreiben", so Laumann.

Neumann: Hotspots in Fleischindustrie waren absehbar

Doch die Opposition gibt der Landesregierung an den Corona-Ausbrüchen auf Schlachthöfen eine Mitschuld. "Sie hätte viel eher reagieren und Tests an osteuropäischen Mitarbeiter anordnen müssen", sagte der SPD-Politiker Neumann. "Es war von Anfang an klar, dass diese Hotspots in der Fleischindustrie entstehen werden."

Im ganzen Bundesgebiet gibt es in fleischverarbeitenden Betrieben Corona-Fälle: in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und in Birkenfeld in Baden-Württemberg. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hatte jüngst darauf verwiesen, dass die Reproduktionszahl der Infektionen zwischenzeitlich wieder über den Wert Eins angestiegen sei. Zurückgeführt werden könne dies auf die Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen.

Keine Verbesserung für Beschäftigte trotz Corona-Krise

Frontal21 konnte mit verschiedenen Mitarbeitern aus Schlachthöfen sprechen. Ein rumänischer Arbeiter, der auf einem Schlachthof der "Müllerfleisch" eingesetzt war, erhebt schwere Vorwürfe. Auch nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie würden viele Arbeiter prekär untergebracht. Der Mann, der aus Angst vor Arbeitsplatzverlust nicht erkannt werden will, beschreibt die Lage so: 

Es gibt keinerlei Maßnahmen, um unsere Wohnverhältnisse zu verbessern, ein Klo für zehn Leute, drei Duschen für 30 Leute. Wir fühlen uns wie Gefangene, dürfen nur zwischen Betrieb und Wohnung pendeln.
Arbeiter aus Rumänien

"Müller Fleisch" wollte sich zu den konkreten Vorwürfen auf Nachfrage nicht äußern. Auf seiner Webseite kündigt  das Unternehmen an, gemeinsam mit Behörden einen sogenannten "Pandemieplan 2.0" umzusetzen. "Wir nehmen unsere Verantwortung als Familienunternehmen in der Region sehr ernst", wird Geschäftsführer Martin Müller zitiert. Gemeinsam mit Branchenvertretern sei die Firma im Gespräch, um "eine Lösung für das Thema Unterbringung der Werkvertragsbeschäftigten für die gesamte Fleischbranche zu finden".

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von M. Hörz, R. Meyer, M. Zajonz

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