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Corona: Singapur der zwei Gesichter

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Stadtstaat greift hart durch - Corona: Singapur der zwei Gesichter

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Leere Hotels und verwaiste Touristen-Hotspots: Die Corona-Krise trifft auch Singapurs Wirtschaft hart. Doch im Alltag der Menschen scheint das Virus weit weg.

Der ostasiatische Stadtstaat Singapur kämpft mit Erfolg gegen die Corona-Pandemie. Bis jetzt sind 313 Fälle bekannt – verstorben ist an dem Virus bisher niemand.

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Sie stehen an, bestellen Maggi Goreng, Schafsfleisch und Roti Prata. Der Verkaufsstand von Mohamed Halid auf dem Straßenmarkt "Everton Court" im Herzen von Singapur brummt in der Mittagszeit. Dicht an dicht sitzen Angestellte, Mitarbeiter des nahe gelegenen Krankenhauses und Anwohner an den Tischen. Kaum jemand trägt Mundschutz. Die Corona-Krise scheint weit weg zu sein, dabei hat der Ausbruch der Epidemie auch Singapur wirtschaftlich hart getroffen. Besucher bleiben aus, die Hotels sind leer.

Straßenmarkt in Singapur
Der Straßenmarkt "Everton Court" brummt wie immer.
Quelle: ZDF

"Davon merke ich aber nichts", sagt Mohamed Halid, der täglich im Shirt des FC Liverpool vor seinem Laden steht. "Zwar kommen keine Touristen mehr, aber die fallen nicht ins Gewicht." Seit 14 Jahren verkauft er muslimisches indisches Essen. Und zumindest für ihn ist das Coronavirus weit weg.

Stadtstaat hat bei Corona früh und hart durchgegriffen

Knapp über 380 Corona-Fälle wurden bislang in dem südostasiatischen Stadtstaat gezählt. Das ist relativ wenig bei knapp sechs Millionen Einwohnern. Dass es bislang nicht viel mehr sind, hat mit den Eigenheiten Singapurs zu tun. Denn der autokratisch geführte Stadtstaat hat früh und hart durchgegriffen.

Am Flughafen Changi wird schon seit Wochen die Körpertemperatur der Reisenden gemessen, in Büros, Einkaufszentren und Kinos ebenso. Einwohner Chinas dürfen seit Anfang Februar nicht mehr ins Land einreisen - eine Anordnung, die seit vergangener Woche auch für Deutsche, Franzosen, Spanier und Italiener gilt.

Singapur hat aus Sars-Epidemie gelernt

Haben die Behörden Menschen positiv auf das Coronavirus getestet, betreiben sie einen enormen Aufwand, deren Kontakte ausfindig zu machen und die Betreffenden zu isolieren. Sogar Kriminologen helfen bei der Suche.

Unsere Erfahrungen vor 17 Jahren mit der Sars-Epidemie haben uns nun beim Contact-Tracing geholfen.
Jeremy Lim, Gesundheitsexperte

Der Professor an der "National University Singapore" fügt hinzu, dass die Lage zwar ernst sei, die Regierung sie aber unter Kontrolle habe.

Fußgänger in Singapur
Die Touristen bleiben weg, aber der Alltag in Singapur geht weiter.
Quelle: ZDF

Der Blick in den Alltag der Einheimischen gibt ihm recht. So sind Shoppingmalls und Restaurants geöffnet und gut besucht, an den Schulen soll ab Montag - nach einwöchigen Ferien - wieder unterrichtet werden.

Rigide Kontrollen in Singapur

Dennoch gibt es gerade ein Singapur der zwei Gesichter. Denn die touristischen Hotspots rund um das Marina Bay Sands, dem Wahrzeichen der Stadt, sind menschenleer. Kein Wunder, denn seit heute früh müssen alle Einreisenden nach Ankunft zunächst für 14 Tage in Haus-Quarantäne.

Marina Bay Sands
Marina Bay Sands ist normalerweise ein Touristen-Hotspot.
Quelle: ZDF

Mal eben schnell um die Bucht joggen oder über die Shoppingmeile Orchard Road flanieren - das sollten Rückkehrer vermeiden. Mitarbeiter der lokalen Behörden kontrollieren penibel, ob man sich in den eigenen vier Wänden aufhält.

Bereits am Flughafen müssen Besucher eine Nummer angeben, unter der sie in den kommenden zwei Wochen per Videotelefon zu erreichen sind. Wer das Klingeln überhört, muss mit Konsequenzen rechnen. Singapur hat bereits einige Ausländer mit Arbeitserlaubnis, die gegen die Regeln verstoßen haben, unverzüglich des Landes verwiesen.

Singapurs Regierung um Transparenz bemüht

Und die Regierung? Sie informiert täglich, äußerst transparent, beziffert die Fälle und gibt an, wo sie aufgetreten sind. Die Singapurer sind nach westlichen Maßstäben geradezu unfassbar obrigkeitshörig und folgsam. Sie nehmen nun auch die neueste Einschränkung fast stoisch hin: Seit Donnerstag hat der Stadtstaat das Reisen verboten.

Von einem komfortablen Gefängnis will Walter Theseira aber nicht sprechen.

Auf uns rollt gerade eine zweite Welle zu mit importierten Fällen von Singapurern, die aus dem Ausland zurückkehren.
Walter Theseira, Professor und Abgeordneter

"Dennoch glaube ich nicht, dass wir eine Ausgangssperre verhängen werden", so der Universitätsprofessor, der auch im Parlament sitzt. Walter Theseira verweist auf die Insellage des Landes und die neuesten Reisebeschränkungen, auch die des Nachbarstaates Malaysias.

Denn der große Nachbar im Norden hat die Grenzen zu Singapur dicht gemacht. Betroffen sind vor allem die mehr als 300.000 Pendler, die in Malaysia wohnen und in Singapur arbeiten. Sie haben nun kurzfristig Urlaub genommen oder ihre Arbeitgeber haben Übernachtungsmöglichkeiten für sie in Singapur gefunden. Doch ob die Grenze nach 14 Tagen wieder geöffnet wird? Niemand weiß es.

Menschen in Singapur größtenteils gelassen

Die Singapurer nehmen es größtenteils gelassen. So kreisen die Gedanken von Mohamed Halid, dem stämmigen, freundlichen Essensverkäufer auch nicht groß um das Virus. Ob nun sein Business leidet oder nicht, ob noch mehr Corona-Fälle Singapur überschwemmen werden - all das ist für ihn gerade zweitrangig.

Ladenbesitzer Mohamed Halid
Für Mohamed Halid zählt Fußball mehr als das Coronavirus.
Quelle: ZDF

"Hauptsache, die Premier League wird diese Saison zu Ende gespielt, und wir werden endlich wieder Meister. Nur noch zwei Siege", sagt Mohamed. Für den Fan des FC Liverpool gibt es derzeit nur einen Albtraum - dass sein Verein so kurz vor dem großen Erfolg als Tabellenführer mit leeren Händen da steht. "Das wäre ein Desaster", sagt er. Dabei grinst er nicht.

Über aktuelle Entwicklungen in der Corona-Krise halten wir Sie in unserem Liveblog auf dem Laufenden:

Coronavirus-Illustration.

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