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Immer mehr Infektionen - Singapur: Vom Musterland zum Corona-Hotspot

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Hartes Durchgreifen, wenige Corona-Fälle: Singapur galt lange als vorbildlich im Kampf gegen die Pandemie. Inzwischen hat sich die Lage geändert. Und auch die Stimmung im Land.

Straßenszene in Singapur
Singapur hat die Corona-Regeln verschärft. Mehr als 3.000 Mitarbeiter der Regierung - und zahllose selbsternannte Hilfssheriffs - überwachen deren Einhaltung.
Quelle: epa

Es sind verstörende Aufnahmen. Wie ein Mann von einem anderen Mann auf einer Kreuzung verfolgt und gefilmt wird. "Bitte, setz die Maske auf", sagt der Mann, der filmt. Er bittet aber nicht, er klingt bedrohlich. Der Beschuldigte dreht sich um, stellt den Filmer zur Rede und sagt: "Sie quälen mich."

Der Angesprochene lässt nicht locker, bedrängt und filmt ihn weiter, seine Stimme kippt über: "Sei sozial verantwortlich! Ich sende das Video an die Polizei!" Wer nun glaubt, im Internet würde die Belästigung als solche von den meisten kritisiert, liegt falsch.

Der Dreh des Hilfssheriffs kommt gut an in Singapur. "Wir haben dazu alle Rechte", kommentiert Samuel Yang. Und Izmail Ignazio meint: "Ich begrüße seine Handlungen. Ich werde das Gleiche tun." Der Mann ohne Maske kriegt sein Fett weg: "Nehmt ihm einfach seine Aufenthaltsgenehmigung weg. Das soll eine Lektion für andere sein", schreibt Sam Lim Sam.

Regierung fördert Anschwärzen

Das Denunziantentum hat Konjunktur während des Corona-Lockdowns. Zudem wird das Anschwärzen von der Regierung gefördert. Das Umweltministerium hat online eine Web-Adresse eingerichtet, auf der Einwohner gemeldet werden können, die in der Öffentlichkeit die Distanz nicht wahren oder sich in Gruppen vor der Haustür treffen. Zudem rief der Justizminister seine Mitbürger auf, diejenigen bei der Polizei zu melden, die die zweiwöchige Haus-Quarantäne nicht einhalten.

Während des Lockdowns in Singapur liegen bei einigen die Nerven blank. Vielleicht liegt das daran, dass vergangene Woche Premierminister Lee Hsien Loong eine Verschärfung und Verlängerung der Ausgangsbeschränkungen um weitere vier Wochen bis Anfang Juni verkündete. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Zahlen der positiv auf Covid-19 getesteten Menschen in Singapur momentan durch die Decke gehen.

Zahl der Corona-Fälle ist explodiert

Singapur wurde zunächst weltweit für seinen Kampf gegen das Coronavirus gefeiert. Hartes Durchgreifen, rigoroses Rückverfolgen von Fällen, die Grenzen dicht - der Erfolg schien dem Land Recht zu geben. Am 17. März gab es in Singapur insgesamt 266 Corona-Fälle; in einer Stadt mit 5,7 Millionen Einwohnern eine überschaubare Zahl. Doch nun, knapp sechs Wochen später, steht die Zahl bei über 14.400.

"Vom Goldstandard zur Coronavirus-Explosion", schrieb die "Los Angeles Times", und die "Washington Post" titelte: "Singapur hat die Kontrolle verloren". Vom Corona-Musterländle zum asiatischen Epizentrum - was ist da schief gelaufen? Wochenlang blieben Schulen und Restaurants, Shoppingmalls und Bars geöffnet.

Gastarbeiter leben zusammengepfercht in den Randgebieten

Als die Corona-Zahlen stiegen, verkündete Singapurs Premierminister einen Teil-Lockdown ab 7. April. Dann schnellten plötzlich die Infektionszahlen bei ausländischen Arbeitskräften in die Höhe - und Singapur justierte nach. Weitere bislang unabkömmliche Firmen und Geschäfte mussten schließen, alle Baustellen wurden gesperrt. Und Tausende Fremdarbeiter unter Quarantäne gestellt.

Mehr als 320.000 von ihnen, die meisten aus Indien und Bangladesch, leben in einem der 43 Wohnquartiere, meist an den Außenrändern der Stadt, weit weg von der Glitzerskyline des Stadtzentrums und mit bis zu 20 Bewohnern pro Zimmer.

Die überfüllten Unterkünfte der Arbeiter sind ein Problem. Wir haben lange gewarnt, dass sie für Infektionen ein Risikogebiet sind.
Alex Au, Hilfsorganisation TWC2

Doch die Regierung wehrt sich gegen Vorwürfe, die Gefahr unterschätzt zu haben. "Singapur wusste, dass die Fremdarbeiter eine Schwachstelle im Kampf gegen das Virus sind", sagt Chan Heng Chee vom Außenministerium zu CNBC, aber: "Singapur ist die am dichtesten besiedelte Stadt auf der Welt. Und dicht besiedelte Städte haben ein Problem, um Epidemien zu begegnen."

Singapur bestraft bei Verstößen hart

Singapur greift nun durch. Ein Brite wurde unverzüglich des Landes verwiesen, weil er falsche Angaben bei den Behörden über seine letzte Auslandsreise gemacht hatte. Eine Rückkehr wurde ihm verboten, trotz Ehefrau in Singapur. Und ein Singapurer, der seine zweiwöchige Haus-Quarantäne nicht ernst nahm und außerhalb mit seiner Freundin Suppe mit Schweinerippchen aß, muss für sechs Wochen ins Gefängnis. Seine Tat sei "sozial verwerflich", tadelte ihn der Richter.

Im Video: Singapur und Corona bei ausländischen Arbeitskräften

Auch wer nun Sport macht, muss auf der Hut sein. Zwar dürfen Radfahrer ohne Maske unterwegs sein. Stoppt man aber im Park kurz für eine Verschnaufpause, sollte man sie schnell aufsetzen. Denn hinterm Busch könnte nicht nur einer der 3.000 Mitarbeiter der Regierung stehen, der die Lockdown-Regeln überwacht, sondern auch die Internet-Armada von Einheimischen, die einen an den Online-Pranger stellt.

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