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Helfen Sperrstunden gegen die Pandemie?

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Bars und Kneipen schließen früh - Helfen Sperrstunden gegen die Pandemie?

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Die wissenschaftlichen Argumente für eine Sperrstunde wie in Berlin und Frankfurt sind dünn. Dennoch könnten sie ein gutes Mittel sein, um den totalen Lockdown zu verhindern.

Kurz nach der Sperrstunde ist am 09.10.2020 noch Licht in einem Späti in Neukölln und Gäste stehen noch davor.
Der Letzte macht das Licht aus: Sperrstunde in Berlin
Quelle: dpa

Die Sperrstunde erscheint wie ein willkürliches Mittel im Kampf gegen die Pandemie:

Bis 22:59 Uhr springen die Viren quasi nicht über, aber um 23 Uhr, da fangen die Viren erst an, richtig aktiv zu werden. Deswegen macht das absolut Sinn, dass man ab dieser Zeit nicht mehr weiterfeiern darf.

So sarkastisch schilderte es ein Barbesucher in Frankfurt dem ZDF.

Die Partynächte auf dem Opernplatz oder in Frankfurt-Sachsenhausen haben Folgen. Vor allem unter jungen Leuten breitet sich Corona aus. Nun gilt eine Sperrstunde für Bars und Restaurants.

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Tatsächlich sind Sperrstunden aber der Versuch, Infektionen zu reduzieren und der Gastwirtschaft dabei nicht das Genick zu brechen. Denn die Alternative heißt angesichts rasant steigender Infektionszahlen, vor allem unter jungen Menschen: komplette Schließung.

Was sind Sperrstunden und wo gibt es sie?

Eine Sperrstunde bedeutet, dass ab einer gewissen Uhrzeit Restaurants, Bars oder Clubs schließen müssen. Auch das Alkoholtrinken auf öffentlichen Plätzen insgesamt kann verboten werden.

In Deutschland haben Berlin und Frankfurt aktuell Corona-bedingte Sperrstunden zwischen 23 und 6 Uhr eingeführt. Bremen folgt am Montag. Ähnliche Maßnahmen gibt es derzeit auch in Großbritannien, Tschechien und Belgien.

Sperrstunden gab es auch vor der Corona-Pandemie. In vielen Bundesländern müssen Gaststätten etwa zwischen fünf und sechs Uhr schließen ("Putzstunde"). Mancherorts wurden Alkoholverbote in den letzten Jahren sogar ausgeweitet.

Was passiert, wenn diese Regeln verletzt werden?

Während eine Verletzung der Sperrstunde sonst nur gegen die Gaststätten- oder Lärmschutzverordnung verstößt, kommt aktuell der Infektionsschutz mit empfindlichen Strafen hinzu.

In Berlin drohen zudem Strafen von bis zu 5.000 Euro für Wirte, die die neue Sperrstunde missachten. Die Stadt Frankfurt nannte in ihrer jüngsten Verfügung keine neuen Strafen.

Sind Sperrstunden ein gutes Mittel gegen Pandemien?

Enge plus Alkohol - das ist bei Pandemien eine gefährliche Kombination, sagen Epidemiologen.  "Versammlungen in Bars, drinnen, sind eine schlechte Idee. Wir müssen das auf jeden Fall unterbinden", sagte US-Experte Anthony Fauci bei einer Senatsanhörung im Juli.

"Das ist das Nachtleben in Berlin, was uns Probleme bereitet hat in den letzten Tagen und Wochen", betonte auch Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci, SPD, im "RBB".

Die Zeit der Geselligkeit ist vorbei.
Dilek Kalayci, Berlins Senatorin für Gesundheit

Alkohol vermindert die Impulskontrolle, Menschen halten sich nicht mehr so gut an Regeln. Gemeinsam Tanzen, sich in den Armen liegen, die Maske absetzen, all das nimmt zu, je mehr Alkohol im Laufe des Abends fließt.

Berlin und Frankfurt/Main haben aufgrund der steigenden Zahl der Neuinfektionen eine Sperrstunde für die Gastronomie verhängt. Besonders für die Wirte ist das ein schwerer Schlag. Derweil überschreiten weitere Großstädte die Warnstufe.

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Dass es so auch zu mehr Infektionen kommt, basiert jedoch mehr auf Erfahrungswerten als auf wissenschaftlichen Studien. Zu welcher Uhrzeit es in Bars die meisten gibt, hat bislang kein Forscherteam genau untersucht. Das liegt vor allem daran, dass Sperrstunden hauptsächlich gegen Alkoholismus, Gewalt oder Lärm eingesetzt wurden – und nicht gegen Pandemien.

Das Robert-Koch-Institut stellte fest, dass Bars und Kneipen insgesamt in den vergangenen Monaten nur eine untergeordnete Rolle im Infektionsgeschehen spielten - verglichen mit Haushalt, Arbeitsplatz oder Altenheimen.

Was aktuell jedoch hinzu kommt: Im Sommer saßen die Menschen noch draußen, Kneipen konnten mit offenen Fenstern für Luftzirkulation sorgen. In den kalten Monaten fällt diese Option weg, das Infektionsrisiko steigt wegen der stehenden Luft.

Welche Kritik gibt es an Sperrstunden?

Kritik kommt von zwei Seiten: Jenen, die Sperrstunden grundsätzlich ablehnen, und jenen, denen sie nicht weit genug gehen.

Das wissenschaftliche Beratergremium der britischen Regierung, Sage, warnte etwa, so würde die gleiche Menge an Feiernden in ein kleineres Zeitfester gepresst. Eine zeitlich begrenzte komplette Schließung von Bars sei effektiver.

Das möchten Verwaltungen aber mit Blick auf den erheblichen wirtschaftlichen Schaden bislang vermeiden. Berlins Bürgermeister Michael Müller, SPD, begründet die neue Sperrstunde damit, einen kompletten Lockdown verhindern zu wollen, "wo es (…) überhaupt keine Möglichkeit mehr gibt, gastronomische Betriebe aufrechtzuerhalten."

Vertreter des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) fordern hingegen eine konsequentere Durchsetzung der bisherigen Maßnahmen. "Betriebe, die sich vorsätzlich nicht an die Regeln halten, sollen nach einer Abmahnung konsequent geschlossen werden", sagt der Berliner Dehoga-Geschäftsführer Thomas Lengfelder dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland".

Eine Sperrstunde für alle Betriebe (…) halten wir für nicht gerecht, schon gar nicht zielführend. Die Treffen werden dann in den privaten Wohnraum verlagert.
Thomas Lengfelder, Dehoga Berlin

Diese flächendeckende Sanktionierung fehlt in vielen Großstädten bislang meist.

Einige Großstädte führen schärfere Corona-Maßnahmen ein. Wie viel das bringt, besprechen wir mit dem Neuköllner Bürgermeister Martin Hikel und jungen Menschen in Frankfurt.

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Aktuelles zur Coronavirus-Krise

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