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Corona: Ärzte in Triage-Falle? - "Es sollen nur medizinische Kriterien gelten"

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Derzeit kommen Kliniken mit Covid-19 klar. Ihr Albtraum: ein Beatmungsgerät, zwei Patienten. Ärzte müssen jetzt festlegen, sagt Medizinethiker Nagel, welche Kriterien gelten.

ZDFheute: Ist es denkbar, dass Kliniken wie in Italien oder Spanien in die Situation kommen, dass es mehr Patienten als Hilfsmittel gibt?

Eckhard Nagel: Im Moment kann man das noch schwer abschätzen. Die Krankenhäuser sind jetzt nicht überfordert, weil sie sich auf Patienten mit einer Corona-Infektion konzentrieren. Viele andere Operationen finden nicht statt. Nur deshalb haben wir die Situation, dass die Corona-Patienten mit den vorhandenen Ressourcen behandelt werden können.

ZDFheute: Es ist keine Panikmache, dass dieses Problem kommen könnte?

Nagel: Bis auf einige Ausnahmen sind im Moment Stationen und Betten in den meisten Kliniken nicht voll belegt. Nach allem, was wir wissen, werden wir aber täglich mehr Patienten aufnehmen müssen.

ZDFheute: Sind die Mediziner auf diese Situation, dann vielleicht mehr Patienten als Beatmungsgeräte zu haben, vorbereitet?

Nagel: Die bedrückenden Bilder aus Italien und China stellen katastrophale Ausnahmesituationen dar. Im Alltag wissen wir, dass im Gesundheitswesen generell nicht unendlich Ressourcen vorhanden sind. Es gibt immer einen Mangel. Wir haben gelernt, damit im Alltag umzugehen.

ZDFheute: Wie denn?

Nagel: In der Transplantationsmedizin gibt es, so lange ich denken kann, zu wenig Organe für zu viele wartende Patienten. Von je her müssen lebenswichtige Entscheidungen getroffen werden: Wer bekommt eines dieser knappen Organe und wer bleibt auf der Warteliste mit dem Risiko, dort zu versterben. Trotzdem haben wir einen Weg gefunden, wie man mit dieser schwierigen, unbefriedigenden Situation umgehen kann.

Die Grundprinzipien medizinische Dringlichkeit und Erfolgsaussicht werden auf der Grundlage belastbarer medizinischer Kriterien in einem Algorithmus zusammengefasst. Die Organzuteilung erfolgt dann unabhängig und transparent durch Institutionen, die in keinem persönlichen Kontakt zum Patienten stehen. Das schafft Akzeptanz, dass mit den knappen Ressourcen keine willkürlichen Entscheidungen getroffen werden.

ZDFheute: Ist das vergleichbar mit einer Epidemie? Wenn sich die Frage stellt: Wer bekommt das letzte Beatmungsgerät?

Nagel: Eine Katastrophe ist etwas anderes als ein Versorgungsnotstand. Auch hier sollen nur medizinische Kriterien gelten, wie es die ethisch-moralische Grundlage im ärztlichen Behandlungsauftrag festlegt. Dieser verbietet nach Geschlecht, Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit, sozialem Status oder Alter zu diskriminieren. Das gilt auch in der Corona-Epidemie. Aber in Einzelfällen ist es sehr viel schwerer, damit umzugehen.

ZDFheute: Sind in der Notlage Ärzte und Pfleger damit nicht ziemlich allein?

Nagel: Wichtig ist, dass man jetzt noch einmal die Kriterien festlegt und sie aufschreibt. Entscheidungen in einer medizinischen Notlage sind aus sich selbst gerechtfertigt. Niemand sollte Sorge haben, dass er im Nachhinein den Vorwurf bekommt, falsch gehandelt zu haben, wenn er reflektiert gehandelt und das dokumentiert hat.

Wir empfehlen in solchen Situationen, wenn zum Beispiel ein Beatmungsplatz bei zu vielen Patienten zugewiesen werden soll, nicht allein, sondern im Sechs-Augen-Prinzip zu entscheiden und zum Beispiel eine Kollegin und eine Pflegekraft zu Hilfe zu holen. Das funktioniert auch in Stresssituationen, wenn Entscheidungskriterien vorher festgelegt sind.

ZDFheute: Gibt es denn Alternativen? Ein Gerät ist ein Gerät.

Nagel: Alternativen ergeben sich unter Umständen durch die medizinische Anamnese bei der sich herausstellt, dass bei einem Patienten statt einer künstlichen Beatmung auch andere Unterstützungsmaßnahmen anzuwenden sind. Zum Beispiel eine erhöhte Sauerstoffzufuhr über die Nasensonde? Es bleibt aber bei medizinischen Kriterien, der medizinischen Dringlichkeit und der Antwort auf die Frage: Wem kann man mit einer intensivmedizinischen Behandlung wirklich helfen?

ZDFheute: Welche Rolle spielt das Alter?

Nagel: In diesem Kontext kann Alter ein medizinisches Kriterium sein. Ein 85-Jähriger hat im Vergleich zu einem 50-Jährigen in aller Regel einen reduzierten muskulären Aufbau, was für die Atemfunktion von großer Bedeutung ist. Physische Gebrechlichkeit ist ein Indikator, ob eine Beatmung und die Aussicht, von den Geräten wieder loszukommen, erfolgreich sein wird. Es ist eine Altersdiskriminierung, wenn man sagt: Über 80-Jährige werden nicht intubiert. Das ist falsch. Aber das Alter muss für die medizinische Prognose mit einbezogen werden.

ZDFheute: Können Mediziner auf diese Situationen besser vorbereitet werden?

Nagel: Ärztinnen und Ärzte kennen Versorgungsengpässe, Intensivmediziner ohnehin. Aber es ist natürlich für alle eine menschliche Überforderung, wenn während einer Katastrophe einer unüberschaubaren Anzahl von Patienten nicht geholfen werden kann. Darauf kann man sich nicht wirklich vorbereiten. Hilfreich wäre eine Liste von konkreten Fallkonstellationen, die auch die Knappheit von Schutzkleidung, von Medikamenten oder Impfstoffen berücksichtigt. Daran arbeiten wir gerade, auch in internationaler Perspektive, um die globale Verteilungsgerechtigkeit nicht aus den Augen zu verlieren.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

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