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Der unentschlossene Kriegspräsident

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Trump in der Corona-Krise - Der unentschlossene Kriegspräsident

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Donald Trump hat die Corona-Gefahr wochenlang kleingeredet. Jetzt inszeniert er sich als Kriegspräsident und Kümmerer. Doch im Blick hat er dabei vor allem seine Wahlchancen.

Angesichts einer drohenden Eskalation der Corona-Lage rückt der US-Präsident von seinem gemäßigten Kurs ab und verlängert die aktuell geltenden Richtlinien bis zum 30. April.

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"Heil dem Chef" spielen sie zu seinem Auftritt, dann marschiert Donald Trump an der Seite seines Verteidigungsministers Mark Esper in einem schwungwollen Bogen an einer riesigen US-Flagge vorbei zum Podium.

Auch wenn das Musikstück "Hail to the Chief" seit 1954 die offizielle Hymne der US-Präsidenten ist, ist sie diesmal doch das Teil eines Gesamtkunstwerks. Trump vor dem Sternenbanner, der linke Bildrand garniert mit kleineren Flaggen, und hinter allem – überragend – der Bug des Hospitalschiffs der US-Navy, mit strahlendem roten Kreuz auf weißem Grund.

Trump inszeniert sich als Kriegspräsident und Kümmerer

Perfekt, die Inszenierung eines Kriegspräsidenten, der einer wunden Nation "Trost" spendet. Genauso heißt das schwimmende Krankenhaus, "Comfort" steht in großen Buchstaben auf der Schiffswand, gleich hinter Donald Trump bei seiner Ansprache. Aber ist dieser deshalb wirklich ein Kriegspräsident?

Obwohl das Coronavirus in New York immer stärker um sich greift, will US-Präsident Trump den Bundesstaat nicht unter Quarantäne stellen. Stattdessen soll ein Lazarettschiff helfen.

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Immerhin, meint Professor Jack Goldstone, erwecke Trump mit seinen täglichen Pressekonferenzen den Anschein, als kümmere er sich wirklich um das Wohl der Menschen. Und er verbreite auch immer irgendwo gute Botschaften, so der Politikwissenschaftler von der George-Mason-University vor den Toren Washingtons.

USA ohne koordinierte Planung in Corona-Krise

Aber das war’s dann auch: "Es gibt keine koordinierte Planung aller Regierungsbereiche. Alle Lösungen sind kurzfristig, Stückwerk und hinken immer hinterher." Das Ergebnis sei desaströs:

Die USA haben die höchsten Infektionszahlen und eine der am schnellsten steigenden Todesraten in der Welt.
Jack Goldstone, Politikwissenschaftler

Trumps gute Nachrichten seien meist völlig überzogen oder gar frei erfunden. Tatsächlich weckt der Präsident falsche Hoffnungen, wenn er Medikamente gegen andere Krankheiten wie Malaria oder Ebola als mögliche Wundermittel anpreist. Über Monate hat er die Bedrohung durch das Coronavirus heruntergespielt, die akuten Mängel im Gesundheitssystem - fehlende Tests, fehlende Ausrüstung - bestritten.

Trump - "geht es nur um sich selbst"

Gegen den Rat seiner eigenen Wissenschaftler und Mediziner stellte er die mögliche Wiedereröffnung der Wirtschaft zu Ostern in Aussicht und macht nun wieder einen Rückzieher. In Wirklichkeit, so meint Jack Goldstone, gehe es Trump ja auch gar nicht um ein strategisches Krisenmanagement, sondern nur um sich selbst:

Er ist süchtig nach dem Rampenlicht und will als Klügster, als bester Experte gesehen werden, als derjenige, der das Sagen hat.
Jack Goldstone, Politikwissenschaftler

Deshalb hat er die tägliche Presskonferenz der Corona-Taskforce, die eigentlich von seinem Vizepräsidenten geleitet wird, an sich gerissen. Deshalb twittert er an diesem Wochenende lieber über die hohen Einschaltquoten seiner Krisenshow, als sich auf die Arbeit zu konzentrieren.

Trumps blickt vor allem auf seine Wahlchancen

Als er am Freitag den Autohersteller GM mithilfe einer Kriegswirtschaftsverordnung anwies, nun schnell ganz viele Beatmungsgeräte herzustellen, war auch das Show, denn er hätte schon seit Wochen kraft des entsprechenden Paragraphen weite Teile der Industrie zum Kampf gegen die Corona-Krise verdonnern können.

In Wahrheit kämpft Donald Trump gegen einen anderen Feind: Eine drohende Niederlage bei der Wahl im November. Sollte das Land in eine ausgewachsene Depression oder Rezession stürzen und sollten Zehntausende Menschen sterben, so Goldstone, "dann wird Trump das schwerlich als Erfolgsgeschichte verkaufen können."

Nun wäge er ab, was für seine Wahlchancen schlimmer ist: Die Zahl der Opfer durch eine Wirtschaftskrise oder die Zahl derer, die dem Virus zum Opfer fallen. Trumps Medizinexperte Anthony Fauci, Chef des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten, sprach am Wochenende von möglicherweise bis zu 200.000 Toten.

US-Präsident schlug Warnungen vor Corona in den Wind

Trump träfe eine Mitschuld, auch weil seine Regierung in den vergangenen Jahren die Mittel für Amerikas Seuchenbekämpfung deutlich gekürzt und Frühwarnungen von CIA und NSA im Januar über das bedrohliche Virus aus China in den Wind geschlagen hatte.

Dies jetzt wäre für Trump wie eine Kombination aus Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre und Zweitem Weltkrieg.
Jack Goldstone, Politikwissenschaftler

Es wäre ein dramatisches Vermächtnis dieses selbsternannten Kriegspräsidenten. Nach Einschätzung von Goldstone katastrophaler als 9/11. Damals seien "nur" 3.000 Menschen gestorben, die Wirtschaft "nur" zeitweise beschädigt worden.

Im schlimmsten Szenario würden 100 Millionen Amerikaner infiziert und ein Prozent von ihnen sterben. Dann wären das doppelt so viele tote Amerikaner wie im Zweiten Weltkrieg und mehr wirtschaftliche Schäden als in der Weltwirtschaftskrise. Das ist wahrlich ernst." Die Inszenierung als Kriegspräsident, mag die Show noch so perfekt daherkommen, wird der Lage nicht gerecht.

Gerade die Millionenmetropole New York ist am Limit, wie diese Bilder zeigen:

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