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Sind wir auf einem guten Weg, Herr Drosten?

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Deutschland und die Pandemie - Sind wir auf einem guten Weg, Herr Drosten?

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Im Vergleich zu den europäischen Nachbarn steigt die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland bislang kaum. Aber bleibt das so? Der Virologe Christian Drosten über die Corona-Lage.

Prof. Christian Drosten erklärt niedrigere Corona-Infektionszahlen in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern damit, "dass die Bevölkerung ganz besonders gut aufgeklärt ist und auch sehr gut mitmacht und mitdenkt bei all den Maßnahmen."

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Dabei ist das Infektionsgeschehen in Deutschland noch vergleichsweise gering. Gemessen an der Bevölkerung ist die Zahl der Neuinfektionen in manchen Nachbarländern derzeit zehnmal so hoch. Aber bleibt das so? Christian Drosten, Virologe an der Berliner Charité, hat im heute journal die wichtigsten Fragen beantwortet.

Sehen Sie das Interview im Video in ganzer Länge. Alternativ können Sie hier wahlweise die zentralen Aussagen oder das Interview in der kompletten Mitschrift lesen.

ZDFheute: Man muss sich fragen, ob diese deutsche Sondersituation Bestand haben kann. Sind wir nur ein bisschen später dran als die anderen oder sind wir wirklich auf einem deutlich besseren, anderen Weg?

Christian Drosten: Wir haben relativ zu unserer ersten Welle ganz früh angefangen mit einem Lockdown und uns dabei ganz viel Kredit gewonnen gegen dieses Virus. Nachdem wir den Lockdown gelockert haben im Mai ist die Inzidenz gar nicht von selbst wieder angestiegen.

Und da sieht man schon, dass wir in einen Bereich gekommen sind, mit unserem relativ milden Lockdown im Vergleich zu anderen Ländern, dass wir eine spezielle Art der Kontrolle erzielt haben. Vielleicht sind wir unter einen gewissen Schwellenwert dabei gekommen und das hat uns [eine] Verschnaufpause über den Sommer gegeben.

Und wir sind jetzt schon in einer Ausnahmesituation in Deutschland, wenn man das mit anderen Ländern vergleicht.
Christian Drosten

ZDFheute: Ist denn garantiert, dass das so bleibt? Denn im Moment laufen die Zahlen ja doch wieder davon, so ähnlich wie Anfang März. Wird dann auch wieder so eine Decke eingezogen werden können wie damals? Ist das garantiert?

Drosten: Ja, es sind schon schwierige Einschätzungen, die man da jetzt im Moment treffen muss. Man weiß gar nicht, wie man mit diesen Zahlen umgehen soll und man fragt sich eigentlich, was man für ein Kriterium anlegen muss.

Eine Sache, die wir in Deutschland eigentlich gut gemacht haben, ist, dass wir überhaupt so ein Kriterium haben. Also zum Beispiel dieses Kriterium von 50 [Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern] pro Woche, Fälle, die toleriert werden, bevor man dann weiterführende Maßnahmen macht - das haben längst nicht andere Länder.

Ein anderer Faktor in Deutschland ist aber auch, dass die Bevölkerung ganz besonders gut aufgeklärt ist und auch sehr gut mitmacht und mitdenkt bei all den Maßnahmen.
Christian Drosten

Mal als Beispiel gesagt: Journalisten aus anderen europäischen Ländern fragen mich häufig, wie das denn ist in Deutschland, ob wir denn jetzt glauben, dass dieses Virus über Aerosole übertragen wird. In den USA ist das gerade jetzt, in den vergangenen Tagen, nochmal in Frage gestellt worden und jetzt im Prinzip erstmalig ist es offiziell konstatiert worden, dass dieses Virus auch über Aerosole übertragen wird. Und ich habe das Gefühl, dass wir das in Deutschland im Mai gesellschaftlich geklärt haben.

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ZDFheute: Aber in Frankreich und in Italien wusste man doch ungefähr so viel wie bei uns. Warum laufen dort die Zahlen so davon im Augenblick?

Drosten: Es sind viele andere Dinge, die da eigentlich zum Tragen kommen. Also eine Sache zum Beispiel: vielleicht nicht solche klaren Kriterien. Die Frage ist natürlich auch, wie man das verstehen muss, dass da protestiert wird.

Eine andere Frage, die ich auch im Verdacht habe, das beantworten zu können, ist, dass man vielleicht in diesen Ländern in Wirklichkeit doch nicht so effizient die Neuinzidenz gesenkt hat, sodass eigentlich dort im Hintergrund immer Infektionsgeschehen war, das man zum Teil ein bisschen nicht bemerkt hat, das zum Teil auch ignoriert hat. Und in dem Moment der Lockerung ging es dann gleich wieder weiter.

Und dann kommen natürlich soziale Dinge dazu. In Ländern von Südeuropa haben wir ja einfach andere Familien- und Haushaltsstrukturen. Da gibt es größere Haushalte. Da gibt es aber auch einfach gesellschaftliche Rituale, die dazu führen, dass mehr Kontakt entsteht und sicherlich auch ein Aufholbedürfnis, nach den dort viel strengeren, längeren Lockdowns.

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ZDFheute: Jetzt haben wir ein neues Phänomen: Am Anfang war das Durchschnittsalter der Infizierten, die bei uns im Krankenhaus landeten, bei über 60 Jahren. Inzwischen ist das fast auf die Hälfte gesunken. Was bedeutet das für die Zukunft? Es bedeutet ja erstmal, dass nicht so viele Menschen sterben - die Zahl der Toten ist ganz, ganz niedrig im Moment.

Drosten: Dieses Phänomen ist ein klares Phänomen, das man in vielen anderen Ländern auch sieht. Jetzt über den Sommer haben viele junge Leute sich infiziert. Und wir sehen auch jetzt bereits, wie das diffundiert in andere Altersgruppen.

Wir sehen jetzt, es geht in die Schüler-Altersgruppen, das kommt wahrscheinlich von der Schulöffnung. Und wir sehen auch, es geht in die älteren Altersgruppen. Das bedeutet also, dass die Sterblichkeit auch wieder steigen wird.

Das ist sehr interessant zu sehen: Es gibt eine neue Untersuchung, die über 960 Studien parallel ausgewertet hat und sortiert hat nach ihrer Glaubwürdigkeit, wie gut diese Studien gemacht worden sind. Am Ende sind nur 24 Studien übrig geblieben und Datensätze von Ländern. Und wenn man da ganz genau jetzt schaut, sieht man, dass das Alter, das Durchschnittsalter in der Bevölkerung, fast komplett ausreicht, um die Unterschiedlichkeit der Sterblichkeiten in den einzelnen Ländern zu erklären.

Es ist jetzt eine relativ komplexe Studie, aber man kann ein Beispiel geben: Wenn man nach denselben Methoden für die Influenza die Infektionssterblichkeit berechnet, dann liegt man beispielsweise in den USA bei 0,05 Prozent, [bei Sars-CoV-2] bei 0,8 Prozent, also 16 mal höher als bei der Influenza. Jetzt ist unsere Bevölkerung noch älter als die der USA, und unsere Infektionssterblichkeit geht nach diesen Kriterien also dann an oder sogar über 1 Prozent.

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ZDFheute: Das heißt, wir werden in eine Situation kommen recht bald, wo es wieder darum geht, alte und verwundbare Menschen zu schützen. Das war einer der ganz großen Fehler, so sieht man das heute, in der ersten Welle - dass damals es einen Lockdown für alte Menschen gab und für schwerkranke Menschen, die dann einsam starben; dass man Intensivstationen nicht mehr besuchen durfte; dass man Altersheime nicht mehr aufsuchen durfte. Wird sich das jetzt alles wiederholen oder ist man schlauer geworden?

Drosten: Es ist immer so schwer das einzuordnen, da im Nachhinein zu sagen: Irgendjemand hätte einen Fehler gemacht. Das ist natürlich nicht so. Man wusste das damals einfach nicht, das war eine ganz neue Erkrankung und man musste eine Allgemeinmaßnahme nun einmal verhängen.

Heute wissen wir beispielsweise, dass Patienten im späteren Krankheitsverlauf, typischerweise auf der Intensivstation und dort, wo eben auch die älteren Patienten dann sterben, dass die eigentlich [nur] noch relativ wenig Virus von sich geben. Und ich sage manchmal behandelnden Ärzten: Das entspricht zwar im Moment noch nicht den anerkannten Richtlinien, aber für meine Auffassung sind Patienten auf der Intensivstation gar nicht mehr allzu infektiös. Da könnte man also etwas ändern.

Ein anderes Beispiel [sind] die Senioren-Wohnheime. Das ist natürlich grausam, wenn man über Wochen und Monate seine Angehörigen dort nicht besuchen kann. Wir hoffen hier sehr auf den Effekt von Schnelltests. Das Ganze ist noch nicht spruchreif so richtig. Aber alle arbeiten schon mit vereinten Kräften in Deutschland in diese Richtung, so dass wir hoffen können, dass vielleicht am Eingang einer solchen Einrichtung das dortige medizinische Fachpersonal mit Schnelltests eine sagen wir mal Freitestung für die Dauer der Besuchszeit machen kann.

Das ist also jetzt nicht unbedingt gleich immer eine medizinische Diagnose, aber dennoch eine ganz gute Einschätzung, dafür, ob jemand für die Besuchszeit jetzt als infektiös zu betrachten ist oder nicht.

ZDFheute: Das heißt, man könnte dann menschliche Kontakte wieder erlauben in einer so wichtigen und dringenden Situation?

Drosten: Richtig.

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ZDFheute: Wenn wir nach vorne schauen: Hat Deutschland eine Chance, diese zweite Welle besser zu überstehen als die erste und trotzdem bei niedrigen Zahlen zu bleiben?

Drosten: Naja, wir wissen ja jetzt wirklich ganz viel. Und wir müssen [...] uns immer klar machen, so eine Welle, also dieser Begriff, das ist ja überhaupt erst eine Betrachtung im Nachhinein. Insofern sind wir alle die Welle und können das alle mit beeinflussen.

Und das ist, glaube ich, auch das ganz Entscheidende, wo wir schon in Deutschland ganz viel geschafft haben: dass die Bevölkerung so gut Bescheid weiß bei uns, dass die Bevölkerung auch die Maßnahmen, die bisher und zwischendurch in Kraft waren, so gut unterstützt.

Also man liest von Unterstützungswerten von über 90 Prozent oder über 85 Prozent. Das ist schon eine große Errungenschaft.
Christian Drosten

Und ich glaube, dass wir alle zusammen, und damit meine ich wirklich nicht nur die Politik, sondern damit meine ich jetzt auch Wissenschaftler oder auch jeder in seinem privaten Umfeld, mithelfen kann, das Richtige zu tun und im Alltag, in den kleinen Entscheidungen des Alltags, sich richtig zu verhalten.

Also beispielsweise:

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Christian Drosten

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Jeder hat in seinem Umfeld natürlich auch Personen, die es nicht so ganz einsehen, die vielleicht auch sagen: Das interessiert mich nicht oder ich verstehe es nicht. Man kann mit denen reden und sollte das auch tun. Ich glaube, das ist einer der größten Vorsprünge, die wir haben in Deutschland, bei dieser ganzen Problematik.

Das Interview führte Claus Kleber. @ClausKleber auf Twitter folgen.

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