ZDFheute

#Cryptoleaks: Wie BND und CIA alle täuschten

Sie sind hier:

"Operation 'Rubikon'" - #Cryptoleaks: Wie BND und CIA alle täuschten

Datum:

Recherchen von ZDF, "Washington Post" und SRF belegen, wie BND und CIA heimlich Staaten ausspionierten - und grobe Menschenrechtsverletzungen verschwiegen.

BND und CIA haben gemeinsam über Jahrzehnte Staaten ausspioniert – und Menschenrechtsverletzungen verschwiegen. Das belegen Recherchen von ZDF, "Washington Post" und SRF.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

"Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht" - es sind die Worte von Angela Merkel, gesprochen am 24. Oktober 2013 auf dem Höhepunkt der Snowden-Affäre, die immer noch nachhallen. Doch die Worte klingen hohl, je weiter man in den hunderten von Seiten liest, die das ZDF vor zwei Jahren erhielt. Wie, das muss geheim bleiben.

Aber was in den Berichten steht, die von unmittelbar Beteiligten aus Bundesnachrichtendienst und CIA erstellt wurden, sollte bekannt werden:

  • Deutschland hat in enger Zusammenarbeit mit den amerikanischen Nachrichtendiensten über Jahrzehnte nicht nur mehr als 100 Staaten, darunter auch Freunde und Verbündete, belauscht.
  • Es hat im Zuge dessen auch von der Ermordung zehntausender Menschen gewusst - und geschwiegen.

Die heute veröffentlichten Erkenntnisse sind Ergebnis einer gemeinsamen Recherche von ZDF Frontal 21, der "Washington Post" und der "Rundschau" des Schweizer Fernsehens SRF. Sie werden zeitgleich veröffentlicht und basieren auf den Dokumenten von CIA und BND. Die Amerikaner haben ihre 96-seitige Darstellung mit dem Titel: MINERVA - A HISTORY überschrieben.

Minerva
Minerva ist die altrömische Göttin der Weisheit und strategischen Kriegsführung.
Quelle: ZDF

BND-Aktion heißt "Rubikon"

Minerva, in Anlehnung an die altrömische Göttin der Weisheit und strategischen Kriegsführung, war der Deckname der CIA für die Crypto AG, ein Schweizer Unternehmen, das Verschlüsselungsgeräte herstellt. Die Deutschen gaben der gesamten Operation den Namen "Rubikon", auch das mit hoher Symbolik. "Rubikon", der Name des Flusses, den Julius Caesar im Jahr 49 v.Chr. überschritt, um auf Rom zu marschieren, steht seitdem für eine Grenzüberschreitung.

Offenbar wussten die Deutschen, dass sie eine Grenze überschritten, indem sie weltweit andere Staaten ausspähten. In ihrem Bericht kommt die CIA zu dem spöttischen Schluss: "Es war der Aufklärungscoup des Jahrhunderts. Ausländische Regierungen zahlten gutes Geld an die Vereinigten Staaten und Westdeutschland für das Privileg, dass ihre geheimsten Kommunikationen von mindestens zwei (...) Ländern gelesen wurden."

Über die vergangenen Monate haben wir in Europa, Nord- und Südamerika mit unmittelbar Beteiligten, Betroffenen und Experten gesprochen. Viele waren nur unter Wahrung ihrer Anonymität zu diesen Gesprächen bereit, andere äußern sich nun erstmals öffentlich zu der langjährigen Kooperation zwischen Bundesnachrichtendienst und CIA.

"Die Aktion "Rubikon", so der ehemalige Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt, Bernd Schmidbauer, gegenüber dem ZDF, "hat sicher dazu beigetragen, dass die Welt ein Stück sicherer geblieben ist."

Bernd Schmidbauer
Bernd Schmidbauer, Ex-Geheimdienstkoordinator, im ZDF-Interview.
Quelle: ZDF

Darüber kann man lange streiten, aber "Rubikon" ist wahrscheinlich die wichtigste Geheimdienstoperation der Geschichte," sagt uns Richard Aldrich. Mit Superlativen um sich zu werfen, ist sonst gar nicht die Art des Professors für Internationale Sicherheitspolitik an der Universität Warwick. Seit Jahrzehnten erforscht er die Arbeit der Geheimdienste.

Wir haben ihm Einblick gegeben in die Dokumente und teilen seinen Eindruck. Sie beschreiben, wie Aldrich sagt, eine der "kühnsten und skandalträchtigsten Operationen", die es je gab.

Aber beginnen wir von vorn.

Am Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts bietet sich der Bundesregierung unter Willy Brandt eine einmalige Gelegenheit. Der Gründer der Crypto AG, Boris Hagelin, will sich zur Ruhe setzen. Sein Unternehmen stellt Verschlüsselungsgeräte her und verkauft sie an Regierungen rund um den Erdball.

Der Schwede Hagelin hat bereits über Jahrzehnte mit den amerikanischen Geheimdiensten CIA und NSA zusammengearbeitet. Jetzt bietet er die Crypto AG zum Verkauf an. Der damalige Kanzleramtschef Horst Ehmke gibt grünes Licht für die Vereinbarung, die dem Bundesnachrichtendienst gemeinsam mit der Central Intelligence Agency, CIA, weltweites Ausspähen ermöglicht. Beide Seiten tragen jeweils die Hälfte des Kaufpreises von 8,5 Millionen Dollar.

Siemens spielt eine wichtige Rolle

Die wahren Eigentumsverhältnisse des Unternehmens, das im kleinen Ort Steinhausen im schweizerischen Kanton Zug ansässig ist, werden geschickt verschleiert - über eine Treuhandgesellschaft in Liechtenstein. Der Münchner Siemens-Konzern steuert in den Folgejahren den jeweiligen Vorstandschef der Crypto AG bei.

Neben diesem sind nur ein, zwei weitere hochrangige Mitarbeiter der Crypto AG eingeweiht. Sie sorgen dafür, dass in die Verschlüsselungsgeräte Hintertüren eingebaut werden, manipulierte Algorithmen. Auf diese Weise sind BND und CIA in der Lage, die weltweit abgefangene Kommunikation aus den Geräten zu entschlüsseln.

In den Papieren, die dem ZDF, der "Washington Post" und dem Schweizer Fernsehen SRF vorliegen, heißt es: "Diplomatische und militärische Verkehre vieler wichtiger Länder der Dritten Welt, aber auch europäischer Staaten (...) konnten (...) flächendeckend mitgelesen werden."

Chiffriergeraet CX-52
Die berühmte Chiffriermaschine CX52, eines der Aushängeschilder des Unternehmens.
Quelle: ZDF

Die Crypto AG ist lange Weltmarktführer beim Verkauf von Chiffriergeräten, darunter die berühmte CX52-Maschine, die als unknackbar gilt; eine Grafik im Geheimbericht zeigt den Anstieg der Einnahmen von 15 Millionen Schweizer Franken in 1970 auf mehr als 51 Millionen Franken in 1975.

In ihrer besten Zeit zählt die Crypto AG mehr als 130 Regierungen, einschließlich zahlreicher Streitkräfte und Geheimdienste, zu ihren Kunden.

  • Im Nahen und Mittleren Osten sind es Länder wie Saudi-Arabien, Iran, Irak, Syrien, Jordanien, Kuwait, Libanon, Oman, Qatar und Vereinigte Arabische Emirate.
  • Zu den afrikanischen Käufern der Schweizer Verschlüsselungsmaschinen zählen Ägypten, Algerien, Libyen, Marokko, Tunesien, Äthiopien, Elfenbeinküste, Nigeria, Tansania und Südafrika.
  • In Südamerika werden Argentinien, Chile, Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Peru, Uruguay, Venezuela überwacht. In Fernost spähen BND und CIA Indien, Pakistan, Bangladesch, Burma, Philippinen, Malaysia, Mauritius, Thailand, Japan, Südkorea und Indonesien aus.

Besonders bemerkenswert: Sogar europäische Staaten sind als Kunden der Crypto AG im Visier der Dienste:

  • Neben dem blockfreien Jugoslawien
  • auch EU- und NATO-Staaten wie Irland, Spanien, Portugal, Italien und die Türkei.

Das schweizer Unternehmen verkaufte Chiffriermaschinen an Staaten weltweit. Die Aktivitäten der Krypto AG in der animierten Karte.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

CIA will Verbündete wie Drittweltstaaten behandeln

Aus den Berichten, die uns vorliegen, geht hervor, dass CIA und BND immer wieder darüber stritten, wer die manipulierten Chiffriergeräte bekommen sollte. Die Deutschen wollten nicht, dass verbündete Staaten ausgepäht werden, die Amerikaner wollten im Grunde jede Regierung ausspähen, auch mit "Verbündeten so umgehen, wie sie mit Drittweltstaaten umgehen", so heißt es in einem der deutschen Dokumente.

Sogar die Kommunikation des Heiligen Stuhls können die eifrigen Lauscher entschlüsseln, denn auch der Vatikan setzt auf die Geräte aus der vermeintlich neutralen Schweiz. Diesem Umstand verdanken die USA bei der amerikanischen Invasion in Panama im Dezember 1989 ihr Wissen, dass sich der gefürchtete Machthaber des Landes, Manuel Noriega, in der Vatikanbotschaft in Panama-Stadt versteckt hält. Am 3. Januar 1990 ergibt sich Noriega den US-Streitkräften, er wird später wegen Drogenhandels zu 40 Jahren Haft verurteilt.

Archiv: General Manuel Antonio Noriega nach der Festnahme in Miami, Florida.
Archiv: General Manuel Antonio Noriega nach der Festnahme in Miami, Florida.
Quelle: AP

Wissen ist Macht, in diesem Fall nutzte es die CIA gegen einen Mann, mit dem sie selbst über viele Jahre eng zusammengearbeitet hatte. Aber es ist eine fast unbedeutende Episode im Vergleich zu dem Wissen, dass dank der "Operation 'Rubikon'" in Machtpolitik verwandelt wird, durch aktives Handeln oder auch Nicht-Handeln im Angesicht bedrückender Informationen:

  • Beispiel Argentinien. Dort herrscht in den 1970er Jahren eine Militärjunta. Sie lässt Regimegegner verschleppen, misshandeln und ermorden. Tausende von Regimekritikern werden aus Militärflugzeugen über den Atlantik lebendig ins Meer geworfen. Im norddeutschen Husum betreibt der deutsche Geheimdienst damals eine Abhöreinrichtung - das Objekt "Kastagnette" - unter der Tarnbezeichnung "Bundesstelle für Fernmeldestatistik".

"Über seine Abhörstation, Deckname Kastagnette, in Husum, war der Bundesnachrichtendienst in der Lage, die militärischen und diplomatischen Verkehre Argentiniens abzuhören", so der deutsche Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom, der das ZDF bei der Auswertung der CIA- und BND-Dokumente beraten hat.

Die Kommunikation der argentinischen Regierung war zwar verschlüsselt, aber eben mit der "Technik der Crypto AG und somit sowohl für den BND wie für die amerikanischen Nachrichtendienste mitlesbar." Mehr als 30.000 Menschen fallen dem Militär-Regime in Buenos Aires zum Opfer. Dank der "Operation 'Rubikon'" weiß die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt über die Todesflüge Bescheid. Ohne zu protestieren, nimmt Deutschland 1978 an der Fußball Weltmeisterschaft in der Folter-Diktatur teil.

  • Beispiel Chile. 1970 wird der Sozialist Salvador Allende zum Präsidenten Chiles gewählt. Rechte Militärs wollen ihn stürzen mit Unterstützung der USA. Die von BND und CIA manipulierten Crypto-Maschinen sind hilfreich dabei.

In den Geheimdokumenten heißt es: "Die NSA konnte die Kommunikation beider Länder (Argentinien und Chile, Anm. der Redaktion) mitlesen, weil sie den Produkten der Crypto AG die Treue hielten." Die amerikanische National Security Agency NSA, für die elektronische Überwachung weltweit zuständig, profitiert dabei von der "Operation 'Rubikon'".

Salvador Allende bei einer Rede, 1973
Salvador Allende bei einer Rede 1973. Im September des Jahres wurde er gestützt - mit Hilfe der CIA.
Quelle: reuters

Am 11. September 1973 wird Präsident Allende in einem blutigen Putsch durch das Militär unter der Führung von General Pinochet gestürzt - mit tatkräftiger Unterstützung der CIA. In den folgenden 17 Jahren Diktatur werden fast 30.000 Menschen verhaftet, viele von ihnen grausam gefoltert, fast 3.000 werden ermordet oder gelten als verschwunden. Mehr als eine Million Chilenen müssen fliehen.

  • Beispiel Falklandkrise. Argentinische Truppen besetzen im April 1982 die unter britischer Verwaltung stehende Falkland-Inselgruppe im Atlantik. Argentinien unterschätzt die Abhörmöglichkeiten der Amerikaner und Deutschen. Dank der knackbaren Crypto-Maschinen lesen sie die Kommunikation der argentinischen Streitkräfte mit und informieren die Briten.

Vielleicht hätte die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher den Krieg dank der Informationen verhindern können, aber Thatcher steht unter massivem, innenpolitischem Druck. Statt diplomatisch nutzt sie die Erkenntnisse militärisch: "Die argentinische Marine", so der britische Geheimdienstexperte Richard Aldrich, "setzte die Schweizer Chiffriergeräte ein.

Archiv: Das Britische Kriegsschiff HMS Antelope versinkt in der Ajax Bucht vor den Falkland-Inseln.
Archiv: Das Britische Kriegsschiff HMS Antelope versinkt in der Ajax Bucht vor den Falkland-Inseln.
Quelle: DPA

Und die britische Regierung enthüllte später, dass die Funkaufklärung ausschlaggebend für die Entscheidung Thatchers war, die Belgrano zu versenken." Beim Untergang des argentinischen Kreuzers Belgrano starben mehr als 300 Menschen.

Die argentinische Regierung schöpfte offenbar Verdacht: "Im Nachgang zum Falklandkrieg sind die Argentinier sicherlich bei der Crypto AG vorstellig geworden", so erinnert sich Jürg Spörndli, damaliger Mitarbeiter der Crypto AG im ZDF-Interview, "und die haben also eine, also in Anführungszeichen, eine bessere Version gekriegt. (…) Für den halbwegs bedarften Krypto-Analysten war die sicher stärker, aber nicht für die NSA. Die hat da nach wie vor reinschauen können."

  • Beispiel Bombenattentat auf die Berliner Diskothek La Belle. Am 5. April 1986 explodiert in dem Tanzclub, der besonders von US-Soldaten besucht wird, eine Bombe. Drei Menschen sterben, mehr als 200 werden verletzt.

Schon am nächsten Tag macht der damalige amerikanische Präsident Ronald Reagan Libyen für den Anschlag verantwortlich: "Unsere Beweise sind präzise und unwiderlegbar." Er bezieht sich zum Entsetzen seiner Berater auf entschlüsselte Funksprüche zwischen der libyschen Botschaft in Ostberlin und dem Außenministerium in Tripolis. Tatsächlich war der damalige libysche Diktator Muammar al Gaddafi ein Großkunde der Schweizer Crypto AG. 

Archiv: Die Discothek "La Belle" in Berlin nach dem Anschlag.
Archiv: Die Discothek "La Belle" in Berlin nach dem Anschlag.
Quelle: DPA

So konnten deutsche und amerikanische Geheimdienste Libyens Regierungskommunikation überwachen. In dem "Rubikon"-Papieren heißt es: Der BND "spielte eine wesentliche Rolle im Fall ‚La Belle‘ in Berlin". Die Erkenntnisse werfen Fragen auf: Gab es durch die kontinuierliche Überwachung vielleicht sogar ein Vorwissen über den geplanten Bombenanschlag? Hätte er verhindert werden können oder brauchte die US-Regierung einen Vorwand für die Angriffe auf die Städte Bengasi und Tripolis eine Woche später?

  • Beispiel Geiselaffäre im Iran. Kurz nach dem Beginn der iranischen Revolution im Jahr 1979 stürmen Studenten die amerikanische Botschaft in Teheran und nehmen 52 Mitarbeiter als Geiseln. Sie wollen die Auslieferung des gestürzten Schahs erzwingen, der in die USA geflüchtet war. 444 Tage kämpft Präsident Jimmy Carter für die Freilassung der Geiseln.

Die manipulierten Verschlüsselungsgeräte der Iraner spielen dabei eine wichtige Rolle, wie der ehemalige NSA-Direktor und stellvertretende CIA-Direktor Bobby Ray Inman gegenüber der "Washington Post" bestätigt. Demnach erkundigte sich Präsident Carter persönlich fast täglich nach neuesten Erkenntnissen aus der Überwachung der iranischen Kommunikation.

Iran-Vorfall beendet Kooperation von BND und CIA

13 Jahre später führt ein weiterer Vorfall im Iran - in den Geheimdokumenten als "Affäre Hydra" bezeichnet - schließlich auch zum Ausstieg der Deutschen aus der so ertragreichen Zusammenarbeit von BND und CIA. Im März 1992 wird Hans Bühler, ein Firmenvertreter der Crypto AG, unter Spionageverdacht im Iran festgenommen.

Neun Monate sitzt er unter schlimmen Bedingungen in Haft. Bühler weiß nichts über das Geheimnis der Crypto-Geräte, er gehört nicht zu den Eingeweihten. Nach Einschätzung des Geheimdienstexperten Schmidt-Eenboom wussten die Handelsvertreter der Crypto AG nicht, "dass sie nachrichtendienstliche Hilfsorgane waren. Sie waren extrem gefährdet, und die Crypto AG, der BND und die CIA haben diese Gefährdung und das Risiko einfach so hingenommen."

Hans Bühler war Firmenvertreter der Crypto AG, von der Geheimdienstoperation von BND und CIA hatte er keine Ahnung. Trotzdem war er eine Art Schlüsselfigur bei der Beendigung der Operation Rubikon.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Bühler kommt überraschend frei und mutmaßt auf einer Pressekonferenz, dass er Opfer einer Geheimdienstintrige geworden sei. Was er nicht weiß: Er hat Recht - der BND hat sogar eine Million Dollar aus einer schwarzen Kasse als Lösegeld bezahlt.

Aber das darf niemand erfahren. Also feuert das Unternehmen den Störenfried und reicht Klage wegen Verleumdung ein. Bei einem außergerichtlichen Vergleich verpflichtet sich Bühler schließlich gegen eine Abfindung zum Schweigen.  

Auch der Schweizer Geheimdienst wusste Bescheid

Erst die Geheimdokumente, die dem ZDF, der "Washington Post" und dem Schweizer Fernsehen SRF vorliegen, enthüllen die wahren Hintergründe. Dazu gehört auch die Mitwisserschaft des Schweizer Geheimdienstes.

In den Papieren zur "Operation 'Rubikon'" heißt es: "Bestimmte Leute dort wussten durchaus etwas über die Rolle, die die Deutschen und die Amerikaner in der Crypto AG spielten und waren bereit diese Beziehung zu schützen. Ein Schweizer Geheimdienst-Mitarbeiter informierte die CIA, dass sie in der Lage wären, das Ergebnis der Untersuchung so zu steuern, dass es keine Manipulation der Geräte zeigt‘." Die Schweizer Behörden bestreiten die Mitwisserschaft (siehe Kasten).

Dem ZDF gegenüber verteidigt der damalige Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt, Bernd Schmidbauer, die "Operation 'Rubikon'" als großen Erfolg der Zusammenarbeit zwischen deutschen und amerikanischen Sicherheitsbehörden: "Gestört hat diese Operation erst, als es Menschen gegeben hat, die den Mund nicht halten konnten."

Damit gemeint ist der Crypto AG-Vertreter Hans Bühler, den man, so Schmidbauer, "aus dem berüchtigten Gefängnis in Teheran" befreit habe. Durch die Bühler-Affäre wird den Verantwortlichen im Kanzleramt klar, dass die Legende der Crypto AG bröckelt und die "Operation 'Rubikon'" außenpolitisch gefährlich werden kann.

Wiedervereinigung beendet "Rubikon" endgültig

1993, in der Amtszeit von Bundeskanzler Helmut Kohl, wird das wiedervereinigte Deutschland von seinen europäischen Nachbarstaaten argwöhnisch beobachtet. Deshalb fällt die Entscheidung, aus der Crypto AG auszusteigen, die deutschen Anteile an die CIA zu verkaufen.

Kurz nach Abschluss der Vereinbarung, die der Bundesrepublik Deutschland 17 Millionen Dollar einbringt, informiert Schmidbauer den damaligen BND-Chef Konrad Porzner, der gegen den Ausstieg argumentiert hatte.

"In der Abwägung des Risikos (…) und im Aufkommen der Fairness anderen Staaten gegenüber, bei abnehmender Bedrohung, die auch zu registrieren war", so Ex-Geheimdienstkoordinator Schmidbauer im ZDF-Interview, "war es eine von uns richtige Entscheidung, dass wir neue Wege gehen und dass wir mit solchen Operationen nicht in die Zukunft gehen wollten."

Zur Wahrheit gehört, dass die Crypto AG aufgrund des technologischen Fortschritts zu diesem Zeitpunkt keine üppigen Gewinne mehr abwirft. Ein guter Zeitpunkt für Ausstieg. Denn ein Aspekt der "Operation 'Rubikon'" dürfte die Abgeordneten des Deutschen Bundestages besonders interessieren: Was geschah mit den Millionen Schweizer Franken, die die Schweizer Crypto AG jährlich an Gewinn machte?

Auch das zeigen die "Rubikon"-Papiere, in denen es heißt: "Die jährliche Gewinnausschüttung (…) wurde dem BND-Haushalt zugeschlagen, (…) Haushaltsausschuss und Rechnungshof hatten darüber keine Kontrolle." Dies wäre ein schwerer Verstoß gegen die parlamentarische Aufsicht, denn der Bundesnachrichtendienst ist dem deutschen Parlament gegenüber rechenschaftspflichtig.

CIA setzte Aktion noch lange fort

Nach Recherchen der "Washington Post" setzte der US-Geheimdienst noch viele Jahre weiter auf die Crypto AG. Erst In den Jahren 2017/2018 wurde sie verkauft und aufgeteilt. Dabei soll die CIA zwischen 50 und 70 Millionen Dollar eingenommen haben.

Umso mehr bleibt am Ende der Eindruck, den Politikwissenschaftler Richard Aldrich im ZDF-Interview zusammenfasst: "Die 'Operation "Rubikon"' war eine der kühnsten und auch skandalträchtigsten Operationen, denn über hundert Staaten zahlten Milliarden Dollar dafür, dass ihnen ihre Staatsgeheimnisse gestohlen wurden. Das war schon ziemlich dreist."

Deutlicher kann man es kaum formulieren, und nach all den vorliegenden Dokumenten ist auch für Deutschland eindeutig belegt, dass Ausspähen - sogar das Ausspähen unter Freunden - sehr wohl ging und offenbar jahrzehntelang kein Problem war.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.