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Interview

Plagiatprüfer zum Fall Giffey - "Deutschland hat großen Nachholbedarf"

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Nach langen Diskussionen um ihre Doktorarbeit legt Familienministerin Giffey ihr Amt nieder. Doch wie werden Dissertationen eigentlich geprüft? Antworten vom Experten.

Überraschung in Berlin: Familienministerin Giffey tritt zurück.

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Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat ihren Rücktritt eingereicht. Als Grund nennt sie die anhaltende Diskussion um ihre Doktorarbeit. Ihre Dissertation verfasste sie zum Thema "Europas Weg zum Bürger – Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft" an der Freien Universität Berlin und promovierte im Jahr 2010. Im Mai 2019 veröffentlichte die Website VroniPlag Wiki das Ergebnis der Überprüfung von Giffeys Doktorarbeit. Das zentrale Ergebnis damals:

  • Auf 37,1 Prozent der Seiten des Haupttextes der Arbeit fanden sich Plagiate unterschiedlichen Umfangs; 11 Seiten bestanden zu 50-75 Prozent aus Plagiatstext und eine zu mehr als 75 Prozent.
  • Knapp 13,2 Prozent des gesamten Haupttextes werden als plagiiert gewertet.

In einem ersten Verfahren war Giffey im Oktober 2019 von der FU eine Rüge erteilt worden. Nach Kritik wurde die Prüfung aber im vergangenen November neu aufgerollt. Schon damals hatte Giffey versichert, sie werde als Ministerin zurücktreten, wenn ihr der Doktortitel aberkannt werde. 

Giffey nicht erste Politikerin, die über ihre Dissertation stolpert

Franziska Giffey ist nicht die erste Politikerin, die ihr Amt wegen Unstimmigkeiten bei der Promotion verliert oder abgibt. Besonders prominent ist der Fall Karl-Theodor zu Guttenberg aus dem Jahr 2011 in Erinnerung geblieben. Doch wie arbeiten eigentlich Dissertationsprüfer und Plagiatjäger? ZDFheute hat mit dem Sachverständigen für Plagiatsprüfung, Dr. Stefan Weber, gesprochen:

ZDFheute: Wie gehen Sie bei einem Plagiat-Check vor?

Stefan Weber: Das ist jetzt ungefähr so, wie wenn Sie den Erfinder einer bekannten Süßspeise nach seinem genauen Rezept fragen würden. Ich werde das nicht im Detail sagen. Eine wichtige Rolle spielt der Zugriff auf Google Books. Zweitens ist die Wayback Machine des Internet Archivs unverzichtbar bei allen Recherchen. Inhaltlich spielen unter anderem Texte im unmittelbaren Umfeld korrekt ausgewiesener Zitate eine große Rolle.

ZDFheute: Welche Rolle spielt Software bei der Prüfung von Dissertationen?

Weber: Viele Universitäten und Hochschulen schätzen die Lage völlig falsch ein, wenn sie glauben, sie müssten nicht alle Texte mit Software wie Turnitin überprüfen oder gar, dass das generell wenig bis nichts bringe. Mit "alle Texte" meine ich wirklich jeden Text, vom Motivationsschreiben über die schriftliche Klausur bis zur Dissertation. Das gehört dazu wie der TÜV beim Auto. Es wird Zeit, dass das endlich Standard wird. Es scheitert nicht an der Technik oder am Budget, sondern an der Einstellung und am Willen.

ZDFheute: Betrügen Promis/Politiker eher als andere? Oder werden sie nur eher dabei erwischt?

Weber: Die Vermutung ist einerseits, dass sie eher dabei erwischt werden, weil sie eben Personen des öffentlichen Lebens sind. Andererseits verleitet ein Promotionsvorhaben neben einem Stress-Job natürlich zum Betrügen.

ZDFheute: Gibt es eine offizielle Statistik über aberkannte Titel und Verfahren?

Weber: Leider nein. Es gab dazu in den vergangenen Jahren einige Anfragen seitens der Politik, einmal von der AfD in Berlin, und von der FDP für Bayern zur "Prävention von Plagiaten an bayerischen Universitäten und Hochschulen". Derzeit läuft die erste Erhebung zu Plagiaten in Österreich, durchgeführt vom IHS (Institut für Höhere Studien), die Ergebnisse werden im Herbst 2021 vorliegen. Österreich hat hier wie Deutschland in der Forschung großen Nachholbedarf.

ZDFheute: Gibt es Plagiate eher in den Geistes- und Sozialwissenschaften? Was ist mit den Naturwissenschaften? Wie wird da geprüft und betrogen?

Weber: Es gibt Plagiate sogar in der Mathematik und in der Informatik. Sogenannte Code-Plagiate. In den Naturwissenschaften ist natürlich die Bildmanipulation das große Thema und nicht so sehr das Textplagiat.

ZDFheute: Zum Abschluss: Kennen Sie Leute, die davongekommen sind, die es aber eigentlich nicht verdient hätten?

Weber: Haben Sie dafür ausreichend Platz?

Doktortitel sind begehrt - auch in der Politik. Weil sie in ihren Dissertationen abgeschrieben hatten, mussten schon mehrere prominente Politiker auf ihren Titel verzichten und verloren ihr Amt:

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