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"Es regiert ziemlich viel Undankbarkeit"

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De Maizière zu Wiedervereinigung - "Es regiert ziemlich viel Undankbarkeit"

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Lothar de Maizière ist erster und letzter frei gewählter DDR-Ministerpräsident. Vor 30 Jahren verhandelte er den Vertrag, der zum Ende der DDR führte. Hier erinnert er sich.

Lothar de Maiziere - Archivbild vom 29.01.2020
Lothar de Maiziere
Quelle: dpa

Im Frühjahr ist Lothar de Maizière 80 Jahre alt geworden. Einen großen Staatsakt hat es für den ersten frei gewählten Ministerpräsidenten der DDR nicht gegeben - auch auf eigenen Wunsch, weil er sich zu dem Zeitpunkt gerade von einer schweren Krankheit erholte.

Wenn man de Maizière jetzt in seiner Anwaltskanzlei besucht, trifft man einen Mann, der immer noch mit großer Leidenschaft von den sieben Monaten Amtszeit als letzter Regierungschef der DDR erzählt, der dem Reporter voller Stolz die Tischkarte des Frühstückes anlässlich der Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrages im September 1990 in Moskau zwischen der DDR, der Bundesrepublik und den vier Siegermächten des 2. Weltkrieges zeigt. Auf der Rückseite haben sie alle unterschrieben: Hans-Dietrich Genscher und Eduard Schewardnadse, James Baker, Roland Dumas und vor allem Michael Gorbatschow.

De Maizière: Gutes Ergebnis, kein Anschluss

Es waren aufregende Monate für den damals 50-jährigen de Maizière. Und auch wenn er es nicht so nennen will - er ist stolz auf sich.

Stolz kann man als 100-Meter-Läufer sein. Ich glaube, dass wir unsere Aufgabe, die wir vom Wähler bekommen haben, erledigt haben und ein gutes Ergebnis erzielt haben.
Lothar de Maizière

Für ihn eine typische Antwort. Auch, weil Lothar de Maizière ja eigentlich nie Politiker werden wollte. In knapp acht Wochen im Sommer 1990 verhandelten die beiden Regierungen den sogenannten Einigungsvertrag, an dessen Ende der Beitritt der DDR zum Grundgesetz der Bundesregierung stand. "Ich habe das nie als Anschluss bezeichnet", sagt de Maizière. Und er hat dafür eine ganz banale wie logische Begründung:

Die Bundesrepublik hätte beschließen können, was sie wollte. Wenn wir nicht gewesen wären und nicht beschlossen hätten, wir treten bei, wäre es nicht so gekommen.
Lothar de Maizière

Auch 30 Jahre danach wehrt sich der letzte DDR- Regierungschef gegen den Vorwurf, der Westen habe den Osten einfach übernommen.

Lothar de Maizière möchte die Wiedervereinigung nicht als Anschluss an den Westen sehen. "Wir haben ein gutes Ergebnis erzielt", sagt der ehemalige Ministerpräsident der DDR.

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Und dennoch weiß de Maizière, dass auch viele seiner Landsleute die Wiedervereinigung mit sehr kritischen Augen betrachtet haben. Auch deshalb wollte sich seine Regierung nicht wie ein totes Tier vor das Auto der westdeutschen Verhandlungsdelegation um Wolfgang Schäuble werfen. Doch mit viel konnte sich der Osten damals nicht durchsetzen. Vor allem die großen symbolischen Gesten fehlten.

Mehr Alltag, weniger Symbolik

Es ist eher das Kleingedruckte, die 2.000 praktischen Regeln des täglichen Zusammenlebens, die de Maizière wichtig sind. "Anerkennung von Ausbildungsberufen, die Fragen des Erbrechtes für nicht eheliche Kinder - alles Dinge, die sich bewährt haben im Rechtsalltag der Menschen", sagt er. Aber, räumt de Maiziere ein, bei den symbolischen Fragen sei man nicht so erfolgreich gewesen:

Ich habe damals zu Wolfgang Schäuble gesagt, wir müssen was tun, dass auch der Westdeutsche merkt, es beginnt eine neue Zeitrechnung.
Lothar de Maizière

De Maizières Appell an Wolfgang Schäuble, auch im Westen eine neue Zeitrechnung beginnen zu lassen, war nicht erfolgreich. Das ausgearbeitete Regelwerk aber habe sich bewährt.

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Wurde der Osten über den Tisch gezogen?

Die Frage, die ihm nun seit 30 Jahren immer wieder gestellt werde, sei immer dieselbe, klagt de Maizière. Und er beantwortet sie seit 30 Jahren gleich: "Ich bin keiner, der sich über den Tisch ziehen lässt." Wenn er gemerkt hätte, "die wollen uns unsere Würde nehmen, wäre ich aufgestanden und wäre gegangen." Aber so ein Vertrag sei die einzige Möglichkeit gewesen, die die beiden Regierungen gehabt hätten. Und diejenigen, für die dieser Vertrag ein Diktat des Westens sei, "die sollen mal drüber nachdenken, was passiert wäre, wenn die Einigung nicht gekommen wäre."

Auch die blühenden Landschaften, die Helmut Kohl im Wahlkampf im Frühjahr 1990 versprochen hatte, gebe es inzwischen. Wer das nicht sehen wolle, "ist entweder blind oder blöd oder böswillig." Und er sei sich schon bewusst, dass er sich jede Menge Ärger einhandle, wenn er nach 30 Jahren bilanziert: "Es regiert auch ziemlich viel Undankbarkeit."

Lothar de Maizière weist Kritik am Ergebnis des Einigungsvertrages von sich: "Wer jetzt die blühenden Landschaften nicht sieht, ist entweder blind oder blöd oder böswillig."

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Doch zur Wahrheit der Verhandlungen gehört auch, dass die de-Maizière-Regierung tatsächlich kaum Verhandlungsmasse hatte. Wenige Wochen zuvor wurde mit der Wirtschafts- und Währungsunion die D-Mark zur Währung auch in der DDR gemacht. "Die Mehrheit der Deutschen wollte die Einheit", sagt Lothar de Maizière.

Enormer Druck, hohe Erwartungen

Selbst die Abgeordneten der Volkskammer übertrugen den Druck der Menschen quasi wöchentlich auf die eigene Regierung: "Die Abgeordneten kamen nach jedem Wochenende und fragten: Wann treten wir endlich bei? Es war ein unglaublicher Erwartungshorizont, den sowieso keiner hätte erfüllen können. Ein bisschen so wie Weihnachten, nur etwas stärker." Das war etwas völlig anderes als auf der westdeutschen Seite: "Da ist sehr viel schneller Normalität eingezogen, weil sich ja für die Westdeutschen so gut wie nichts verändert hat."

"40 Jahre DDR haben die Menschen stärker geprägt, als angenommen", sagt der ehemalige DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière. Bei den Jungen gebe es aber keine Unterschiede mehr.

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Es dauert Generationen

Dass die Unterschiede zwischen Ost und West immer noch spürbar seien, liege aber vor allem an den Menschen:

Geschichte denkt nicht in Jahren, sondern in Generationen.
Lothar de Maizière

Erst wenn die Einigungsgeneration nicht mehr in Amt und Würden sei, könne sich das wirklich ändern. "Wenn Sie mal mit Hochschullehrern sprechen, welcher der Studenten Ossi ist und wer Wessi - das merken die nicht mehr. Man merkt nur, wer ist blöd, wer ist nicht so blöd", sagt de Maizière. Es sei "zweifelsohne so, dass die 40 Jahre DDR die Menschen stärker geprägt haben als wir angenommen haben". Es ist ein Eingeständnis zum Schluss, dass man sich in der Annahme einer erfolgreichen Wiedervereinigung tatsächlich fundamental getäuscht hat:

Ich habe 1990 geglaubt, der Aufbau der Infrastruktur würde deutlich länger dauern und das Zwischenmenschliche würde von allein gehen. Genau umgekehrt ist es gekommen.
Lothar de Maizière

Die Mehrheit der Ostdeutschen habe die Einheit gewollt, erinnert sich Lothar de Maizière. Dadurch sei der Druck auf die Politik sehr groß geworden.

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