ZDFheute

Söder zu Atommüll: "Ducken uns nicht weg"

Sie sind hier:

Suche nach Endlager - Söder zu Atommüll: "Ducken uns nicht weg"

Datum:

Irgendwo muss der radioaktive Abfall aus den deutschen Atomkraftwerken gelagert werden. Bayern sei dafür jedoch nicht der beste Ort, so Ministerpräsident Söder im ZDF-Interview.

Gorleben ist von Experten als geologisch nicht geeignet für ein Atommüll-Endlager eingestuft worden. Ministerpräsident Söder sagte im ZDF, Bayern werde sich konstruktiv in den Auswahlprozess einbringen.

Beitragslänge:
5 min
Datum:

ZDFheute: Sie haben heute gesagt, das darf nicht so eine politisch motivierte Entscheidung werden, nach dem Motto: "Dann geben wir den Bayern mal einen mit." Unterstellen Sie das denn den Geologen, die da jetzt beteiligt waren an dieser Liste?

Markus Söder: Den Geologen nicht, aber wenn ich schon Stellungnahmen gestern gehört habe von Herrn Habeck [Bundesvorsitzender der Grünen, Anm. d. Redaktion], der ja die Stellungnahme der Geologen gar nicht kennen konnte, der gleich gesagt hat: Bayern muss da unbedingt dabei sein. Also ich glaube, wichtig ist es, dass wir natürlich eine Lösung brauchen für dieses Thema.

Es geht um Verantwortung für nächste Generationen und ein Stück weit auch um Rechenschaft für das, was wir in 40, 50 Jahren Atompolitik in Deutschland gemacht haben.
Markus Söder

Aber es ist halt wichtig, dass wir das vernünftig, transparent und am Ende auch klug abwägen, worum es geht.

ZDFheute: Niedersachsen hat ungefähr die gleiche Fläche betroffen, also ausgeschrieben bekommen. Also beide so um die 41.000 Quadratkilometer, glaube ich. Aber aus Niedersachsen ist kein Protest zu hören, anders als in Bayern. Stattdessen der Appell: Es sollten sich doch bitte alle am Riemen reißen und nicht aus der Reihe tanzen.

Söder: Ja zunächst mal machen wir ja keinen Protest. Ich sage ja ganz bewusst, dass wir uns konstruktiv beteiligen. Wir glauben nur, dass wir gute Argumente haben, warum am Ende, in einer Abwägung, andere Gesteinsschichten in anderen Bereichen deutlich geologisch sicherer sind. Ich glaube auch, dass dieser Anspruch der einen Million Jahre, ein bisschen ein kritischer Punkt ist. Warum? Weil natürlich vor einer Million Jahren, wenn wir mal zurückrechnen, wo stand die Menschheit da? In welchem Zustand war sie?

Nach einer wissenschaftlichen Studie kommen aus geologischer Sicht mehr als 90 Standorte für eine Endlagerung des Atommülls in Frage. Zur Überraschung vieler: Das Zwischenlager Gorleben zählt nicht dazu.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Und was wir sehen, was technisch jetzt möglich ist. Dann kann das Argument nicht in erster Linie sein, wie wir die Technik jetzt auf eine Million Jahre auslegen, sondern dann müssen wir an die Gesteinsschichten und auch an die Geologie denken. Und letztlich: Eines fällt schon ein bisschen auf, gerade bei Niedersachsen.

Wenn wir sagen (...) ungefähr die Hälfte des deutschen Bundesgebietes ist theoretisch möglich und wir prüfen jetzt Schritt für Schritt in einem Prozess über elf Jahre, was konkreter gehen könnte. Große Städte werden sogar möglich einbezogen.
Markus Söder

ZDFheute: Große Städte - das ist ja erstmal eine rein geologische Betrachtung. Was eignet sich, Ton, Salz, Granit. Also da geht es ja nicht darum, dass am Ende in Berlin Atommüll unter dem S-Bahn-Schacht gelagert wird.

Söder: Nach dem jetzigen Verfahren ist es zumindest mal ausgewiesen. Umso seltsamer mutet es dann an, dass genau ein kleiner Fleck - nämlich das bisherige Endlager, das in der Diskussion war, nämlich Gorleben - völlig ausgenommen wird. Einige Zeitungen, die auch schon hier am Abend erscheinen, zum Beispiel die "Süddeutsche Zeitung", hinterfragen auch und sagen: Das ist kein guter Start für so einen doch langen und ambitionierten Prozess.

Luftaufnahme des Zwischenlager Gorlebens
Quelle: dpa

ZDFheute: Die "Süddeutsche" begründet das nicht wissenschaftlich-geologisch, sondern eher, dass es vielleicht politisch ungeschickt gewesen wäre. Nun reden wir doch mal über den großen Fleck, über Bayern: Bayern war ein großer Atomstrom-Produzent, ist es immer noch. Ein Viertel des Atommülls, von dem man im Moment noch nicht weiß, wohin damit, stammt aus Bayern. Können Sie sich denn da einfach so wegducken, ohne nicht auch Ihre anderen Kollegen, Ministerpräsidenten nachhaltig zu verärgern?

Söder: Nein, wegducken tun wir uns natürlich nicht. Wir haben ja im Moment den ganzen Atommüll. Wir dürfen nicht vergessen: Die deutsche Rechtssituation ist so und auch die tatsächliche, dass an den Atomkraftwerken bereits Zwischenlager sind. Das heißt, bei uns lagert ja im Moment schon eine gehörige Portion Atommüll. Und vergessen darf man auch nicht, dass mit den Atomkraftwerken nicht nur bayerischer Strom produziert wurde, sondern in all den 40, 50 Jahren wurde ja in ganz Deutschland die Stromversorgung damit gewährleistet.

90 Teilgebiete in Deutschland sind nach rein geologischen Kriterien für eine Endlagerung geeignet. Insgesamt sind es damit 54 Prozent der gesamten Landesfläche.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

ZDFheute: Aber in Bayern besonders viel.

Söder: Ja, aber die Zeit, bevor wir insbesondere in die Erneuerbaren [Energien] in Deutschland eingestiegen sind. Die Frage der Gerechtigkeit stellt sich breiter aufgestellt.

Aber natürlich: Wir werden uns konstruktiv beteiligen, das haben wir gesagt. Also auch mit wissenschaftlichen Argumenten.
Markus Söder

Aber wie immer – haben ja auch die Wissenschaftler heute morgen gesagt – es wird nicht nur eine wissenschaftliche Diskussion, sondern am Ende braucht es eine politische Entscheidung. Und da sind wir dabei.

Geologen liefern Daten dafür, wie wird das Entscheidungs-Verfahren für ein Atommüll-Endlager ablaufen? Dazu ZDF-Korrespondentin Shakuntula Banerjee.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

ZDFheute: Sie sagten gerade, wir wollen uns da konstruktiv beteiligen. Ihr Umweltminister in Ihrem Kabinett, Glauber, hat heute gesagt, also was die Bundesgesellschaft für Endlagerung da vorgelegt hat, das können auch Geologie-Studenten im dritten Semester. Ist das jetzt konstruktive Begleitung?

Söder: Naja, das ist eine leidenschaftliche Bemerkung eines engagierten Umweltministers auf der einen Seite. Auf der anderen Seite stimmt es aber schon, dass wenn Sie es nur vergleichen: Eine der wesentlichen Gesteinsschichten, um die es geht, ist Ton. Wir haben eine sehr dünne Tonschicht im Vergleich zu anderen in Deutschland. Das ist ja lange schon untersucht.

Da kann man schon die Frage stellen, ob etwas anderes oder wo anders nicht in gleicher oder besserer Weise geeignet ist. Und das Gleiche gilt bei dem Thema Granit. Wir haben dermaßige Gebirgsverschiebungen und Gebirgsströmungen, dass wenn man auf eine Millionen Jahre rechnen möchte - den Klimawandel eingedacht, die Veränderungen - da ergeben sich schon bei der Zerklüftung des Granits wirklich schwerwiegende Fragen. Die darf man und muss man auch stellen.

Suche nach Atomendlager -
"Wissenschaft spielt nicht die erste Geige"
 

Endlich raus: Jochen Stay von der Initiative "ausgestrahlt" ist froh, dass Gorleben bei der Standortesuche für ein Atomendlager nicht dabei ist. Aber er befürchtet neue Fehler.

Videolänge:
1 min

ZDFheute: Bei den anderen Gesteinsschichten gibt es auch Fragen – das ist dann am Ende natürlich ein geologisches Problem. Aber schauen wir nochmal auf das politische Problem: Morgen Corona-Gipfel in Berlin. Sie wollen mehr Einheitlichkeit, auch mehr Einigkeit unter den Bundesländern. Wie überzeugend kann man da argumentieren, wenn man am Tag vorher eigentlich dann erstmal zeigt, was ein bayerischer Sonderweg ist?

Söder: Naja, wir haben ja eigentlich auch bei Corona die besondere Herausforderung gehabt: Wir haben ja zum Beispiel schnell reagiert, wenn wir hohe Infektionszahlen haben. Wie jüngst in München: Wir haben mit der Stadt zusammen praktisch dieses Modell einer Corona-Ampel im Land etabliert. Schnell und präzise zu reagieren verhindert auf Dauer schlimmere Schäden.

Wir wollen ja nicht anderen sagen, wie sie es machen müssen, aber es ist doch glaube ich klug, wenn wir das tun, was Landkreis und Städtetag fordern: Nämlich: Einheitliche Regeln für alle. Es ist ja gerade der Wunsch der Kommunen, wir dürfen die Kommunen da nicht alleine lassen. Also ein Regelwerk zu entwickeln, das für alle gilt – das kann nur im Interesse aller Bürgerinnen und Bürger in Deutschland sein.

Das Interview führte Marietta Slomka im heute journal.

Deutschland sucht wieder ein Atommülllager. Wie das abläuft, besprechen wir mit ZDF-Umweltexperte Volker Angres und Steffen Kanitz von der Bundesgesellschaft für Endlagerung.

Beitragslänge:
31 min
Datum:
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.