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"Erdogan wirkt für sie nicht mehr zeitgemäß"

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Generation Z in der Türkei - "Erdogan wirkt für sie nicht mehr zeitgemäß"

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Das Verhältnis zwischen "Generation Z" und Präsident Erdogan ist angespannt. Wahlforscher Gezici ist überzeugt: Bei der nächsten Wahl in der Türkei ist sie entscheidender Akteur.

Erdogans neues Social-Media-Gesetz, sein verunglückter Videochat mit jungen Menschen, all das zeigt, das Verhältnis zwischen dem Präsidenten und der Jugend ist problematisch.

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Beziehungsstatus: Kompliziert. So lässt sich das Verhältnis zwischen der "Generation Z" und Präsident Erdogan laut einer aktuellen türkischen Studie beschreiben.

Ergebnis der Studie: Diese Generation ist zwar unter der AKP-Herrschaft groß geworden, entfernt sich aber immer mehr von den Idealen und Vorstellungen der Partei Erdogans.

ZDFheute: Herr Gezici, was macht die "Generation Z" im Vergleich zu anderen so besonders?

Murat Gezici: Die Jugendlichen dieser Generation bezeichnen sich als nicht religiös und nicht konservativ. Sie fasten und beten auch nicht. Es sind Jugendliche, für die universelle Werte zählen. Sie können sich vorstellen, jemanden zu heiraten, der nicht dieselbe Herkunft oder Religionszugehörigkeit hat. Homosexualität ist für sie kein Problem. Sie leben in einer globaleren Welt.

ZDFheute: In Ihrer Studie kommen Sie zu dem Schluss, dass diese Generation bei den Parlamentswahlen der entscheidende Akteur sein wird. Warum?

Murat Gezici: Im Jahr 2023 werden 11,8 Prozent der Wähler aus dieser Generation kommen. Dass die Bevölkerung wächst und somit jünger wird, ist für die AKP ein großer Nachteil. Denn: Je jünger das Alter, desto weniger Zustimmung für Erdogan. Der Druck auf die AKP wächst.

Die "Generation Z" in der Türkei ....

ZDFheute: Das hat sich bereits bei der vergangenen Wahl angedeutet. Die Mehrheit der Erstwähler hat das Kreuz nicht bei der AKP gesetzt. Mit welcher Begründung?

Murat Gezici: 76 Prozent der Erstwähler haben damals Nein zu Erdogan gesagt, weil sie ihn als zu autoritär empfinden und sagen, dass er ihre Freiheiten einschränkt. Erdogan erscheint ihnen nicht mehr zeitgemäß und mit ihm seine Entscheidungen.

ZDFheute: Erdogan versucht darauf zu reagieren, hat Ende Juni live auf Youtube mit Jugendlichen diskutiert. Mit dem Ergebnis, dass der Chat so massiv mit Kritik an ihm geflutet wurde, dass er abgeschaltet wurde. Warum fällt es der AKP schwer, diese Menschen zu erreichen?

Murat Gezici: Es ist fast unmöglich, dass Erdogan die Jugendlichen auf seine Seite bringt. Die Wirtschaft des Landes steht nicht auf stabilen Beinen, durch die Pandemie ist das noch schlimmer geworden.

Viele junge Menschen haben Zukunftsangst.

Sie wissen nicht, ob sie einen Job finden, selbst wenn sie einen Uni-Abschluss haben. Sie sagen, dass es in der Türkei nicht darum geht, ob man sich etwas verdient hat, sondern es geht darum, wen man kennt.

Viele Geschäfte und Marktstände sind nach wie vor geschlossen in der Türkei

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Jörg Brase, Istanbul

ZDFheute: Welche Rolle spielen die Sozialen Medien?

Murat Gezici: Sie spielen eine große Rolle. Denn so vernetzen sie sich und verändern ihre Ansichten. Die Jugendlichen wollen in einer Welt leben, die Hand in Hand mit dem Westen geht. Sie wollen nicht im Iran leben, sie wollen in Deutschland, in einem europäischen Land leben.

85 Prozent der Jugendlichen haben angegeben, dass sie am liebsten in Europa leben möchten.

ZDFheute: Viele Zugehörige der Generation Z wohnen noch zu Hause. Welche Rolle spielen die Eltern?

Murat Gezici: 88 Prozent der Jugendlichen sagen ganz klar, dass ihre Eltern sich nicht einmischen dürfen und sie selbst entscheiden, wen sie wählen. 55 Prozent sind außerdem davon überzeugt, dass sie die Stimmabgabe ihrer Eltern beeinflussen können.

Die Türkei gilt als konservativ und religiös, doch die Jugend bricht derzeit mit den alten Werten. Jugendliche erzählen, was sie bewegt.

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ZDFheute: Also beeinflussen die Jugendlichen die Wahlentscheidung der Eltern?

Murat Gezici: So ist es. Deswegen werden Erdogan und seine Koalitionspartner die Wahl nicht wie geplant 2023 abhalten, das wäre politischer Selbstmord. Sie werden die Wahlen vorziehen, weil sie wissen, dass sie die Jugendlichen nicht für sich gewinnen können. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass wir bereits im Juni oder November 2021 Wahlen haben werden.

Das Gespräch führte Jörg Brase, Leiter des ZDF-Studio Istanbul.

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von Jörg Brase
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