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Interview

Mangelernährung von Kindern : Wo versagt die deutsche Ernährungspolitik?

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Mangelernährte Kinder in Deutschland? Alles andere als traurige Einzelfälle, klagt Ex-Foodwatch-Direktor Martin Rücker. Daran trage die Politik eine Mitschuld.

Schulkinder in der Kantine holen sich Mittagessen
"Das Essen in vielen Schulen und Kitas ist unausgewogen", kritisiert Martin Rücker.
Quelle: dpa

ZDFheute: Sie werfen der deutschen Ernährungspolitik ein "verheerendes Versagen" vor. Wie begründen Sie das?

Martin Rücker: Das hat viele Gründe: Der Staat fördert mit Steuermitteln eine Landwirtschaft, die horrende Umweltkosten und einen riesigen Artenschwund verursacht, gleichzeitig Bauern in Existenznot bringt. Es ist auch ein Ergebnis verfehlter Politik, dass in Kliniken, Pflegeheimen und Schulen Essen auf den Tisch kommt, das krank macht. Dabei ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Ernährung einen wesentlichen Einfluss auf die Heilungsprozesse bei Patienten und die Entwicklung von Heranwachsenden hat.

ZDFheute: Essen, das krank macht. Übertreiben Sie da nicht völlig?

Rücker: Nein. Ein Beispiel: Gerade für Kinder ist es extrem wichtig, dass sie in der Wachstumsphase ausreichend mit wichtigen Vitaminen und Mineralien versorgt werden. Das Essen in vielen Schulen und Kitas ist aber unausgewogen.

Zudem ist belegt, dass eine ausgewogene Ernährung mit den Hartz-IV-Sätzen nicht zu bezahlen ist. Wenn es zu einer dauerhaften Unterversorgung kommt, können sich Kinder körperlich und kognitiv nicht gesund entwickeln.

Vor allem Kindern aus einkommensschwachen Familien werden dadurch Bildungs- und Lebenschancen genommen.
Martin Rücker

Dass ein so reiches Land wie Deutschland das hinnimmt, finde ich desaströs. Da fördert die Politik heute schon die Armut von morgen.

ZDFheute: Wie lässt sich Ihr Vorwurf denn konkret belegen?

Rücker: Mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dass es auch in Deutschland armutsbedingte Mangelernährung und teils Hunger gibt, hat der Wissenschaftliche Beirat des Bundesernährungsministeriums 2020 deutlich festgestellt.

Erschüttert haben mich die Ergebnisse einer Langzeituntersuchung aus Brandenburg: Wissenschaftler haben über Jahre hinweg die Daten von mehr als 250.000 Schulanfängern ausgewertet, mit dem Ergebnis, dass Kinder aus einkommensschwachen Familien im Schnitt deutlich kleiner und kognitiv weniger entwickelt sind als Gleichaltrige aus wohlhabenderen Familien. Das wird vor allem zurückgeführt auf die Unterversorgung mit Nährstoffen.

Obdachlose, Rentner, Geringverdiener, Alleinerziehende, Migranten: Immer mehr Menschen sind hilfsbedürftig und drängen in soziale Einrichtungen. Der Konkurrenzdruck steigt.

Beitragslänge:
30 min
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ZDFheute: Welche Schlüsse müsste die Ernährungs- und Sozialpolitik Ihrer Meinung nach daraus ziehen?

Rücker: Da gibt es viel zu tun. In Schulen und Kitas sollte ein ausgewogenes Essensangebot garantiert sein. Zudem erzielt die Lebensmittelindustrie bisher ihre höchsten Gewinnmargen mit Junkfood und Süßgetränken, die bewirbt sie entsprechend massiv. Hier sollte der Staat gegensteuern, die gesunde Wahl leichter machen - etwa durch den Wegfall der Mehrwertsteuer bei Obst und Gemüse und eine Zuckersteuer auf Süßgetränke.

Es ist nun mal so, dass gesundheitsfördernde Lebensmittel wie frisches Obst und Gemüse teurer sind als kalorienreiche Nahrung, die schnell satt macht, aber wenige Mineralien und Vitamine enthält. Die Politik muss deshalb zwingend auch die Hartz-IV-Regelsätze anheben.

Es kann doch nicht sein, dass diese den Geldbedarf für eine gesunde Ernährung von Kindern nicht decken.
Martin Rücker

ZDFheute: Bundesernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) sagte jüngst, dass gesunde Ernährung kein Privileg Besserverdienender sein dürfe.

Rücker: Ihm ist hochanzurechnen, dass er als erster Ernährungsminister überhaupt dieses Thema benennt. Mit Blick auf die Erfolgsaussichten bleibe ich skeptisch. Die Hartz-IV-Sätze werden im Sozialministerium festgelegt und Minister Hubertus Heil (SPD) hat das Thema bislang völlig ignoriert. Er will bei der Festlegung der Regelsätze noch nicht einmal ermitteln, wie viel Budget für eine ausgewogene Kost nötig ist.

Es ist eine Schande, so mit Zukunftschancen von Kindern umzugehen.
Martin Rücker

Umwelt- und Agrarministerium kündigen eine "strategische Allianz" zur Neuausrichtung der deutschen Landwirtschaft an. Unter anderem wolle man sich für eine Umverteilung der EU-Flächensubventionen stark machen. Doch viele Bauern sehen die Pläne kritisch.

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2 min
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ZDFheute: Weshalb wird nicht geprüft, was heute gezahlt werden muss für eine gesunde Ernährung?

Rücker: An der Frage habe ich lange geknabbert. Es stellt sich ja niemand hin und sagt: Mir ist völlig egal, was aus unseren Kindern wird! Das Hauptproblem scheint zu sein, dass die Bedeutung von Ernährung unterschätzt wird. Dazu kommt der Denkfehler, dass Mangelernährung nur ein Thema in armen Ländern sei.

Obwohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse eindeutig sind, wollen viele Verantwortliche in der Politik sie nicht wahrhaben - weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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