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Katastrophe in Beirut - Zerrissener Libanon: Die wichtigsten Akteure

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Die Explosionskatastrophe verschärft die Krise im Libanon - und eine neue Protestbewegung könnte das politische System ins Wanken bringen. Die politischen Akteure: ein Überblick.

Schon vor der Explosionskatastrophe in Beirut mit mehr als 150 Toten stand die politische Führung des Landes wegen der Wirtschafts- und Währungskrise unter enormem Druck. Eine neue Protestbewegung könnte das politische System des Landes ins Wanken bringen. Wer die wichtigsten politischen Akteure im Libanon sind:

Die Regierung

Auch Jahrzehnte nach dem Ende des Bürgerkriegs (1975-1990) bleibt der Libanon zutiefst gespalten. Vor allem die Rivalität zwischen der pro-iranischen Hisbollah und dem von Saudi-Arabien unterstützten sunnitischen Lager um Ex-Regierungschef Saad Hariri prägen das Land - und lähmen es immer wieder.

Auch die im Januar als Technokratenkabinett eingesetzte Regierung von Ministerpräsident Hassan Diab enttäuschte die Erwartungen vieler Libanesen. Diab steht dem christlichen Präsidenten Michel Aoun nahe, der wiederum mit der schiitischen Hisbollah verbündet ist.

Trotz einer außer Kontrolle geratenen Inflation und Massenarbeitslosigkeit ist es der Regierung nach wie vor nicht gelungen, eine Vereinbarung mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über dringend benötigte Finanzhilfen zu erzielen. Diese Woche reichte Außenminister Nassif Hitti aus Protest gegen den Reformunwillen im Kabinett seinen Rücktritt ein. Seinen Abschied verband er mit der Warnung, dem Libanon drohe ein Schicksal als "gescheiterter Staat".

Demonstranten und Experten sehen die Verantwortung für die Explosionskatastrophe bei der politischen Führung. In der libanesischen Bürokratie herrsche eine "alles durchdringende Kultur der Fahrlässigkeit, Korruption und des Schuldzuweisens, beaufsichtigt von einer politischen Klasse, die von ihrer Inkompetenz und Verachtung für das Allgemeinwohl geprägt ist", schrieb der stellvertretende Direktor des Zentrums für Globalpolitik, Faysal Itani, in der "New York Times".

Ein Rücktritt der Regierung erscheint vielen Experten dennoch als unwahrscheinlich. Zum Gespann Aoun-Diab gebe es derzeit "keine klare Alternative", sagt der Politikprofessor Karim Bitar.

Die Hisbollah

Die Hisbollah ist der dominante politische Akteur im Libanon - und höchst umstritten. An der Regierung beteiligt ist die Bewegung, die sich in einen politischen und einen bewaffneten militärischen Flügel gliedert, seit 2005. Kritiker werfen ihr vor, der verlängerte Arm des Iran und Syriens zu sein.

Ansehen verlor die Hisbollah vor allem durch das Attentat auf den damaligen Regierungschef Rafik Hariri 2005, das sie gemeinsam mit dem syrischen Geheimdienst verübt haben soll. Auch das Engagement der Hisbollah-Miliz im Syrienkrieg sehen viele Libanesen kritisch. Andererseits genießt die Hisbollah wegen ihres Netzes aus sozialen Einrichtungen großen Rückhalt in der verarmten schiitischen Bevölkerung in Beirut und im Südlibanon.

Menschen evakuieren Verwundete nach einer Explosion am 04.08.2020 in Beirut

Experte zur Lage in Beirut - "Die Menschen stecken im Leid fest" 

Die Lage im Libanon war schon vor der Explosion katastrophal, jetzt nehmen Elend und Gewalt zu. Es drohen bürgerkriegsähnliche Zustände, so der Gründer von Orienthelfer e.V.

Nach der Doppelexplosion von Beirut rechnen Experten damit, dass auch der Druck auf die Hisbollah steigt. Die Bevölkerung wisse, wie groß deren Einfluss im Beiruter Hafen gewesen sei, sagt die Nahost-Expertin Maha Yayha vom Carnegie-Zentrum. Die Bewegung werde für das Geschehen "verantwortlich gemacht werden, weil sie wesentlicher Bestandteil des Regierungssystems ist".

Wegen der Explosion verschob ein Sondergericht in Den Haag die ursprünglich für diesen Freitag geplante Urteilsverkündung gegen die Angeklagten im Mordfall Hariri auf den 18. August. Mit Blick auf das Urteil erwarten Beobachter eine weitere Verschärfung der Spannungen zwischen der Hisbollah und Hariri-Anhängern.

Die Protestbewegung

Beispiellose Massenproteste im Herbst vergangenen Jahres führten zum Rücktritt der Regierung von Saad Hariri. Seither hat sich die Wirtschaftskrise noch verschlimmert. Mehr als 45 Prozent der Libanesen leben unter der Armutsgrenze, 35 Prozent sind arbeitslos. Ständige Strom- und Wasserausfälle sorgten zuletzt für neue Proteste. Politikprofessor Bitar rechnet nach der Explosionskatastrophe mit einem "neuen Aufschwung" für die Protestbewegung:

Die Libanesen werden entschlossener denn je sein, die bis auf die Knochen korrupte politische Klasse zur Verantwortung zu ziehen.
Politikprofessor Karim Bitar

Ob es kurzfristig zu Massenprotesten kommt, ist jedoch unklar - die Regierung in Beirut verhängte am Mittwoch mit sofortiger Wirkung einen zweiwöchigen Ausnahmezustand.

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