ZDFheute

Zick: "Die Dunkelziffer ist viel höher"

Sie sind hier:

377 rechtsextreme Einzelfälle? - Zick: "Die Dunkelziffer ist viel höher"

Datum:

377 rechtsextreme Verdachtsfälle gibt es in deutschen Sicherheitsbehörden. Das aber ist nur die Spitze des Eisbergs, sagt Extremismusforscher Andreas Zick im ZDFheute-Interview.

Konfliktforscher Andreas Zick
Konflikt- und Extremismusforscher Andreas Zick lehrt an der Universität Bielefeld.
Quelle: imago

ZDFheute: Horst Seehofer sagt, es gibt keinen strukturellen Rassismus in den Sicherheitsbehörden. Denken Sie, Horst Seehofer hat mit seiner Aussage recht?

Andreas Zick: Ich glaube, dass wir diese generelle Aussage viel genauer und präziser beantworten müssen. Wir können ja jetzt kaum noch von mehr als 300 Einzelfällen sprechen. Offensichtlich gibt es also in Behörden bestimmte Strukturen, die es erleichtern, dort Netzwerke zu bilden und die es vielleicht erleichtern, antidemokratische Orientierungen zu entwicklen.

ZDFheute: Der Lagebericht Extremismus, den Seehofer heute vorgestellt hat, spricht von 377 Verdachtsfällen. Können wir denn damit rechnen, dass jeder Verdachtsfall dort wirklich aufgeführt ist?

Zick: Nein, wir können nicht damit rechnen. Viele dieser Fälle werden ja bekannt durch eine Meldung. Also durch Whistleblowing oder eine Meldung von Kolleginnen oder Kollegen. Und spätestens die Meldungen von solchen Gruppierungen müssen aktiv erfolgen und das passiert in vielen Fällen nicht, weil die Hürde hoch ist.

Bei vielen Fällen, bei denen ermittelt wird, sehen wir dann, dass Kolleginnen, die so was melden, ein hohes Risiko haben. Es wird auch Druck ausgeübt. Insofern wird die Dunkelziffer weitaus höher liegen.

Das heißt, wir sehen jetzt nur die Spitze eines Eisbergs.
Andreas Zick

377 rechtsextreme Verdachtsfälle gibt es bei deutschen Sicherheitsbehörden. Das geht aus dem Lagebericht zu Extremismus hervor.

Beitragslänge:
3 min
Datum:

ZDFheute: Was kann denn konkret passieren, dass jeder Fall, den es in einer Sicherheitsbehörde gibt, auch wirklich in so einem Bericht auftaucht?

Zick: Ganz wesentlich ist eine genaue Definition. Das ist eigentlich in den Behörden ganz gut. Das Zweite ist: Wir brauchen ein Meldesystem. Sodass alle Beamten und Beamtinnen die Möglichkeit haben, sehr niedrigschwellig dort Hinweise zu geben.

Das Dritte ist: Wir brauchen genaue Instrumente, um zu erfassen: Hier sprechen wir von rechtsextremen Orientierungen. Die Behörden haben selbst ihre eigenen Kriterien, die müssen wir aber auch transparent machen, denn das sind ja keine Geheimorganisationen sondern Organisationen des Volkes.

Sicherheitsbehörden -
Seehofer sieht kein strukturelles Problem
 

In deutschen Sicherheitsbehörden gibt es hunderte rechtsextreme Verdachtsfälle. Innenminister Horst Seehofer sieht aber "kein strukturelles Problem" etwa bei der Polizei.

Videolänge:
1 min

ZDFheute: Zusammengefasst: Deutsche Sicherheitsbehörden haben sehr wohl ein Problem mit Rechtsextremismus und Rassismus?

Zick: Sicherheitsbehörden haben immer ein Problem mit Extremismus. Und auch mit extremen Orientierungen. Das wissen wir aus der Forschung. Es gibt Studien aus den USA, die zeigen, dass Sicherheitsbehörden attraktiv für Menschen sind, die autoritär oder extrem orientiert sind. Von daher haben grundsätzlich die Sicherheitsbehörde ein höheres Problem, dass sie von solchen Menschen aufgesucht werden. Dem kann man sich aber stellen. Mit einer guten Ausbildung zum Beispiel.

ZDFheute: Auch heute hat Horst Seehofer wieder gesagt, Rassismus sei ein gesamtgesellschaftliches Thema und solle nicht nur auf eine Berufsgruppe reduziert werden. Was würden Sie sagen? Braucht es eine Studie über den Rassismus in der deutschen Polizei?

Zick: Ich würde tatsächlich die Frage zurückgeben: Warum braucht es eine solche Studie nicht? Ja, Herr Seehofer hat recht. Dieses Problem gibt es in vielen Bereichen. Aber die Polizei hat höhere Aufgaben. Sie repräsentiert Gerechtigkeit, Fairness und Gleichbehandlung. Man kann nicht Gerechtigkeit propagieren, dann aber bei Extremismus weggucken. Insofern halte ich die Äußerung, die Herr Seehofer da wie ein Mantra vor sich herschiebt, für keine zielführende Lösung.

Das Interview führte Nils Hagemann.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.