ZDFheute

Rechtsextreme suchen ihre Komfortzone

Sie sind hier:

Rechte Siedler in Ostdeutschland - Rechtsextreme suchen ihre Komfortzone

Datum:

Nicht nur Eva Herman lockt rechte Siedler an. Wie Rechtsextreme vor Multikulti in Parallelgesellschaften flüchten und was eine Pegida-Veteranin und Björn Höcke damit zu tun haben.

Sie halten sich im Verborgenen und sprechen nicht mit der Presse – selbst der Name ist eine Annäherung, um das Phänomen zu fassen: völkische Siedler.

Beitragslänge:
44 min
Datum:

Dass die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman Rechtsextreme und Verschwörungs-Anhänger einlädt, eine Kolonie der Gleichgesinnten im kanadischen Nova Scotia aufzubauen, ist trotz aller 2020-Wunderlichkeiten eines der seltsameren Ereignisse dieser Tage. Vor allem, da eine "Spiegel"-Recherche nahelegt, dass dahinter auch Geschäftsinteressen stecken.

Flucht vor der Vielfalt

Tatsächlich sind Siedlungsprojekte aber seit Jahren ein zentrales Thema in der rechtsextremen Szene. Um der liberalen, multikulturellen Gesellschaft besser entfliehen zu können, werben rechte Gruppen und Kleinstparteien dafür, gemeinsame Siedlungen und Wohnprojekte zu gründen.

Meist entstehen sie in entlegenen Landkreisen in Ostdeutschland. Dort, wo Lebenshaltungskosten und - so das hässliche Argument der Befürworter - der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund niedrig sind. In Telegram-Gruppen werben mehrere dieser Initiativen mit Deutschland-Karten und Statistiken, die jene Gebiete hervorheben, wo die wenigsten Menschen mit Migrationshintergrund leben.

Wie viele Menschen und Familien aktuell in solchen Gemeinschaften leben, ist nicht bekannt. Durch die mediale Berichterstattung bekannt wurden Orte wie Jamel in Mecklenburg-Vorpommern oder Schnellroda in Sachsen-Anhalt, wo der neu-rechte Ideologe Götz Kubitschek Schulungszentrum und Verlag betreibt.

In den Siedlungen wollen sie in Ruhe Kraft schöpfen und planen

Die Kampagne "Zusammenrücken in Mitteldeutschland" betreibt seit mehreren Monaten einen Podcast, in dem Extremisten interviewt werden, die sich an solchen Siedlungsprojekten beteiligen.

Im Juni war die frühere Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel zu Gast. Die Notwendigkeit von rechten Gemeinschaftsprojekten begründete Oertel dort so: "Wenn man sagt, okay, wir setzen uns über die Gesetze hinweg, wie es auch an der Zeit wäre zu tun. Dann fehlt doch diesem Haufen an Menschen in Deutschland die Gemeinschaft, der Zusammenhalt und diese Basis."

Aus einer zutiefst rassistischen Weltsicht heraus argumentiert sie weiter: "Wir machen das gleiche wie die Migranten-Clans. Sie ziehen sich zusammen, sie besetzen ein Gebiet. Dort gelten deren Regeln. Und wenn wir das ähnlich machen würden, dann würden wir feststellen, dass wir etwas erreichen können." Man müsse sich auf Regionen als Keimzellen einigen, wo man dann unter sich sei.

AfD-Bundesschiedsgericht -
Kalbitz ist raus - der Streit geht weiter
 

Das AfD-Bundesschiedsgericht hat den Rauswurf des brandenburgischen Landesvorsitzenden Kalbitz bestätigt. Der Richtungsstreit in der Partei ist damit aber nicht entschieden.

von Frank Buchwald
Videolänge:
2 min

Extremisten berufen sich auf AfD-Politiker Björn Höcke

Im Gespräch berufen sich Oertel und der Podcast-Interviewer explizit auf eine Strategie des AfD-Politikers Björn Höcke, der 2018 davon gesprochen hatte, "gallische Dörfer" als "Ausfallstellungen" des nationalen Widerstands in Ostdeutschland aufzubauen, um den "Volkstod" zu verhindern.

Das ist genau das, was wir jetzt tun müssen. Die Zeiten der Proteste sind vorbei.
Kathrin Oertel, Rechtsextremistin

Interessenten will die Initiative etwa dabei helfen, nach einem Umzug Arbeits- und Ausbildungsplätze zu finden.

Das "Zusammenrücken" hat für die Rechtsextremen taktische Vorteile: Die zersplitterte Szene muss bislang viel Kraft dafür aufbringen, um sich über Hunderte Kilometer hinweg zu vernetzen. Konzerte, Fortbildungen und andere Treffen können so auch einfacher von Antifa-Vertretern überwacht werden, die Kommunikation im Netz landet schnell bei Medien oder Behörden.

Manche Gemeinden wehren sich erfolgreich

Einige Siedlungsprojekte scheiterten in der Vergangenheit bereits am Widerstand der Lokalpolitik. Im sächsischen Bischofswerda plante der rechtsextreme Rapper Chris Ares ein Jugendzentrum, was jedoch Anfang Juli durch eine einstimmige Entscheidung des Stadtrates verhindert wurde - inklusive Stimmen der örtlichen AfD-Vertreter.

Ares, der bei dem AfD-nahen Verlag Arcadi unter Vertrag steht, versucht nun an einem unbekannten Ort "zwischen Dresden und Pulsnitz" ein Siedlungsprojekt - bestehend aus vier Häusern - aufzubauen.

In einem anderen Fall plante die rechtsextreme Identitäre Bewegung, ein Schloss in der Ortschaft Reinsberg in Sachsen über einen Mittelsmann anzumieten. Hier machte die Gemeinde Reinsberg in letzter Minute von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch und und kaufte die Immobilie für rund eine halbe Million Euro selbst.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.