Heil bei "Lanz": Fachkräftemangel größte Wachstumsbremse

    Bundesarbeitsminister bei "Lanz":Fachkräftemangel größte Wachstumsbremse

    von Felix Rappsilber
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    Arbeitsminister Heil befürchtet, der Fachkräftemangel könnte zur "größten Wachstums- und Wohlstandsbremse" Deutschlands werden. Eine Lösung für ihn: qualifizierte Zuwanderung.

    Hubertus Heil und Markus Lanz im Studio.
    Hubertus Heil und Markus Lanz im Studio.
    Quelle: Markus Hettrich Photography

    "In den nächsten 15 Jahren werden uns sieben Millionen Menschen fehlen", warnte Ökonomin Monika Schnitzer bei Markus Lanz.
    Von einer "gewaltigen Zahl" fehlender Fachkräfte sprach die Wirtschaftsweise – "wenn alles so bleibt, wie es ist". Der Grund:

    Die Baby-Boomer (…) gehen in Rente und haben zu wenig Kinder bekommen.

    Monika Schnitzer, Ökonomin

    Mehr Arbeit pro Woche? Späterer Renteneintritt?

    Schnitzer zufolge gebe es dennoch potentielle Lösungsansätze: So wären Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern darüber denkbar, ob die Arbeitnehmer pro Woche mehr arbeiten könnten. Dazu "wäre der ein oder andere vielleicht gerne bereit (…), vielleicht in einer Phase, wo er noch keine Kinder hat, aber vielleicht schon das Haus finanzieren will".
    Zudem könne man über ein späteres Renteneintrittsalter diskutieren. Dabei ließe sich streiten, das "verpflichtend oder freiwillig" zu machen. Als Beispiel nannte Monika Schnitzer Japan, wo "sehr viele Menschen noch nach dem Renteneintrittsalter" weiterarbeiten würden, "freiwillig" und unter "attraktiven Bedingungen".

    Heil: Frauenerwerbsbeteiligung erhöhen

    Markus Lanz fragte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) nach dessen Position zur Erhöhung des Renteneintrittsalters. "Nicht für alle", erwiderte Heil prompt. Zwar sei er für "flexible Übergänge in den Ruhestand", dennoch gebe es Berufe, in denen man nicht "bis 70" arbeiten könne. Heil bezeichnete den Fachkräftemangel als eine "gigantische Aufgabe". Eine, die man beispielsweise damit lösen könne, die aktuelle Frauenerwerbsbeteiligung von 71 Prozent zu erhöhen.
    Er sagte: "Wenn wir die [Frauenerwerbsbeteiligung] um zehn Prozent hoch bekämen, wären das ungefähr 900.000 Fachkräfte, die wir schon ausgebildet in Deutschland haben, mehr." "Wie schaffen wir das denn?", hakte Lanz nach. "Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung", entgegnete Heil knapp.

    Ausbildungen könnten nachgeholt werden

    Ein weiteres "großes Potenzial" gegen den Fachkräftemangel seien 1,3 Millionen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren ohne Ausbildung. "Nachholen der Entwicklung, durch Berufsorientierung den Nachwuchs abgraben", so Heil dazu. Zudem müsse man dafür sorgen, "dass wir auch attraktive Berufe haben".
    Der Arbeitsminister räumte ein, dass in bestimmten Bereichen durch "Automatisierungen (…) [und] technischen Fortschritt menschliche Arbeit (…) ersetzt wird". Heil sagte: "Wenn wir all diese Register gezogen haben (…), werden wir eins zusätzlich noch brauchen, nämlich massive qualifizierte Zuwanderung nach Deutschland."
    Jugendarbeitslosigkeit ist ein EU-weites Problem, es mangelt an gleich fairen Perspektiven für alle, Bildungssysteme und wirtschaftliche Voraussetzungen unterscheiden sich deutlich.31.08.2022 | 3:00 min

    Heil kündigt für Herbst neues Einwanderungsgesetz an

    Heil verwies auf den Bedarf von 400.000 zugewanderten Fachkräften pro Jahr. Monika Schnitzer merkte an:

    Von Menschen, die zu uns kommen, (…) gehen zehn Prozent wieder weg. (…) Um netto hier 400.000 mehr pro Jahr zu haben, brauchen wir 1,5 Millionen [Zuwanderer].

    Monika Schnitzer, Ökonomin

    Daher kündigte Arbeitsminister Heil an, im Herbst gemeinsam mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser ein neues Einwanderungsgesetz vorzustellen. Das alte sei "viel zu bürokratisch" gewesen.
    Die Novelle solle "entbürokratisieren" und ein Punkte-System "wie in Kanada" enthalten, da Deutschland "Potenzial-Einwanderung" brauche. Außerdem müssten "praktische Probleme" wie die Visumserteilung und der Spracherwerb gelöst werden, so Heil. Für ihn sei der Fachkräftemangel ein "Topthema". Denn: "Der Fachkräftemangel fängt jetzt erst an. Das könnte die größte Wachstums- und Wohlstandsbremse für dieses Land werden."