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Warum Kanaren wieder Flüchtlings-Hotspot sind

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Ausweichroute aus Afrika - Warum Kanaren wieder Flüchtlings-Hotspot sind

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Immer mehr Migranten aus Westafrika stranden auf den Kanaren - nach einer tagelangen, gefährlichen Überfahrt. Denn die anderen Routen nach Europa sind fast dicht.

Ein Holzboot, mit dem Flüchtlinge aus Marokko über den Atlantischen Ozean gefahren sind, liegt an der Küste der Kanarischen Inseln.
Mindestens eine Woche dauert die lebensgefährliche Überfahrt auf die Kanaren.
Quelle: dpa

Fatoumata Sonko ist das älteste Kind in ihrer Familie in der Stadt Barra im westafrikanischen Gambia. Weil die Eltern arm sind, konnte sie nur ein paar Jahre zur Schule gehen, danach musste sie arbeiten.

"Wenn du weiter zur Schule gehen willst und deine Eltern kein Geld haben, dann wollen Leute dir nur helfen, wenn du mit ihnen schläfst. Das wollte ich auf keinen Fall", sagt die heute 27-Jährige. Weil sie keinen Abschluss hatte, verkaufte sie Erdnüsse. Viel brachte das nicht ein. Sie wollte ihrer Familie helfen, damit ihre Geschwister einen Schulabschluss machen können.

Flucht über den Atlantik

Also beschloss sie Ende 2019, ein Boot nach Spanien zu nehmen. Doch nach acht Tagen auf dem Atlantik ohne Trinkwasser und ohne Essen kenterte das Boot mit 190 Migranten vor der mauretanischen Küste. Mehr als die Hälfte der Menschen an Bord starb. Darunter auch Klassenkameradinnen von Fatoumata Sonko.

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Trotz Geschichten wie dieser wagen immer mehr Menschen die riskante Reise. Mitte Oktober kamen innerhalb von zwei Tagen 37 Boote mit mehr als Tausend Menschen auf den bei Touristen beliebten Inseln Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria und Teneriffa an.

Deutlich mehr "Ankünfte" als 2019

So viele in so kurzer Zeit waren es zuletzt 2006, als insgesamt 30.000 Migranten die Kanaren erreichten. In den Jahren danach ist die Zahl gesunken.

Seit Ende 2019 steigen die Zahlen wieder deutlich. Etwas mehr als 6.000 sogenannte Ankünfte zählt das spanische Innenministerium bis Ende September. Das sind sechsmal so viele wie im gleichen Zeitraum 2019.

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Die meisten stammen laut UNHCR aus Mali, der Elfenbeinküste und dem Senegal. Manche fliehen vor den Terrorattacken auf Zivilisten und dem Hunger in der Sahelzone. Andere machen sich auf den Weg, um der Perspektiv- und Arbeitslosigkeit zu entkommen, um ihre Familien zuhause unterstützen zu können.

Rund 100 Kilometer ist der westlichste Punkt Marokkos von den Kanaren entfernt. Viele Boote starten etwas weiter südlich aus der Westsahara, dort gibt es kaum von der EU finanzierte Grenzboote. Anders in Marokko, Mauretanien, Senegal und Gambia, wo die spanische Küstenwache mithilft, Boote abzufangen.

Route über Mittelmeer dicht

Trotzdem machen sich auch von dort einfache Holzboote, sogenannte Fischer-Pirogen, auf den rund Tausend Kilometer langen Weg. Mindestens eine Woche dauert die Reise ins Ungewisse, Schlepper verlangen bis zu 2.000 Euro. Der Atlantik ist um einiges rauer als das Mittelmeer, nach Schätzungen der UN sind allein in diesem Jahr mehr als 350 Menschen bei der Überfahrt ertrunken.

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Dass jetzt wieder mehr afrikanische Migranten den Atlantik überqueren, liegt vor allem daran, dass die Mittelmeer-Fluchtrouten über nordafrikanische Länder wie Marokko und Libyen mithilfe der EU in den letzten Jahren dicht gemacht wurden. Dazu kommen Grenzschließungen wegen der Corona-Pandemie, die die Reise auf dem Landweg erschweren.

Zentrum für Migranten auf Kanaren geplant

Die Lage auf den kanarischen Inseln ist bedenklich. Wegen der Corona-Pandemie werden keine Migranten aufs Festland gebracht. Die Menschen leben in Turn- und Lagerhallen, sowie Zelten, zum Teil unter "unmenschlichen Bedingungen", wie ein Arzt der spanischen Tageszeitung El Pais berichtet.

Die spanische Regierung will nun ein eigenes Migrationszentrum auf den Kanaren errichten, auch der UNHCR plant ein Büro dort, um besonders die ankommenden Frauen und Kinder besser unterstützen zu können.

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Flucht lohnt sich nicht

Fatoumata Sonko lebt jetzt wieder bei ihren Eltern in Gambia und versucht, sich mit Straßenverkäufen über Wasser zu halten. Sie trauert um ihre Freundinnen, träumt davon, eines Tages einen Frisörsalon zu eröffnen und engagiert sich in einem Jugendzentrum. Dort will sie andere junge Menschen warnen.

Ich sage ihnen, geht nicht! Die Reise ist nicht einfach und man sieht Dinge, die man in seinem Leben nicht sehen sollte.
Fatoumata Sonko
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