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Türkei: Die Flüchtlingslage in der Region

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Merkel bei Erdogan - Türkei: Die Flüchtlingslage in der Region

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Die Flüchtlingspolitik dürfte eines der Themen sein beim Besuch von Kanzlerin Merkel heute in der Türkei. Wie ist die Lage der Migranten in der Region? Ein Überblick.

Bei dem Treffen von Kanzlerin Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan geht es unter anderem um die Flüchtlingsfrage. ZDF-Korrespondent Jörg Brase mit einer Einschätzung.

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Beim Treffen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan heute geht es auch wieder um das Reizthema Flüchtlinge. Die Lage ist angespannt, der EU-Türkei-Deal ein Abkommen mit Konfliktpotenzial. Die Flüchtlingslager in den Nachbarländern der Türkei sind überfüllt, die Lebensbedingungen prekär. Ein Überblick über die Lage der Flüchtlinge in der Region:

Infografik: Syrische Flüchtlinge
Infografik: Syrische Flüchtlinge
Quelle: UNHCR/DeZim

Türkei: "Ordentliche Bedingungen"

In der Türkei leben rund vier Millionen Flüchtlinge - so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Die meisten von ihnen kommen aus dem Nachbarland Syrien. Nur zwei Prozent von ihnen leben in Flüchtlingslagern, so das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). "Die Bedingungen dort sind ganz ordentlich, die kann man gar nicht mit den Lagern in Griechenland vergleichen", sagt Franck Düvell, Leiter der Abteilung Migration am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung.

Die anderen 98 Prozent der Flüchtlinge leben im ganzen Land verteilt. Sie hätten zwar Anspruch auf medizinische Versorgung, Bildung und Sozialleistungen - dennoch lebe ein Großteil unter dem Existenzminimum, so Düvell. Sie leben unter "slumähnlichen Bedingungen", auf engstem Raum, in heruntergekommenen Wohnungen, sagt der Forscher.

Die Türkei sei am "Rande des Machbaren" angekommen und brauche organisatorische und finanzielle Unterstützung der EU, so Düvell. Das fordert auch die türkische Regierung: Die EU habe versprochen, Ende 2016 und Ende 2018 jeweils drei Milliarden Euro zu zahlen, sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu der "Bild"-Zeitung. "Jetzt haben wir 2020, und wir haben noch immer nicht die ersten drei Milliarden Euro vollständig erhalten."

Der EU-Türkei-Deal wackelt

Erdogan hatte zuletzt damit gedroht, den Deal platzen zu lassen, wenn sich Europa nicht an die Abmachungen halte. Seit Monaten setzt seine Regierung auf härtere Mittel gegen illegale Einwanderung und ließ eine Mauer an der Grenze zu Syrien errichten. Außerdem seien im Jahr 2019 etwa 300.000 Flüchtlinge ohne Papiere festgenommen und zehntausende Afghanen abgeschoben worden, heißt es von Seiten der türkischen Regierung.

Erdogan drohte auch damit, eine Million der 3,6 Millionen syrischen Flüchtlinge in einer "Sicherheitszone" entlang der türkischen Grenze in den Kurdengebieten in Nordsyrien anzusiedeln. Zwar halten viele Experten diesen Plan für unrealistisch - doch die Drohungen zeigen Wirkung: Immer mehr Flüchtlinge verlassen die Türkei übers Mittelmeer in Richtung Griechenland.

Griechenland: "Unwürdige Umstände"

Täglich setzen neue Flüchtlinge aus der Türkei auf griechische Inseln über. Die meisten von ihnen kommen ursprünglich aus Afghanistan. Sie fürchten die Abschiebung in der Türkei, so Düvell. In und um die Registrierlager auf den Inseln der Ostägäis - also in Chios, Lesbos, Samos, Leros und Kos - harren knapp 42.000 Menschen aus. Im April 2019 waren es nur 14.000 gewesen. Die Migrantenlager sind restlos überfüllt, die lokalen Behörden überfordert.

Wegen Personalmangels können abgelehnte Asylbewerber nicht in die Türkei zurückgeschickt werden - obwohl das EU-Abkommen mit der Türkei das vorsieht. Deshalb hatten Regional- und Kommunalbehörden sowie Geschäfte auf Lesbos, Chios und Samos erst kürzlich zu einem Generalsteik aufgerufen.

"Die Situation auf den Inseln Lesbos, Samos und Kos ist kritisch, gerade für Kinder, die oft unter unwürdigen und gefährlichen Umständen leben müssen", erklärt Tiziana Scaramagli vom UNHCR. Das Flüchtlingscamp in Moria auf Lesbos sei mit 12.600 Personen bereits fünfmal so groß wie seine Kapazität. "Das muss ein Ende haben", appelliert das Flüchtlingswerk auf seiner Website.

Syrien: "Die Hölle"

Eine weitere Maßnahme der strenger werdenden Flüchtlingspolitik der Türkei: geschlossene Grenzen. Menschen aus dem Bürgerkriegsland Syrien werden ofiziell nicht mehr ins Land gelassen. Für die rund 6,2 Millionen Binnenflüchtlinge in Syrien ist die Lage auswegslos: "Sie sind eingeklemmt zwischen Mauer und Kriegsgebiet, sie stehen mit dem Rücken zur Wand", erklärt Düvell. Die Lebensbedingungen in den Camps an der Grenze seien furchtbar: "Die Menschen campieren dort mitten im Winter in ihren Zelten, haben allenfalls ein Auto. Viele der Flüchtlinge sind schon mehrfach vertrieben worden."

Die Bedingungen in den Flüchtlingslagern in Idlib seien "unmenschlich", sagt auch Hakan Bilgin von der Hilfsorganisation Ärzte der Welt. Es gebe kaum Essen, keine Schulbildung und kaum Hoffnung. "Es ist die Hölle", so Bilgin. Wie viele Flüchtlinge in den Camps in Syrien ausharren, ist schwer zu beziffern. Düvell sagt: "Es ist eine militarisierte Zone, in die Außenstehende kaum noch reingelassen werden. Daher ist es schwer, einen Überblick über die Lage vor Ort zu bekommen."

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