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Flüchtlinge in der Türkei - "Kann man nicht mit Griechenland vergleichen"

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Allein in der Türkei leben Millionen Flüchtlinge. Migrationsforscher Düvell über die Lebensbedingungen der Migranten in der Region.

Archiv: Flüchtlingscamp Nizip an der Türkisch-Syrischen Grenze.
Die Bedingungen in türkischen Flüchtlingslagern sind deutlich besser als in griechischen.
Quelle: Reuters

heute.de: Man liest so manches Gute über die Bedingungen für Flüchtlinge in der Türkei. Sie sollen Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung haben und Sozialleistungen erhalten. Wie schätzen Sie die Lage der Migranten dort ein?

Franck Düvell: Auf dem Papier sind die Bedingungen relativ gut. Besonders syrische Flüchtlinge in der Türkei sind privilegiert. Kurz: Nicht alles außerhalb der EU ist schlecht für Flüchtlinge. Was nicht gut ist, sind Aufenthaltsstatus und Zugang zum Arbeitsmarkt. Syrische Flüchtlinge werden zwar nicht abgeschoben, doch sie genießen nur temporären Schutz. Neuregistrierungen können jederzeit ausgesetzt oder ganz aufgehoben werden. Für viele Menschen bedeutet das eine große Unsicherheit. Außerdem arbeitet fast die Hälfte der syrischen Flüchtlinge auf dem Schwarzmarkt. Auf dem türkischen Arbeitsmarkt sind Flüchtlinge also stark benachteiligt.

heute.de: Und wie geht es den Menschen in den türkischen Flüchtlingslagern?

Düvell: Dort leben ungefähr zwei Prozent aller Flüchtlinge in der Türkei, also rund 67.000 Menschen. Das sind die ganz, ganz Verletzlichen - sprich: Witwen, alleinerziehende Mütter, Kinder oder Kriegsverletzte. Aktuell sind von ursprünglich 20 Lagern nur noch sieben geöffnet. Die Bedingungen dort kann man gar nicht mit den Lagern in Griechenland vergleichen, sie sind viel besser.

heute.de: Wie sieht es denn in Griechenland aus?

Düvell: Die eigentliche Hölle existiert auf den griechischen Inseln. Dort herrschen unmenschliche Bedingungen. Viele Flüchtlinge warten jahrelang auf ihr Asylverfahren, die Lager sind restlos überfüllt, Kinder laufen den ganzen Tag mit durchnässten Schuhen herum. Man muss das gesehen haben, um es zu begreifen.

heute.de: Zurück zur Türkei: Die weitaus meisten Flüchtlinge dort leben im Land verteilt - unter welchen Bedingungen?

Düvell: Das sind teilweise slumähnliche Bedingungen. Oft wohnen drei Familien in einer kleinen Wohnung. Die liegen dann in sogenannten Abrissvierteln, in dem die Türken nicht mehr leben wollen. In vielem Wohnungen gibt es keine Fenster, kein fließendes Wasser, dafür Schimmel an den Wänden. Trotzdem ist das für die Flüchtlinge besser als das, was sie vorher hatten, als sie noch in Parks oder unter Brücken übernachten mussten. Insgesamt ist alles langsam dabei, sich für die Menschen zu verbessern.

heute.de: Wie sieht es auf der anderen Seite der Grenze aus, in Syrien?

Düvell: Die Türkei hat die Grenzen dicht gemacht und eine etwa 720 Kilometer lange Betonmauer errichtet. Für die Binnenflüchtlinge Syriens bedeutet das: Sie sind eingeklemmt zwischen Mauer und Kriegsgebiet, sie stehen mit dem Rücken zur Wand. Die Lebensbedingungen in den Camps an der Grenze sind furchtbar: Die Menschen campieren dort mitten im Winter in ihren Zelten, haben allenfalls ein Auto. Viele der Flüchtlinge sind schon mehrfach vertrieben worden.

heute.de: Kommen gar keine Syrer mehr über die türkische Grenze?

Düvell: Doch, es kommen jeden Tag 600 bis 800 Syrer in die Türkei. Einige von ihnen gelangen illegal über die Berge ins Land, andere schaffen es unerkannt über die Grenze. Wir sprechen da von 8.000 bis 10.000 Syrern im Monat, aber ich will mich hier nicht genau festlegen. Es ist eine militarisierte Zone, in die Außenstehende kaum noch reingelassen werden. Daher ist es schwer, einen Überblick über die Lage vor Ort zu bekommen.

heute.de: Wie geht es weiter mit den Flüchtlingen in der Türkei?

Düvell: Die Türkei stand von Anfang an am Rande des Machbaren. Das muss man anerkennen. Inzwischen geht es nicht mehr um weitere Nothilfe-Maßnahmen, stattdessen geht es um langfristige Lösungen. Wie bei uns in Deutschland ist das Hauptthema Integration. Dabei braucht die Türkei die Unterstützung Europas. Erstens in puncto Knowhow. Also Ratschläge zum Thema Behörden, Sprach- und Integrationskurse. Und zweitens braucht es finanzielle Unterstützung.

heute.de: Was, wenn der EU-Deal mit der Türkei platzten sollte und die Grenzen wieder aufgemacht werden?

Düvell: Ich glaube, dass die Gefahr eines weiteren Migrationsrucks aus der Türkei zu hoch eingeschätzt wird. Viele wollen gar nicht von dort weg, sondern möchten, dass ihre Kinder in einem muslimischen Land aufwachsen. Etwa 55 Prozent aller Syrer wollen in der Türkei bleiben, 20 Prozent wollen lieber nach Syrien zurück. Das hat eine repräsentative Umfrage ergeben, die wir vor Ort mit 1.800 Syrern durchgeführt haben, die in naher Zukunft publiziert wird.

Das Interview führte Katharina Meyer.

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