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"Seit Monaten schon grassiert die Krätze"

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Flüchtlingskinder auf Lesbos - "Seit Monaten schon grassiert die Krätze"

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Einige EU-Staaten wollen schwerkranke und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge von den griechischen Inseln aufnehmen. Ärzte ohne Grenzen hält das für überfällig.

Flüchtlingskinder auf Lesbos nach ihrer Ankunft aus der Türkei mit einem Schlauchboot - Lesbos Flüchtlinge
Zwei geflüchtete Jungen, die vergangene Woche nach Lesbos gekommen sind, essen und versuchen, sich zu wärmen.
Quelle: AP

Deutschland will mit anderen europäischen Staaten 1.000 bis 1.500 Flüchtlingskinder von den griechischen Inseln aufnehmen. Dabei geht es um Kinder, die "wegen einer schweren Erkrankung dringend behandlungsbedürftig oder aber unbegleitet und jünger als 14 Jahre alt sind, die meisten davon Mädchen". So steht es in einem Papier des Koalitionsausschusses, das heute.de vorliegt.

Welche Staaten neben Deutschland Teil dieser "Koalition der Willigen" sind und wie viele Kinder sie jeweils aufnehmen, steht noch nicht fest.

Marie von Manteuffel ist Flucht- und Migrationsexpertin von Ärzte ohne Grenzen. Die Hilfsorganisation betreibt auf den griechischen Inseln mehrere Kliniken und Projekte.

heute.de: Einige EU-Staaten wollen bald Flüchtlingskinder aufnehmen. Ist es sinnvoll, dafür eine Obergrenze zu nennen?

Marie von Manteuffel: Es macht wenig Sinn, von den Zahlen her zu denken. Aus humanitärer Sicht muss es nach dem Bedarf gehen und der ist viel größer. Rund 7.000 geflüchtete Kinder leben allein um das Lager Moria auf Lesbos. Davon sind 1.000 unbegleitete Minderjährige. Auf Samos lebten Anfang Februar 2.000 Kinder, davon waren rund 200 unbegleitete Minderjährige. Eine künstlich festgelegte Obergrenze führt dazu, dass Kinder hinten runterfallen, die dringend Hilfe benötigen.

heute.de: Was fordern Sie von der Politik?

Von Manteuffel: Es fällt mir schwer zu verstehen, warum die genannten 1.500 Kinder nicht alle nach Deutschland kommen sollen. Die restlichen EU-Staaten sollten weitere aufnehmen. Schon seit längerem melden andere EU-Staaten ihre Aufnahmebereitschaft an. Wir fragen uns: Worauf wartet die Bundesregierung noch?

heute.de: Sie betreiben ein Kinderkrankenhaus und eine psychosoziale Klinik auf Lesbos. Welche Beschwerden haben die Kinder, die Sie behandeln?

Von Manteuffel: Seit Monaten schon grassiert die Krätze. Kinder kommen mit Rattenbissen zu uns. Darüber hinaus behandeln wir sehr viele Atemwegserkrankungen, Durchfall, Hauterkrankungen, allesamt aufgrund der erbärmlichen Lebensbedingungen. Im Kinderkrankenhaus behandeln wir auch chronisch kranke Kinder mit Epilepsie oder einem Herzfehler. Sie brauchen regelmäßig Medikamente. Für die chronisch kranken Kinder fehlen uns oft die Möglichkeiten einer adäquaten Behandlung.

In der psychosozialen Klinik behandeln wir Menschen, die aktiv suizidal sind oder schwere psychotische Symptome aufweisen. Diese Menschen haben oft schwere Folter erlebt. Wir können nur noch die schlimmen Fälle behandeln - die Wartelisten werden sonst zu lang. Belastend ist, dass wir die Menschen nach jeder Behandlung in Situationen zurückschicken müssen, die wieder stark traumatisierend wirken. Die Menschen leben zusammengepfercht in Zelten mit wenig Wasser und schlechtem Essen.

Die große Koalition hat beschlossen, besonders schutzbedürftige Kinder und Jugendliche aus Griechenland aufnehmen zu wollen. ZDF-Korrespondent Florian Neuhann berichtet aus Berlin.

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heute.de: Es gab Berichte über Übergriffe auf NGOs. Waren Sie davon betroffen?

Von Manteuffel: Faschistische Gruppen haben vergangene Woche Straßen auf Lesbos blockiert, Autos angehalten und meine Kollegen bedroht. Sie haben versucht, unsere Krankentransporte zu verhindern, was ihnen nicht gelungen ist. Ob auch deutsche Faschisten dabei waren, kann ich nicht sagen. Wegen der angespannten Sicherheitslage mussten unsere Kinderklinik und die Klinik für Folteropfer und Opfer sexualisierter Gewalt auf Lesbos vergangene Woche für zwei Tage schließen. Derzeit läuft der Normalbetrieb wieder an.

Die Mehrheit der Bevölkerung auf Lesbos hat sich zwar solidarisch gezeigt. Doch wir merken, wie der soziale Zusammenhalt der griechischen Bevölkerung bröckelt. Es gibt Demonstrationen der Bewohner gegen die Präsenz der Flüchtlinge.

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heute.de: Wie zeigt sich der wachsende Unmut der Griechen noch?

Von Manteuffel: Für eine Klinik für Opfer von sexualisierter Gewalt auf Samos bräuchten wir größere Räume. Wir finden aber keinen Vermieter. Nun haben wir Wohnwagen, die vor der Klinik stehen. Das ist auf Dauer völlig unzureichend.

Das zeigt, dass die Geduld der Griechen sehr strapaziert ist. Nicht unbedingt mit den Geflüchteten, sondern mit der griechischen Regierung und der Politik aus Brüssel.

Das Interview führte Julia Klaus. Folgen Sie der Autorin auf Twitter unter @schreibtauf.

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