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Trotz Abkehr vom Gas : Deutschland bezieht weiter russisches LNG

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Russisches Flüssigerdgas erreicht weiterhin deutsche Abnehmer. Davon geht das Institut für Weltwirtschaft (IfW) aus. Im Winter 23/24 könnte die Gasversorgung schwierig werden.

Niedersachsen, Wilhelmshaven: Technische Anlagen und ein Kran stehen auf dem Anleger für das LNG-Terminal in der Nordsee vor Wilhelmshaven.
Ein Öl-Embargo gibt es, doch LNG wird weiterhin aus Russland gekauft. (Archivbild)
Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Eigentlich hatte die Bundesregierung erklärt, auf russisches Gas verzichten zu wollen. Tatsächlich fließt weiter Flüssigerdgas aus Russland nach Deutschland. Das geht aus Berechnungen des IfW hervor.

Das Flüssigerdgas aus Russland (LNG, Liquid Naturale Gas) wird von Transportschiffen auch nach Belgien gebracht. "Wir gehen davon aus, dass LNG-Importe aus Belgien direkt nach Deutschland weitergeleitet werden", sagt der Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, Stefan Kooths.

In der europäischen Importstatistik werde dieses Gas Belgien zugeordnet, de facto gelangten diese Lieferungen aber nach Deutschland. Die Menge sei aber vergleichsweise gering. Sie betrage derzeit knapp fünf Milliarden Kubikmeter im Jahr. Das seien 5 bis 6 Prozent des gesamten Gasverbrauchs in Deutschland, so Kooths.

Etliche Tanker mit Flüssigerdgas liegen vor europäischen Küsten – ohne einen Hafen anzusteuern. Grund ist die fehlende Infrastruktur in Europa und das Pokern um die besten Preise.

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Russische LNG-Importe so hoch wie nie

Nach einem Bericht des Handelsblatts haben die europäischen LNG-Importe aus Russland einen Höchststand erreicht. Im Vergleich zu 2021 hat die EU zusammen mit Großbritannien ein Fünftel mehr Flüssigerdgas aus Russland eingekauft als vor dem Ausbruch des Ukraine-Krieges.

Insgesamt kämen derzeit 13 Prozent der europäischen LNG-Importe aus Russland, so das auf Energie spezialisierte Datenunternehmen ICIS. Abnehmerländer sind vor allem Frankreich, die Niederlande und Belgien. Laut Handelsblatt könnten für das russische LNG von den EU-Mitgliedsstaaten und Großbritannien in diesem Jahr bisher rund 27 Milliarden Euro nach Moskau geflossen sein.

In Wilhelmshaven ist der erste Anleger für Flüssigerdgas in Deutschland fertig. Im Dezember soll dort eine schwimmende Speicher- und Regasifizierungsanlage stationiert werden.

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Gasversorgung im Winter 2023/24 wird kritisch

Was die Versorgung mit Gas betrifft soll es nach den Untersuchungen des Kieler Weltwirtschaftsinstituts in diesem Winter keine Gasmangellage geben. Trotzdem werde es relativ knapp, meint Stefan Kooths. Die Vermeidung einer Gasmangellage setze voraus, dass wir insgesamt 20 Prozent sparen.

Für den Winter 2023/24 sieht das IfW die Lage kritischer. Voraussichtlich werden die Gasspeicher nicht wieder ganz gefüllt werden können. Das hänge auch von der Witterung ab. Bei normaler Witterung würden sie nicht voll, wenn es aber nächstes Jahr auch wieder wärmer als normal sei, dann ja. Aber erst kommenden September wisse man da mehr.

China könne die Gasnachfrage weiter nach oben treiben

Ein gewisses Risiko für die weitere und künftige Versorgung mit LNG hänge auch von China ab, so Kooths. Dort sei man gerade dabei, die restriktive Covid-Politik zu überwinden. Das bedeute, dass China wieder "ökonomisch stärker durchstarten" könne.

Verbunden damit sei eine höhere Gasnachfrage auf dem Weltmarkt, was natürlich Auswirkungen auf den Preis habe. Viele Beobachter machten sich deshalb Sorgen, dass die LNG-Beschaffung im nächsten Jahr nicht einfacher werden dürfte.

Bei der Generaldebatte im Bundestag am 23.11. kritisiert die Union besonders die Energiepolitik der Ampel-Koalition.

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Experte: Deutsche Energiepolitik derzeit wenig zielorientiert

Kooths sieht Mängel in der deutschen Energiepolitik:

Was wir derzeit in sehr geringem Umfang bis gar nicht tun ist, der Welt in Übersee zu signalisieren: Investiert in zusätzliche LNG-Kapazitäten. Wir werden das für einen längerfristigen Zeitraum dann auch abnehmen.
Stefan Kooths, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW)

Deutschland habe dort bislang gar keine Rahmenbedingungen geschaffen, um das anzureizen. Zum Teil, weil man es auch gar nicht wolle.

Eine Chance sieht Wirtschaftsexperte Kooths auch bei den heimischen Gasvorkommen. Von Ingenieuren höre man, dass es möglich sei, die hiesigen Gasvorkommen ohne große Umweltverschmutzung zu fördern. Eigentlich müsse man dies in den Katalog der Optionen aufnehmen. Es stelle sich aber die Frage der politischen Durchsetzbarkeit. Das sei sehr schwierig, so Kooths.

Heimisches Schiefergasvorkommen als Lösung?

In Deutschland liegen erhebliche Schiefergasvorkommen. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) beziffert das Potenzial auf etwa 1.000 Milliarden Kubikmeter. Diese Menge würde den deutschen Gasbedarf für etwa zehn Jahre vollständig decken.

Gegen dieses "Fracking" gibt es jedoch in der deutschen Politik und bei Umweltexperten erhebliche Bedenken. Beim Fracking wird in tiefliegende Gesteinsschichten gebohrt und das dort vorhandene Erdgas mit Chemikalien unter Druck herausgelöst. Umweltexperten befürchten vor allem eine Gefährdung des Grundwassers.

Seit 2017 ist in Deutschland eine solche Ausbeutung von Gasvorkommen in Schiefer- und Kohleflözschichten verboten. Bundeskanzler Scholz hat gerade dieses Verbot nochmals bekräftigt, weil es in der gegenwärtigen Lage viel zu lange dauere, bis man heimische Gasquellen nutzen könne.

Kooths: Deutsche Energiepolitik für Ausland schwer nachvollziehbar

Ökonom Kooths wies darauf hin, dass für die übrige Welt die deutsche Energiepolitik schwer nachzuvollziehen sei. Das fange bei den Atomkraftwerken an und schließe das heimische Gas mit ein. Da habe sich Deutschland sehr stark festgelegt.

Die Finanzierungszwänge könnten dann vielleicht doch noch ein Umdenken bewirken. Bei der Atomenergiefrage habe es in der Bevölkerung laut Umfragen auch schon einen Meinungsumbruch gegeben, stellt Kooths fest:

Immer so kurzatmig von der Hand in den Mund ist keine Strategie, das ist ein Durchwurschteln, und das reicht auf Dauer nicht.
Stefan Kooths, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW)
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