Reisner zu Ukraine-Krieg: "Haben Russland unterschätzt"

    Raketenangriffe auf Ukraine:Reisner: "Haben Russland unterschätzt"

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    Mit dem Stromnetz greift Russland "das zentrale Nervensystem der Ukraine" an, sagt Oberst Reisner bei ZDFheute live. Das drohe die Erfolge der Ukrainer zunichte zu machen.

    Die heftigen russischen Angriffe auf die kritische Infrastruktur setzen den Menschen in der Ukraine zu. In Kiew und weiteren Teilen des Landes ist die Stromversorgung größtenteils unterbrochen, am Mittwoch gab es in der Hauptstadt mit ihren drei Millionen Einwohnern kein fließendes Wasser.
    Die ukrainischen Truppen erzielen zwar militärische Erfolge, aber der Schutz wichtiger Infrastruktur gelingt offenbar nicht. Warum kann die Ukraine die russischen Raketen nicht abwehren?

    Oberst zu Russland: "Wirklichkeit hat uns eingeholt"

    Nach neun Monaten Krieg muss der Westen, feststellen, "dass die Russen durchaus noch Fähigkeiten haben, die wir bisher unterschätzt haben", sagt Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer bei ZDFheute live. Als Beispiel nannte er den jüngsten Einsatz von Marschflugkörpern, ballistischen Raketen und iranischen Drohnen.
    "Wir haben uns monatelang eingeredet, dass die russische Luftwaffe kaum Einsätze fliegt" oder russische Raketen eine sehr geringe Trefferwahrscheinlichkeit hätten. "Aber jetzt hat uns die Wirklichkeit eingeholt", so Reisner, nämlich in dem Moment, in dem Russland entschieden habe, das zentrale Nervensystem der Ukraine - die Stromversorgung - anzugreifen.

    Reisner: "Schiere Größe der Ukraine" erschwert Verteidigung

    Die Herausforderung für die Ukraine bestehe darin, die wichtigen Bereiche mit entsprechender Luftabwehr zu schützen. Allerdings sieht Oberst Reisner mehrere Knackpunkte: So habe die russische Luftwaffe bereits zu Beginn des Krieges ein Drittel der ukrainischen Flugabwehr zerstört. Die Ukraine habe dann die Flugabwehr genutzt, um ihre Offensiven abzusichern.
    Als die Russen dann im Oktober anfingen, die kritische Infrastruktur anzugreifen, hatte die Ukraine laut Reisner kaum noch Systeme, um sich dagegen zu wehren. Der Westen hatte bis dahin zwar schon die ersten Systeme geliefert, doch "die schiere Größe des Landes und die vielen Objekte, die zu schützen wären, machen es fast unmöglich, etwas dagegen zu tun".

    Europa hat "alle Lager leer gemacht"

    Doch Europa könne nur eingeschränkt helfen, so der österreichische Militärexperte. Während Russland sich monatelang, möglicherweise jahrelang, auf diesen Krieg vorbereitet habe, habe Europa 20 Jahre lang seine Streitkräfte abgerüstet, alle Lager leer gemacht, "und jetzt versucht man, mit dem Wenigen die Front zu versorgen". Eine Front, die 1.100 Kilometer lang sei.

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    :Der Ukraine-Krieg im Zeitraffer

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    Der Krieg könne nur mit massiver Unterstützung geführt werden, "aber das ist nicht der Fall", sagt Oberst Reisner. Die Lager leerten sich laufend. "Die Ukraine hat ihre Offensiven im Sommer nur durchführen können, weil sie bereits schwere Waffen aus dem Westen bekommen hat." Aber es komme nicht genug Nachschub, Europa versucht, "mit kleinen Lieferungen das Leid und die Not zu lindern".

    Wenn hier nicht massiv Fliegerabwehr zur Verfügung gestellt wird, dann ist die Ukraine in wenigen Wochen komplett finster, weil es keine kritische Infrastruktur mehr gibt, die funktioniert.

    Oberst Markus Reisner

    Um die Lage zu ändern, müssten Rüstungskapazitäten massiv aufgebaut werden, so Reisner. Dazu wiederum bräuchte die Rüstungsindustrie staatliche Garantien, um deren Investitionen abzusichern. "Hier rennt uns natürlich die Zeit davon."

    Reisner: Ukrainer sitzen zwar in Cherson, aber im Dunkeln

    Europa versuche zusammenzukratzen, "was man hat und das zu liefern". "Wir eilen hinterher, während Russland, das wir Monat für Monat totgesagt haben", jetzt wieder in die Initiative gehe. Es sei eine paradoxe Situation, sagt Reisner und fügt hinzu:

    Wir haben auf der operativen Ebene Erfolge der Ukrainer, die aber durch die strategischen Angriffe der Russen zunichte gemacht werden. Die Ukrainer sitzen in Cherson, aber sie sitzen im Dunkeln dort, weil die Russen die Infrastruktur zerstört haben.

    Oberst Markus Reisner

    Zu den Nachschubproblemen der Russen, über die der britische Geheimdienst immer wieder berichtet hatte, sagt Reisner: "Dass Russland Probleme hat, hören wir seit Beginn des Krieges." Hier gehe es auch um einen Krieg im Informationsraum, um Beeinflussung.
    "Fakt ist, dass Russland es bis jetzt geschafft hat, auf der strategischen Ebene ein Momentum aufrechtzuerhalten, und dieses Momentum bedeutet: Wann immer die Russen es entscheiden, es zu einer Angriffswelle gegen die Ukraine kommt."
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    Quelle: ZDF

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