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Interview

Ex-General zur Lage in Kabul - Darum gibt die Nato den Flughafen auf

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Mit dem Abzug der US-Armee verlassen auch die restlichen Nato-Partner den Flughafen von Kabul. Rettungsflüge werden unmöglich. Ein Ex-General erklärt, warum das unumgänglich ist.

Ein US-Soldat hält ein Schild, das darauf hinweist, dass ein Tor geschlossen ist, davor warten Hunderte von Menschen in der Nähe eines Evakuierungskontrollpunkts am Rande des internationalen Flughafens Hamid Karzai in Kabul, Afghanistan
Hunderte von Menschen in der Nähe eines Evakuierungskontrollpunkts am Rande des internationalen Flughafens Hamid Karzai in Kabul, Afghanistan
Quelle: AP

ZDFheute: Herr Domröse, warum können Nato-Partner wie Frankreich, Deutschland und Großbritannien den Flughafen Kabul nicht ohne die US-Armee sichern, um weitere Menschen zu retten?

Hans-Lothar Domröse: Für so eine Evakuierung brauchen Sie alles was verfügbar ist. Sie brauchen am Flugplatz eine kraftvolle Überlegenheit, damit die Schutzbefohlenen und die eigenen Soldaten nicht gefährdet werden.

ZDFheute: Was konkret bräuchten die Nato-Truppen ohne die USA denn für den Einsatz?

Domröse: Sie brauchen etwas im Weltraum, sie brauchen etwas in der Luft, sie brauchen etwas am Boden. Wasserwege haben wir in Kabul zwar nicht, aber die Amerikaner beliefern Kabul auch über Schiffe. Das macht sich nur keiner klar. Aus dem Weltraum brauchen wir Aufklärungsbilder von Satelliten, damit man sehen kann, wie sich die Lage auf den Straßen von Kabul entwickelt.

Seit 20 Jahren wütet Krieg in Afghanistan und hat Hunderttausende Menschen das Leben gekostet. Nun haben die USA den Truppenabzug beschlossen. Doch in Afghanistan herrscht Chaos.

Beitragslänge:
87 min
Datum:

ZDFheute: Bräuchte die Bundeswehr bewaffnete Drohnen für so eine Evakuierung?

Ja, für den Fall eines Angriffs der Taliban braucht es mehr als nur ein Taschentuch zum Winken.
Hans-Lothar Domröse, ehemaliger Nato-General

Das heißt, es muss geschossen werden zur Not. Und verteidigt werden. Sie brauchen in diesem Fall mindestens eine bewaffnete Drohne. Irgendwas muss schließlich da sein über dem Flughafen.

ZDFheute: Ist die Nato ohne die USA also handlungsunfähig?

Domröse: In der Summe könnten wir natürlich schon handeln. Aber wir müssen das geübt haben. Was sie nicht üben, können sie nicht.

In einer kritischen Situation können sie nicht jetzt einen Haufen Soldaten zusammenstellen. Und sagen: Macht das mal.
Hans-Lothar Domröse, ehemaliger Nato-General

Die Briten haben klasse Soldaten, die Deutschen haben klasse Soldaten. Der General Arlt ist ja mit tollen Soldaten da vor Ort. Die Franzosen haben solche Soldaten – jede Nation hat tolle Soldaten. Nur wenn die nie zusammen geübt haben, dann können Sie nicht 6.000 Soldaten nebeneinanderstellen und das dann eine "Force" nennen. Das ist keine Force, das ist ein Witz. Die Amerikaner können das hingegen.  


Wir sind nicht scharf darauf trainiert, wir haben nicht die Ausrüstung – in allen Domänen. Stichwort bewaffnete Drohnen.
Hans-Lothar Domröse, ehemaliger Nato-General

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, André Wüstner, betont, dass Streitkräfte bei einer Evakuierung immer sehr verwundbar sind. Trotzdem spricht er sich für eine Verlängerung der Rettungsflüge aus.

Beitragslänge:
5 min
Datum:

ZDFheute: Was fehlt der Bundeswehr und den Nato-Partnern?

Domröse: Wir müssen Weltraum, Luft und Boden so koordinieren können, dass nichts passiert. Das können wir momentan nicht. Das können die Amerikaner. Wenn wir das wollen, brauchen wir eine bessere Ausrüstung in der Bundeswehr. Aber auch bei den anderen Nato-Partnern. Aber bis wir so eine Force aufbauen, auch technologisch, brauchen wir zehn Jahre, bis wir das können.

Hochwasser können wir hingegen schon. Das ist ja auch nicht so gefährlich.
Hans-Lothar Domröse
Bewaffnete Taliban-Kämpfer kontrollieren einen Eingang in Kabul.

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ZDFheute: Sie waren selbst im Auftrag der Nato in Afghanistan. Wie blicken Sie nun auf den Einsatz zurück?

Domröse: Der Einsatz bringt einen großen Reputationsverlust für den Westen mit sich. Aber wir haben den Afghanen auch zwanzig Jahre lang konkrete Perspektiven ermöglicht. Sie haben sechsmal gewählt. Soldaten, die UN und die NGOs haben auch ermöglicht, dass die Kindersterblichkeit fast auf null gedrückt wurde. Wir haben Krankenhäuser gebaut, ein Gesundheitsystem errichtet.

Und wir haben den Afghanen den Zugang zum Internet ermöglicht. Die Bevölkerung weiß dadurch heute mehr als damals, was in der Welt vor sich geht. Das können auch die Taliban nicht verhindern. Wir haben die Leute zur Schule gebracht, wir haben Abitur ermöglicht und das Studieren. Dass das am Ende nicht getragen hat, ist sehr schade. Und sehr, sehr traurig.

Das Interview führte Lukas Wilhelm.

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