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Verheerende Explosion im Libanon - Wie die gefährliche Fracht nach Beirut kam

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Die Spurensuche der Explosion von Beirut führt nach Russland. Der Ex-Kapitän des Frachters, der das gefährliche Ammoniumnitrat transportierte, lebt dort und berichtet über den Weg.

Archiv: Der Frachter Rhosus - im Bild vor Istanbul auf dem Weg ins Mittelmeer.
Das russische Frachtschiff "MV Rhosus" (Archivbild ) soll das explosive Ammoniumnitrat nach Beirut gebracht haben.
Quelle: dpa

Boris Prokoschew konnte sich auf die E-Mail in seinem Postfach erst keinen Reim machen. Er sei der Kapitän des Schiffes mit jener riesigen Ladung Ammoniumnitrat gewesen, die in dieser Woche im Beiruter Hafen so folgenschwer detonierte, hieß es in der Nachricht, die ihm ein Journalist schickte. "Ich verstand gar nichts", gibt Prokoschew unumwunden zu.

Das ist ein ganze Weile her. Er lebt inzwischen als Rentner in Werchnee Buu, einem 1.300 Kilometer südlich von Moskau gelegenen Dorf. In der Betreffzeile der Mail ging es um die "MV Rhosus", für deren Steuerung der Ex-Kapitän nach eigenen Angaben nie bezahlt wurde.

Zielhafen war Mosambik

Laut Prokoschew 2012 kaufte der russische Geschäftsmann Igor Gretschuschkin das Frachtschiff "MV Rhosus". Ein Jahr später sei er in der Türkei als Kapitän zur Schiffscrew gestoßen, nachdem die vorangegangene Besatzung wegen unbezahlter Löhne gekündigt habe.

Nach Explosion in Beirut - Brisanter Stoff im Hafen: Suche nach Ursachen 

Nach der verheerenden Explosion in Beirut läuft die Suche nach der Ursache. Eine Untersuchungskommission soll innerhalb von fünf Tagen einen ersten Bericht vorlegen.

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Bald habe er den Auftrag bekommen, die gefährliche Ammoniumnitrat-Ladung von Georgien nach Mosambik zu bringen. Endabnehmer sollte das Unternehmen Fábrica de Explosivos de Moçambique sein, das mehrheitlich einem auf Explosivmaterial spezialisierten Konzern gehört.

Beirut sollte nur Zwischenstop sein

Ammoniumnitrat wird in Mosambik für die Düngemittelherstellung oder als Sprengstoff in Steinbrüchen und Kohlegruben genutzt. Doch an ihrem planmäßigen Ziel in Mosambik sollte die "MV Rhosus" nie ankommen.

Stattdessen machte das Frachtschiff einen Abstecher nach Beirut, weil es dort mehrere Komponenten von schwerem Gerät abholen sollte. Die zusätzliche Fracht entpuppte sich jedoch als so schwer, dass die Crew sie nicht aufs Schiff laden wollte.

Festgesetzt wegen ungezahlter Hafensteuer

Bald darauf setzten die libanesischen Behörden die "MV Rhosus" fest, weil keine Hafensteuer entrichtet wurde. Prokoschew und drei andere Besatzungsmitglieder waren gezwungen, an Bord zu bleiben - wegen Einwanderungsbeschränkungen.

Elf Monate hätten sie am Ende auf der "MV Rhosus" ausharren müssen, Proviant und andere Versorgungsgüter seien knapp geworden, sagt der Ex-Kapitän. Und Geschäftsmann Gretschuschkin habe sie ihm Stich gelassen, ohne die Löhne oder die Schulden beim Hafen zu bezahlen.

Lagerhalle wird zum Zwischenlager

Irgendwann habe er etwas Treibstoff verkauft und mit dem Geld Anwälte angeheuert, die 2014 die Freilassung der Besatzung erwirkt hätten, schildert Prokoschew. In dem Antrag beim Gericht wird eine akute Bedrohung angeführt, mit der die Crew "angesichts der gefährlichen Art der Fracht konfrontiert" sei, wie es in einem Artikel der Juristen von 2015 heißt, den die Webseite shiparrested.com publik machte.

Die Ammoniumnitrat-Ladung sei in eine Lagerhalle im Hafen gebracht worden, nachdem die Crew von Bord gegangen und 2014 in die Ukraine zurückgekehrt sei, so Prokoschew. Dort blieb die Fracht auch - bis sie am Dienstag offenbar in Verbindung mit einem Feuer hochging.

Schiffseigner inzwischen verhört

Das Schiff sei etliche Jahre nach dem Weggang der Crew gesunken, sagt Prokoschew. Doch der zyprische Geschäftsmann Manoli, Eigentümer der "MV Rhosus" vor deren Erwerb durch Gretschuschkin, stellt es anders dar: Das Schiff sei bis zuletzt im Hafen von Beirut vor Anker gelegen und bei der Explosion zerstört worden. Ein Polizeitsprecher in Zypern teilte mit, Gretschuschkin sei von Interpol inzwischen verhört worden.

Mehr als 140 Menschen kamen durch die gewaltige Explosion in Beirut ums Leben, mehr als 5.000 weitere wurden verletzt. "Es ist sehr schlimm, dass Leute sterben mussten. Sie hatten damit nichts zu tun", sagt der 70-jährige Prokoschew. Die libanesische Regierung habe diese Situation herbeigeführt.

Der Libanon - schon vor der Explosion in Beirut ein gebeuteltes Land.

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