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Interview

Ex-Abgeordnete Matthäus-Maier - "Umgang mit Frauen ist nach wie vor hart"

Datum:

Ingrid Matthäus-Maier saß 22 Jahre im Bundestag. Im Interview erzählt sie, wie sie sich als Frau durchsetzen konnte und was Angela Merkel für die Gleichberechtigung getan hat.

Deutscher Bundestag 1987
Deutscher Bundestag in Bonn im Jahr 1987: Zu dieser Zeit war Ingrid Matthäus-Maier bereits seit langem Abgeordnete.
Quelle: zdf

ZDFheute: Was hat sich in punkto Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern in der Politik seit Ihrer Anfangszeit getan?

Ingrid Matthäus-Maier: Ich glaube, dass sich insgesamt in Sachen Gleichberechtigung doch manches getan hat, auch im Bundestag, obwohl die Zahlen ja immer wieder schwanken. Wir hatten schon mal einen höheren Frauenanteil, jetzt ist er wieder niedriger.

Aber der Umgang mit Frauen ist nach wie vor hart.

Ich war 22 Jahre im Bundestag und dann in der Kreditanstalt für Wiederaufbau - auch da habe ich meine Erfahrungen gemacht als Frau in einer Männerwelt, der Bankenwelt.

Ingrid Matthäus-Maier. Archivbild
Ingrid Matthäus-Maier war von 1976 bis 1982 und von 1983 bis 1999 Mitglied des Bundestages, unter anderem auch als Vize-Vorsitzende der SPD-Fraktion. Ab 1999 war sie im Vorstand der KfW-Bankengruppe und damit die erste Frau an der Spitze einer deutschen Großbank
Quelle: Imago

ZDFheute: Was haben Sie erlebt, können Sie Beispiele nennen?

Matthäus-Maier: Was besonders schlimm war, war die Frechheit der Männer bei bestimmten Themen. Ich hatte das auch schon erlebt in meiner Anfangszeit, etwa in meinem ersten Wahlkampf im katholischen Münsterland 1976. Schmähbriefe, freche Anrufe. Die habe ich meist nicht mitbekommen, weil ich viel unterwegs war.

Mein Mann hat sie vor allem entgegengenommen und mir auch manches gar nicht erzählt. Die meisten der "bösen" Anrufe hatten irgendetwas mit Sexualität zu tun. Sehr schnell kam dann "Du alte Hure", "Zigeuner-Hure" oder "Wir müssten es dir mal richtig machen". Das kannte ich auch alles schon.

ZDFheute: Haben Sie ähnliche Erfahrungen im Bundestag gemacht?

Matthäus-Maier: Im Bundestag habe ich solche sexistisch-aggressiven Angriffe nicht erlebt. Wohl aber, dass zum Beispiel die damalige CDU/CSU versucht hat, wenn ich eine kämpferische Rede hielt - ich war ja durchaus bekannt dafür, dass ich auch kämpferisch war -, mich niederzuschreien durch ununterbrochenes Zwischengeschrei. Das war bei mir allerdings nicht sehr erfolgreich - ich hatte den Vorteil einer lauten, tiefen Stimme. Also dieses Niederschreien, wenn den Männern etwas nicht passte, kannte ich auch gut.

Die für Steuerfragen zuständigen Frauen in der FDP: Lieselotte Funcke (l.) und Ingrid Matthäus-Maier während einer Debatte im Bundestag in Bonn am 6. Oktober 1977.
Die für Steuerfragen zuständigen Frauen in der FDP: Ingrid Matthäus-Maier (r.) und Lieselotte Funcke während einer Debatte im Bundestag in Bonn am 6. Oktober 1977. Matthäus-Maier verließ 1982 die FDP und trat in die SPD ein.
Quelle: dpa

Aber was dann etwa Frau Schoppe bei ihrer Rede zum Thema Vergewaltigung in der Ehe erlebt hat (Anm. d. Red.: Grünen-Politikerin Waltraud Schoppe am 5. Mai 1983) - also, da habe ich mich für die Männer geschämt. Es war zum Teil ein sexistischer Männermob, der rumgrölte, der sich feixend auf die Oberschenkel klatschte. Das waren negative Sternstunden. Ich glaube, das wäre heute nicht mehr so möglich.

ZDFheute: Welche Eigenschaften haben Ihrer Meinung nach Angela Merkel dazu verholfen, Bundeskanzlerin zu werden?

Matthäus-Maier: Mit Sicherheit war Angela Merkel kämpferisch. Nach außen wurde das nicht so deutlich, aber sie musste ja mehrfach auch um ihre Position kämpfen. Und sie war hartnäckig - ruhig und hartnäckig. Ich glaube, sie hat für die Frauen insofern eine wichtige Funktion gehabt, dass sie gesehen haben: Eine Frau kann Kanzlerin. Auch, wenn mir nicht alle Dinge gefallen haben, aber dass sie das kann, ist offensichtlich. Also ich glaube, das war gut.

ZDFheute: Hat sich die Bundeskanzlerin um Frauenförderung besonders verdient gemacht?

Matthäus-Maier: Sie ist nicht aufgetreten als jemand, der ununterbrochen für Frauenrechte gekämpft hat. Aber zu ihrer Zeit ist ja zum Beispiel das Gleichstellungsgesetz gegen die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlassen worden. Oder dass im öffentlichen Dienst Frauen so lange bei gleicher Qualifikation befördert werden, bis die Gleichberechtigung hergestellt ist.

Es gibt auch Sachen, die ich ihr übelgenommen habe. Richtig sauer war ich, als sie sich bei der Fristenregelung beim Schwangerschaftsabbruch nur enthalten hat. Da waren auch viele Ostfrauen stinksauer. Es heißt, Helmut Kohl habe sie quasi dazu gezwungen. Aber das geht nicht, da muss man dann Farbe bekennen.

Aber ich erinnere auch an das eindrucksvolle Foto mit Merkel, Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer, drei Frauen in Spitzenpositionen - also sie hat auch offensichtlich Frauen gefördert.

ZDFheute: Werden Frauen und Männer heute gleichbehandelt, wenn sie sich etwa um eine Spitzenposition in der Politik bewerben?

Matthäus-Maier: Also eines ist klar: Frauen müssen immer noch besser sein als Männer in der Politik. Was mich vor den bösartigsten Angriffen verschont hat, war, dass ich überwiegend zu Haushalt und Steuern sprach und meine Zahlen, meine Argumente immer stimmten. Das liegt daran, dass ich natürlich wahnsinnig hart dafür gearbeitet habe.

Sobald sich Frauen einen Fehler erlauben, sind sie eher in der Schusslinie. Von daher hat die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock natürlich einige Fehler gemacht. Das weiß jeder.

Dass man Baerbock so stark angegangen hat - ich glaube, da urteilt man bei einer Frau schärfer als bei einem Mann.

Was man auch daran sieht, dass sowohl CDU als auch SPD und FDP sagen: So geht man mit ihr nicht um. Aber ja, es ist richtig: Frauen müssen in der Regel - auch in der Politik, aber nicht nur da - besser sein als Männer, nach wie vor.

Das Interview führte Nadia Nasser, Reporterin im ZDF-Landesstudio Berlin.

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