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Lobbykampf um Lebensmittelampel - Klöckners Schlingerkurs beim Nutri-Score

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In einer Studie vom Herbst 2018 empfiehlt das Landwirtschaftsministerium die Lebensmittelampel Nutri-Score - in der zweiten Version im Frühjahr 2019 nicht mehr.

Nutri-Score auf einer Packung Joghurt
Nutri-Score auf einer Packung Joghurt
Quelle: dpa

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft bremste die Einführung der Lebensmittelampel Nutri-Score für Verpackungen im Supermarkt aktiv aus. Das geht aus einer gemeinsamen Recherche des ZDF-Magazins Frontal 21 und der Zeitung "Welt" hervor.

Interne Unterlagen des Ministeriums, die die Verbraucherorganisation Foodwatch erstritt, zeigen: Das Ministerium ließ eine selbst in Auftrag gegebene Studie des staatlichen Gesundheitsforschungsinstituts Max Rubner umschreiben, die den Nutri-Score empfahl. 

Empfehlung für Nutri-Score verschwindet in neuer Studie

Dieses Kennzeichnungssystem zeigt in fünf Farben von Hellgrün bis Rot den Nährwert von Nahrungsmitteln auf der Verpackung an. Die Forscher hatten es in der ersten Version ihrer Studie vom September 2018 als "grundsätzlich vorteilhaft" beurteilt und empfohlen; ein Modell für Deutschland solle sich daran orientieren. Aus der zweiten Version der Studie von April 2019 war diese Empfehlung verschwunden.

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Bislang zeichnen nur wenige deutsche Hersteller ihre Produkte mit der Ampel aus. Anders als etwa in Frankreich gibt es bisher keine Vorgaben, wie eine solche Kennzeichnung aussehen müsste. Der Recherche zufolge fanden Kritiker der leicht verständlichen Ampel-Methode aus der Lebensmittelbranche Gehör beim Ministerium von Julia Klöckner (CDU).

Foodwatch sieht Sieg der Lebensmittel-Lobby

Aus einem internen E-Mail-Wechsel von März 2019 geht hervor: Das Ministerium versuchte, die erste Version der Studie geheim zu halten. Ein damit befasster Mitarbeiter schreibt an einen Kollegen: "Deutschland hatte Nutri-Score in der vergangenen Legislaturperiode kritisiert." Ministerin Klöckner habe "ausdrücklich darum gebeten", zur Studie des Rubner-Instituts "größte Vertraulichkeit sicherzustellen".

Gleichzeitig beauftragte das Ministerium das Institut per offiziellem Erlass, ein alternatives Kennzeichnungsmodell des Lobbyverbandes der Lebensmittelindustrie, das ohne Signalfarben arbeitete, als Basis für ein deutsches Modell weiterzuentwickeln.

Foodwatch-Lebensmittelexpertin Luise Molling sieht darin einen Sieg der Lobby: Wissenschaft, die politisch nicht passe, werde "passend gemacht". Das Ministerium habe sich von Gegnern des verbraucherfreundlichen Nutri-Score wie dem Lebensmittelverband beeinflussen lassen.

Landwirtschaftsministerium bestreitet Vorwürfe

Beim Ministerium sieht man es anders. Es erklärt auf Anfrage sinngemäß, das Institut sei in seiner ersten Version ganz einfach seinem Auftrag für die Studie nicht nachgekommen. Der Bericht habe "gerade keine Priorisierung der untersuchten Modelle enthalten" sollen, damit im weiteren Prozess - also im folgenden Austausch unter anderem mit Bundesländern, Lebensmittelbranche und Verbraucherverbänden - eine "ergebnisoffene und neutrale" Untersuchung noch möglich sei. Die Ministerin habe sich "stets ergebnisoffen gezeigt".

Dass die erste Version nicht veröffentlicht wurde, habe nichts damit zu tun, dass das Ergebnis vielleicht nicht zum politischen Kurs passte. Vielmehr sei allen Beteiligten zuvor Vertraulichkeit zugesagt worden, um sich erst intern ein Bild machen zu können.

So oder so: Mittlerweile will das Ministerium den Nutri-Score - und plant nun, ihn in der zweiten Jahreshälfte auf freiwilliger Basis einzuführen. Offenbar lässt sich der Meinungsumschwung dadurch erklären, dass eine vom Ministerium in Auftrag gegebene Verbraucherumfrage im vergangenen September ergeben hatte: Die Mehrheit der Supermarktkunden wünscht sich das Farbsystem.

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