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Gauck: "Die Wirklichkeit hat immer Pech"

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Ex-Bundespräsident zur Einheit - Gauck: "Die Wirklichkeit hat immer Pech"

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30 Jahre Einheit: Ex-Bundespräsident Gauck zieht Bilanz. Ein milder Blick auf Menschen der Ex-DDR sei möglich, sagt er im ZDF. Ein milder Blick auf die Diktatur aber nicht.

Ex-Bundespräsident Gauck sagt über 30 Jahre Deutsche Einheit, es habe einfach ein unglaubliches Ausmaß an Wandel in den täglichen Dingen gegeben. Viele hätten sich Vollkommenheit ersehnt. Sie erlebten nicht eine Enttäuschung, aber die Realität.

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ZDF: Würden Sie dem zustimmen, dass die Westdeutschen bis heute diesen Wandel wirklich unterschätzen und auch welche Ängste so ein Wandel auslösen kann?

Joachim Gauck: Ja, das kann man schwer nachvollziehen. Das sind Lebensformen, wenn man die nicht selber hat durchmachen müssen, dann ist es sehr schwer, da Empathie zu entwickeln. Dazu brauchst du eine gehörige Menge an gutem Willen. Den gibt es bei vielen. (...)

Es ist eine völlig andere ökonomische, politische Kultur und klar, dass das ein Unterschied ist zwischen Ost und West.
Joachim Gauck, Ex-Bundespräsident

ZDF: Sie sagten in einer Rede im Bundestag zur deutschen Einheit mit Blick auch auf die Enttäuschung, die dass bei vielen Ostdeutschen ausgelöst hat: "Wir träumten vom Paradies und wir erwachten in NRW".

Gauck: Ja, in Nordrhein-Westfalen aufzuwachen, ist eigentlich ein guter Ort. (...) Und meine ein bisschen ironische Bemerkung bezog sich darauf, dass Menschen dazu neigen, das, was sie ersehnen, sich als vollkommen vorzustellen, als wunderbar, fehlerfrei. (...) Menschen sind aber nicht fehlerfrei und Gesellschaften schon gar nicht.

Das heißt, aufzuwachen in Nordrhein-Westfalen war da nicht nur eine Enttäuschung, es war eine Begegnung mit der Realität.

Wenn Menschen ihr Ideal, ihre Träume vergleichen mit der Wirklichkeit, dann hat die Wirklichkeit immer Pech.

Denn keine uns umgebende politische oder auch kulturelle oder menschliche Wirklichkeit ist ohne Brüche, Mängel und Fehler. Und deshalb gehört zum erwachsenen Bewusstsein dazu, dass man begreift: Es ist schön, aber nicht vollkommen.

ZDF: Aber auch Wirklichkeit braucht ja auch ein Rahmenwerk. Bei vielen herrscht Enttäuschung darüber, dass nicht mehr von der DDR übernommen wurde, zum Beispiel in eine gemeinsame gesamtdeutsche Verfassung. Dass es dann doch mehr ein Beitritt war als eine Wiedervereinigung. Sehen Sie das als einen Geburtsfehler?

Gauck: Ja, das hätte gerade den Menschen, die die Demokratiebewegung befeuert und geleitet haben, natürlich sehr gut gepasst. Mir auch. Und es gab begeisternde Ansätze, eine eigene Verfassung zu entwickeln - aus der Basis heraus kam das schon. (...)

Aber auf der anderen Seite gab es diesen unglaublichen Druck.

Mancher von den Abgeordneten hätte sowohl eine lange Verfassungsdebatte als auch einen schrittweisen Übergang viel hilfreicher gefunden für die Psychen. Aber Politik ist eben nicht nur das, was man wünscht, zu gestalten, sondern das, was möglich ist. Und unter den Bedingungen von damals war nichts anderes möglich als diese schnelle Vereinigung.

Am Tag vor der Wiedervereinigung vor 30 Jahren gab es die letzte DDR-Volkskammersitzung. Ehemalige Abgeordnete und die ehemalige Präsidentin des letzten DDR-Parlaments blicken auf die damalige Situation und ihre Erwartungen zurück.

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ZDF: Aber etwas weniger überstülpen und Besser-Wessis, die dann sagen, wie es geht und wie man Demokratie macht und wie man Freiheit macht, wäre vielleicht doch psychologisch hilfreich gewesen.

Gauck: Ja, deshalb dürfen wir auch uns folgendes erlauben an einem solchen Fest: Wir dürfen nach 30 Jahren auch schon mal uns einen milden Blick gönnen auf die Menschen, die damals in der DDR gelebt haben und dann die Revolution gemacht haben. Eine friedliche Revolution.

Aber wir dürfen uns keinen milden Blick gönnen auf die Diktatur. Das ist ein großer Unterschied. Und dieser milde Blick auf die Menschen darf uns auch nicht davon befreien, dass es notwendige Auseinandersetzung gibt. Es gibt nämlich Verantwortliche für Diktatur. Und es gibt Opfer, die unter denen gelitten haben. Und über sie zu schweigen, das gehört sich auch nicht.

Deshalb gehört zu einem vernünftigen Feiertag, auch notwendige Debatten zu führen über Diktatur und über das, was Diktatur mit Menschen macht.

Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung bleiben Unterschiede zwischen Ost und West. Was braucht es, damit die Einheit vollendet ist?

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ZDF: Erklären Sie sich aus diesen Diktatur-Erfahrungen auch die zu beobachtende Tendenz, dass in Ostdeutschland zum Teil radikaler gewählt wird, eine größere Bereitschaft dazu da ist, radikaler zu wählen und auch extrem hin und her zu schwanken zwischen seinen Wahlzettel-Entscheidungen, als das im alten Westen der Fall ist?

Gauck: Ja, es gibt dafür Gründe. Und die liegen nicht in der Zeit nach der Vereinigung, sondern sie sind vorher gewachsen. Die ostdeutsche Bevölkerung hat Diktatur erlitten, von 1933 bis 1989. Sehr unterschiedliche Systeme, keine Rede, aber wesentliche Möglichkeiten der freien, demokratischen Welt bestehen darin, dass der Bürger ein Bürger sein kann. Er hat das Wahlrecht, er hat Meinungsfreiheit, er hat Grundrechte, Bürgerrechte und Menschenrechte.

Und wenn ihm dies alles abgenommen wird, lebt er eine Normalität in politischer Ohnmacht.

Und wenn das über Generationen, drei Generationen, geschieht, dann verändern sich Haltungen in einer breiten Masse. Und deshalb hat die DDR, Ex-DDR-Bevölkerung keinen schlechteren Charakter. Aber sie hatte schlechtere Lebensumfelder, schlechtere Trainingsfelder.

Und deshalb gibt es einen Rückstand, was zivilgesellschaftliche Aktivitäten betrifft. Was Engagement (...) betrifft, das hat nichts mit Charakterschwächen zu tun, aber sehr wohl mit den längeren Möglichkeiten der Westdeutschen, sich an die freie und offene Gesellschaft zu gewöhnen. Und von daher gibt es im Osten eine gewisse Neigung, stärker auf Autoritäres zu reagieren.

Das Interview, das wir hier in gekürzter Fassung wiedergeben, führte Marietta Slomka.

30 Jahre Deutsche Einheit

Politik und Gesellschaft -
30 Jahre Deutsche Einheit
 

Mit Dokumentationen, Fernsehfilmen und Live-Übertragungen begleitet das ZDF das Jubiläum "30 Jahre Deutsche Einheit".

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