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Traumata bei Geflüchteten - Ohne Behandlung kaum Chance auf Integration

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Eine gute Integration von Geflüchteten: Dass dazu auch psychologische Untersuchungen und Behandlungen gehören, werde unterschätzt, sagt Frank Neuner von der Universität Bielefeld.

Junge fluechtlinge, teilweise mit Mundschutz, sitzen in einem Bus am Flughafen Hannover am 18.04.2020, Archivbild
Fehlen psychisch erkrankten Geflüchteten die Perspektive und nötige Hilfe, erschwert das die Integration erheblich.
Quelle: dpa/Hauke-Christian Dittrich

Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat Frank Neuner im Zuge der Flüchtlingskrise empfohlen, alle Geflüchteten bei Ankunft psychologisch zu screenen. Studien zeigten, dass mit 25 bis 40 Prozent ein erheblicher Anteil von Geflüchteten traumatisiert ist.

Viele haben psychische Krankheiten - bedingt durch Erlebnisse in den Herkunftsländern oder auf der Flucht. Laut Neuner ein erhebliches Problem für eine erfolgreiche Integration. Eine psychologische Behandlung koste zwar Geld, aber es zu lassen, koste die Gesellschaft ungleich mehr.

Experten gehen davon aus, dass 30 Prozent der Geflüchteten, die nach Deutschland kommen, traumatisiert sind und psychologische Hilfe benötigen.

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ZDFheute: Was schlagen sie vor?

Neuner: Wir haben in der Leopoldina-Stellungnahme 2018 vorgeschlagen, dass es sinnvoll sein könnte, ein systematisches Screening der Geflüchteten durchzuführen – und zwar in dem Moment, wenn sie in Deutschland ankommen oder dann, wenn sie einer Kommune zugewiesen werden.

Bei diesem Screening würde jedem und jeder der Geflüchteten ein kurzes Gespräch mit einem fachlich fundierten Screening-Fragebogen angeboten, mit dem man feststellen kann, ob ein Handlungsbedarf besteht.

Das könnte man zusätzlich zur medizinischen Aufnahmeuntersuchung machen. So könnte man schon ganz, ganz früh im Prozess erkennen, wer die Personen sind, die eine zusätzliche Unterstützung brauchen.

ZDFheute: Wie aufwendig ist das?

Neuner: Es ist auf jeden Fall nicht kostenneutral, da ist schon ein gewisser Aufwand. Es müssen nicht zwingend Profis sein, die diese Erstgespräche führen, aber es müssen ausgebildete Menschen sein, die auch der Sprachen der Herkunftsländer mächtig sind.

Und es muss ein Überweisungssystem daran angebunden werden. Denn es hilft ja nichts, wenn man Betroffene identifiziert, aber kein Hilfsangebot zur Verfügung stellen kann.

Wir gehen also davon aus, dass unmittelbar Folgekosten entstehen würden - nicht nur durch das Screening, sondern auch durch die Behandlung bei niedergelassenen Psychotherapeutinnen und -therapeuten oder beispielsweise auch in speziellen Behandlungszentren für Geflüchtete und Folteropfer.

Wir sagen aber auch, dass die Kosten für traumatisierte Geflüchtete, die nicht behandelt werden, ungleich höher für die Volkswirtschaft sind als die Behandlungskosten selbst.

Die Zahl der Flüchtlinge hat sich laut UNHCR in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Weltweit sind mehr als 82 Millionen Menschen auf der Flucht – so viele wie nie zuvor.

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ZDFheute: Warum ist eine unbehandelte Traumatisierung ein Integrationshindernis?

Neuner: Personen mit Traumafolgestörungen sind in der Vergangenheit verhaftet. Traumafolgestörung oder eine posttraumatische Belastungsstörung bedeuten, dass diese Personen einzelne Erlebnisse aus der Vergangenheit einfach nicht loslassen, die Kriegserlebnisse nicht loslassen.

Die Personen fühlen sich weiterhin bedroht, auch wenn sie hier in scheinbarer Sicherheit sind. Die haben Albträume, die haben Flashbacks. Ein Großteil ihrer Aufmerksamkeit ist damit gebunden, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen.

Und wer in der Vergangenheit verhaftet ist, der kann nicht für die Zukunft planen, kann keine Motivation entwickeln. Er kann sich nicht konzentrieren.

Wir können zeigen, dass Personen, die traumatisiert sind, beispielsweise von Sprachkursen deutlich weniger profitieren, weil sie erhebliche Konzentrationsprobleme haben.

ZDFheute: Der Gewalttäter von Würzburg ist nach allem, was man weiß, psychisch gestört - inwieweit kann es da einen Zusammenhang geben?

Neuner: Bei dieser Verbindung muss man immer ein bisschen vorsichtig sein. Es gibt einen gewissen Anteil von Personen, bei denen die psychische Störung die Wahrscheinlichkeit erhöht, auch in irgendeiner Art und Weise aggressiv oder gewalttätig zu werden. Das hängt auch damit zusammen, was man erlebt hat.

In Hannover absolvieren Geflüchtete einen freiwilligen Dolmetscherkurs, wollen Brücken bauen für andere Geflüchtete in deren Muttersprache. Doch in dem Kurs spielen auch in Deutschland geltende Werte jenseits der kulturellen Prägung eine wichtige Rolle.

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Traumafolgestörungen bedingen, dass man sich weniger gut regulieren kann, weniger Selbstkontrolle hat und unter Umständen seine eigenen Aggressionen weniger gut kontrollieren kann. Es bedingt aber gleichzeitig auch das, dass diese Wahrnehmung der Perspektivlosigkeit unterstützt wird.

Und es gibt kaum etwas Gefährlicheres als junge Männer, die sich selbst als perspektivlos wahrnehmen und nicht den Eindruck haben, dass sie irgendwie eine Chance haben, zu einem wertvollen Bestandteil dieser Gesellschaft zu werden.

Darüber hinaus gibt es noch psychische Störungen, die selbst tatsächlich auch mit impulshaften Gewalttätigkeiten verknüpft sind, also, wenn Wahnvorstellungen vorliegen. Hier ist die Selbstkontrollmöglichkeit noch stärker eingeschränkt und eine Behandlung dann noch entscheidender.

ZDFheute: Was müsste sich aus ihrer Sicht grundsätzlich ändern?

Neuner: Ich gehe davon aus, dass wir in zwei Schritten vorgehen müssen. Zum einen brauchen wir das Screening kurz nach der Ankunft der Geflüchteten. Und das Zweite ist, dass wir das Regelsystem der Psychotherapie dazu befähigen müssen, auch Geflüchtete zu behandeln, ohne dass die Therapeutinnen und Therapeuten dabei draufzahlen müssen.

Das heißt entweder, dass wir die Ausgaben für Sprachmittler als eine Kassenleistung für Geflüchtete und andere Migranten vorsehen oder dass wir das dazu notwendige Antragsverfahren so vereinfachen, dass es für die Betroffenen tatsächlich zugänglich wird.

Das Interview führte Sarah Schuhen.

Nach Messerattacke in Würzburg - Gewalt von Migranten "knallhart benennen" 

Der Würzburg-Täter war ein abgelehnter Asylbewerber, sprach von einem "Dschihad". In der Diskussion könne der Migrationsaspekt nicht ausgeklammert werden, fordern mehrere Experten.

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