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Ex-Guerillakämpferin wird Senatsvize

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Aussöhnung in Kolumbien - Ex-Guerillakämpferin wird Senatsvize

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In Kolumbien ist die Ex-FARC-Rebellin "Sandra Ramirez" zur Senatsvizepräsidentin gewählt worden: Experten sagen: Das stärkt die Demokratie in dem Land. Aber der Weg bleibt lang.

Archiv: Griselda Lobo Silva, aufgenommen am 21.07.2020
Griselda Lobo Silva
Quelle: epa

Es ist ein Bild, an das sich die Kolumbianerinnen und Kolumbianer noch gewöhnen müssen. Seit ein paar Tagen bekleidet Griselda Lobo Silva (56) das Amt der Senatsvizepräsidentin. Gewählt mit den 66 Stimmen einer ebenso bunten wie bisweilen auch zerstrittenen Opposition.

Aus der FARC-Rebellion in die Politik

Die Wahl rüttelt das Land auf, denn Lobo Silva ist ihren Landsleuten unter ihrem ehemaligen Guerillanamen "Sandra Ramirez" besser bekannt. Und unter diesem Namen gehörte sie zu den prominentesten Vertreterinnen der Guerilla-Organisation FARC. 

Kindheit und Jugend in den Elendsvierteln von Bogotá und Medellín sind oftmals geprägt von Gewalt und Tod. Kriminelle Banden missbrauchen Minderjährige für Prostitution, Raub und Mord.

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"Das ist ein Triumph für den Frieden und ein Triumph für die Versöhnung. Danke an jene, die Vertrauen in mich gesetzt haben. Ein Handeln, das zeigt, dass der Frieden der Weg ist", twitterte Ramirez nach ihrer Wahl.

FARC - ehemals Staatsfeind Nummer eins

Bis vor vier Jahren galten die "Revolutionären Streitkräfte" (FARC) als Staatsfeind Nummer eins. Gegründet 1964 vom ebenso legendären wie umstrittenen Guerillaführer Manuel Marulanda (1930 - 2008), dessen Lebensgefährtin Ramirez war.

Sie selbst beschreibt sich als Kleinbäuerin und Krankenschwester, die während ihrer Guerillazeit der Organisation diente. Ramirez gehörte aber auch zu den wenigen Frauen, die in der FARC bei den Friedensverhandlungen mit der vom ehemaligen Präsidenten und späteren Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos (2010 - 2018) ausgewählten Delegation Einfluss auf die Gespräche nehmen konnte.

Wahl ist ein weiterer Schritt der Aussöhnung in Kolumbien

Die Wahl von Ramirez ist eine Stärkung der Demokratie.
Stefan Reith, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bogota

Die politische Teilhabe der FARC sei Gegenstand des Friedensvertrages von 2016, der den jahrzehntelangen Bürgerkrieg beendete und der Guerilla die Türen zu den politischen Institutionen öffnete.

"Die Wahl ist eine logische Konsequenz, denn der Opposition steht ein solcher Posten zu. Wenn sie sich auf Ramirez einigt, ist das ein ganz normaler Vorgang", so Reith, der noch einen weiteren Aspekt herausstellt.

Gratulation vom Erzfeind

Das ausgerechnet der konservative Hardliner und Ex-Präsident Alvaro Uribe (2002 - 2010) Ramirez zur Wahl gratulierte, zeige, dass sie auch von der Rechten als Gesprächspartner akzeptiert werde. Uribe und die FARC verband eine tiefe Feindschaft, nicht zuletzt, weil der rechtsgerichtete Präsident die Guerilla in seiner Amtszeit militärisch hart bekämpfte.

Oft auch mit unerlaubten Mitteln, wie dokumentierte Menschenrechtsverletzungen des Militärs belegen. Der bekannteste Skandal ist der "falsos positivos", die gefälschten Beweise, bei dem Zivilisten von Armeeangehörigen getötet und als Guerilleros ausgegeben wurden, um Prämien oder Sonderurlaub zu kassieren.

FARC-Opfer verlangen Aufarbeitung

Auch die FARC steht für Menschenrechtsverletzungen wie die Zwangsrekrutierung von Kindern und Jugendlichen, die Ermordung von Zivilisten, Entführungen sowie sexueller Missbrauch von Mädchen und Frauen in den eigenen Reihen. Weil sich Ramirez nach Meinung der FARC-Opfer nie von diesen Taten distanziert oder entschuldigt habe, reißt diese Wahl alte Wunden wieder auf.

Sie selbst erklärte nach ihrer Wahl, dass sie sich dem Friedensprozess verschreiben werde. Der ist in Kolumbien weiter in Gefahr, denn im Land kommt es neben Morden an Menschrechtsverteidigern auch zu Morden an Ex-Kämpfern der FARC.

Hier gehen die Meinungen über die Hintergründe auseinander. Während Ramirez vom Versuch der systematischen Auslöschung spricht, halten andere Racheakte abtrünniger FARC-Kämpfer sowie der ebenfalls linksgerichteten ELN-Guerilla, die sich weiter im Kampf gegen den Staat befinden, für wahrscheinlich. Einen Staat, den nun auch Sandra Ramirez in neuer Funktion repräsentiert. 

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