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London: Sehenden Auges in die Katastrophe

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Corona-Pandemie - London: Sehenden Auges in die Katastrophe

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Weniger Ärzte, weniger Betten, weniger Wissen: Großbritannien ist schlecht vorbereitet auf die Corona-Krise. Auch weil Premier Johnson sie lange verharmloste.

Ein Mann mit Schutzmaske am 19.03.2020 in London
Auch in Großbritannien greift die Sorge vor dem Coronavirus um sich.
Quelle: picture alliance / NurPhoto

"Wir kriegen die Sache erledigt." Hat er wirklich gesagt. "We’ll get this thing done." Boris Johnson, der Premier der markigen Sprüche, hat sich in den vergangenen Tagen mehrfach von den Ereignissen überholen lassen, heute versprach er den Briten, das Coronavirus könne in den nächsten zwölf Wochen besiegt werden. Der Spruch ist natürlich ein Zitat des Mottos, das ihn an die Macht gebracht hat: Get Brexit Done. Da ist es weniger ironisch als bitter, dass auch der endgültige Abschied Großbritanniens von der EU, den Johnson auf den 31. Dezember 2020 festgelegt hatte, durch Corona in Frage gestellt ist.

Während hier die Schulen bereits geschlossen sind, gehen Kinder in Großbritannien noch zur Schule. Premier Johnson geht weniger radikal gegen die Corona-Krise vor – und wird dafür kritisiert.

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Tatsächlich sollte die kommenden Monate wohl kaum jemand in Whitehall über etwas anderes nachdenken als darüber, wie man eine möglichst große Anzahl von Bürgern unbeschadet durch die aufziehende Gesundheitskrise bekommen kann. Noch vergangene Woche schien sich der Gedanke, das Virus laufen zu lassen, um möglichst viele Bürger damit zu infizieren und so eine "Herdenimmunität" herzustellen, größerer Beliebtheit in Regierungskreisen zu erfreuen.

Doch nun rudert Boris Johnson bei jeder seiner täglichen Pressekonferenzen etwas weiter zurück, kündigt jeden Tag eine neue Maßnahme an. Die Aussicht auf bis zu 7,9 Millionen Briten, die wegen Corona in einem der nur 102.000 Krankenhausbetten behandelt werden müssten, scheint selbst einen Darwinisten wie ihn geschreckt zu haben.

Viele werden einsam sterben

Schon jetzt gibt es Berichte, nach denen Palliativstationen von Sterbenden geräumt werden, um Platz zu schaffen, für die, die da kommen werden. Die umgezogenen Patienten kommen in Heimen unter, in denen Besuchsverbot herrscht, viele von ihnen werden einsam sterben. Und das ist vermutlich nur der Anfang der schrecklichen Entscheidungen, die Ärzte verüben müssen, um an anderer Stelle Leben zu retten.

Am Donnerstag starb der 137. Brite an Corona. Damit hat das Königreich eine erschreckend schlechte Mortalitätsrate von 3,9 Prozent. Zum Vergleich: in Deutschland beträgt sie 0,2 Prozent. (Zahlen des Robert-Koch-Instituts vom 19.3.2020) Das liegt in erster Linie daran, dass in Großbritannien wirklich erst dann getestet wird, wenn Patienten mit schweren Krankheitsverläufen ins Krankenhaus gebracht werden.

Zahl der Intensivbetten muss erhöht werden

Allen anderen, Kontaktperson oder nicht, wird empfohlen, ihre Symptome zuhause auszukurieren. Die Dunkelziffer der Infizierten ist extrem hoch. Und das britische Gesundheitssystem auch sehr viel schlechter vorbereitet. Kaum 5.000 Intensivbetten gibt es für das ganze Land, 28.000 in Deutschland. Pro 100.000 Einwohner gibt es in Großbritannien 70 Ärzte, in Deutschland sind es fast 100. (Zahlen 2012-2015 nach WHO).

Der medizinische Berater Johnsons Chris Whitty sagte denn auch, es gebe nun zwei Dinge, die unbedingt passieren müssten: die Zahl der Intensivbetten müsse erhöht werden und die Bürger müssten die Aufforderung, Abstand zu halten, ernst nehmen. "Selbst wenn alle das tun, was wir sagen, werden die Zahlen die nächsten zwei Wochen weiter steigen."

Nun doch mehr Tests

Das wird auch deshalb passieren, weil nun doch sehr viel mehr getestet werden soll. Außerdem hofft die Regierung, Zugriff auf einen Antikörper-Test bekommen zu können, der identifizieren soll, wer das Virus bereits hatte und dadurch weniger anfällig dafür ist. "Hunderttausende" dieser Tests, laut Johnson "so simpel zu bedienen wie ein Schwangerschaftstest", wolle man kaufen und nutzen, die Lage werde sich komplett verändern, wenn man erst wisse, wo der unsichtbare Feind sich aufhalte.

Dass großflächiges Testen ein Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen das Virus ist, sagt die WHO schon lange, Südkorea hat es vorgemacht, bisher aber liegt Großbritannien bei den bereits verfügbaren Corona-Tests weit zurück.

Immer wieder betont Boris Johnson bei seinen Pressekonferenzen, er richte sich in seinem Tun nach rein wissenschaftlichen Erkenntnissen, doch der Premier hat wenig Konkretes zu sagen, wechselt zwischen Verharmlosung ("singen Sie während es Händewaschens zweimal Happy Birthday", 4.3.), Dramatisierung („"och viel mehr Menschen werden von geliebten Angehörigen vor der Zeit Abschied nehmen müssen", 12.3.) und Stammtischparolen ("wir jagen Corona zum Teufel", 19.3.).

Verunsicherte Bevölkerung

In der verunsicherten Bevölkerung werden die Rufe nach drakonischeren Maßnahmen lauter. London, das mehr als ein Drittel aller Infektionen und die Hälfte aller heutigen Todesfälle verzeichnet, wird ab Freitag den U-Bahn- und Busverkehr in der Hauptstadt reduzieren. Zwei Linien werden komplett eingestellt, 40 U-Bahnstationen nicht mehr angefahren.

Gerüchte, am Wochenende könne eine Ausgangssperre über die Hauptstadt verhängt werden, stritt der Premier ab. Allerdings hatte er gerade noch gesagt, Schulschließungen seien das äußerste Mittel, das möglichst lange vermieden werden müsse: Ab Freitag werden die Schulen nun bis auf weiteres zu bleiben.

Markige Sprüche und üble Aussichten

Wenn die Regierung versagt, blicken viele Briten hoffnungsvoll auf ihr Königshaus. Die Queen scheint den Ernst der Lage erkannt zu haben. Sie meldete sich aus Schloss Windsor, wo sie heute früher als geplant mit Prinz Philip eingetroffen ist, um die Ostertage zu verbringen. Es sei "eine Zeit großer Sorge und Unsicherheit" ließ sie wissen, "viele von uns werden neue Wege finden müssen, um miteinander in Verbindung zu bleiben und um sicherzustellen, dass geliebte Menschen in Sicherheit sind."  

Ärzte aus Italien warnen, Großbritannien renne offenen Auges in die Katastrophe, die ihr Land gerade durchlebe. Der Unterschied ist: das italienische Gesundheitssystem hat mehr Ärzte, mehr Krankenhaus- und mehr Intensivbetten. Markige Sprüche ihres Premiers werden den Briten nicht helfen.

Diana Zimmermann leitet das ZDF-Studio in der britischen Hauptstadt London.

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