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"Am Anfang als Müslifresser verunglimpft"

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40-jähriges Bestehen der Grünen - "Am Anfang als Müslifresser verunglimpft"

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1980 Außenseiter, 2020 Höhenflieger: Im heute.de-Interview spricht Hans-Christian Ströbele über den Erfolg der Grünen – und weshalb er wieder Grüne in T-Shirts im Parlament will.

Hans-Christian Ströbele
In manchen Fällen sind die Grünen Hans-Christian Ströbele heute zu angepasst.
Quelle: dpa

heute.de: Heute feiern die Grünen sich selbst. Wie groß ist bei Ihnen die Partylaune?

Hans-Christian Ströbele: Natürlich freue ich mich, dass wir so lange durchgehalten haben und dass vieles von dem, was wir gefordert haben, gerade beim Umwelt- und Naturschutz, heute zum Allgemeingut geworden ist. Ich denke: Wir sind in vielen Punkten in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Am Anfang wurden wir ja geradezu denunziatorisch immer als "Müslifresser" verunglimpft, weil man sich gar nicht vorstellen konnte, dass Menschen zum Frühstück Müslis essen. Viele dachten: Mit den Spinnern stimmt doch etwas grundlegend nicht. Heute finden sie wohl kein Hotel und kaum einen Haushalt in Deutschland mehr, in dem es kein Müsli gibt.

heute.de: Die Grünen empfanden sich 1980 als "Alternative" zu den etablierten Parteien. Welche Sorgen teilten die Parteimitglieder damals vor allem?

Hans-Christian Ströbele
Hans-Christian Ströbele bei der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Nürnberg im Jahr 1986.
Quelle: imago

Ströbele: Damals waren die Altparteien so abschreckend für uns, dass wir auf keinen Fall wie die anderen werden wollten. Wir wollten etwas ganz anderes. Wir haben uns nicht nur für Naturschutz und gegen Atomkraft eingesetzt, viele Mitglieder kamen aus der Friedensbewegung. Die Angst vor neuem Krieg hat sie vereint und gemeinsam auf die Straße gebracht, um etwa gegen die Stationierung von US-Atomraketen auf deutschem Boden zu demonstrieren.

heute.de: Die Grünen haben immer wieder mit radikalen Forderungen für gesellschaftliche Debatten gesorgt. Über die "fünf Mark für den Liter Benzin" oder den "Veggie Day" etwa regen sich heute noch viele Leute auf…

Ströbele: Also beim "Veggie Day" zum Beispiel war es ja nie so, dass wir die Leute zwingen wollten, Gemüse zu essen und auf Fleisch zu verzichten. Und auch bei der Forderung der Verteuerung des Benzins war es nicht so gemeint, dass am nächsten Tag fünf Mark für den Liter Sprit fällig sein sollten. Es ging darum, dass man langsam die Preise so anziehen müsste, dass Menschen umweltfreundlichere Alternativen nutzen. Man hat immer wieder versucht, uns bei vielen ernst gemeinten Forderungen lächerlich zu machen. So nach dem Motto: Die Grünen kümmern sich nur um die Bäume, aber nicht um die Menschen. Aber das war natürlich alles Blödsinn, weil wir nicht das Wohlergehen der Bäume vom Wohlergehen der Menschen trennen können.

heute.de: Betrachten Sie die Grünen heute noch als alternativ oder längst im Mainstream schwimmend?

Ströbele: Die Gesellschaft hat sich verändert, andere Parteien haben grüne Inhalte übernommen, aber auch die Grünen haben sich in vielem angepasst. Manchmal bedaure ich Letzteres etwas. Das sieht man schon am Äußeren. Die ersten Grünen damals im Bundestag, das war eine bunte, lustig aussehende Truppe. Ich wünsche mir heute auch wieder Grüne, die mal mit dem T-Shirt in den Bundestag gehen, um mit einem plakativen Spruch darauf auf neue Kriegsgefahren aufmerksam zu machen und aufzurütteln.

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heute.de: Gewaltsame Konflikte, der verbissene Kampf um Ressourcen, das Plündern der Weltmeere und das Abholzen der Wälder lassen vor allem jüngere Menschen am Willen vieler Politiker zweifeln, den Planeten besser schützen zu wollen. Spüren Sie eine Art von Wut und Verzweiflung auch bei der jungen, grünen Basis?

Ströbele: Ja, natürlich. Wenn ich es körperlich kann, gehe ich gern zu den "Fridays for Future"-Demos, weil die Forderungen der jungen Leute richtig sind und ihre Angst völlig berechtigt ist. Wenn dann manche Schüler verzweifelt sind und sagen, "jetzt haben wir schon fünfmal demonstriert und die Politiker machen immer noch nichts anderes als vorher", dann ermutige ich die, weiterzumachen. Meine Erfahrung zeigt: Man muss dicke Bretter lange bohren, um ans Ziel zu kommen. Aber die Mühe lohnt sich.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

40 Jahre Grüne in Bildern

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