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"Es gibt keine Menschenrassen"

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Zoologe zu Grundgesetz-Debatte - "Es gibt keine Menschenrassen"

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Soll der Begriff "Rasse" aus dem Grundgesetz gestrichen werden? Der Zoologe Martin Fischer erklärt, warum es keine biologische Grundlage für Menschenrassen gibt.

Grünen fordern Grundgesetz ohne Rassenbegriff. Archivbild
Ein Grundgesetz ohne Rassebegriff - das fordert eine Reihe an Politikern und Parteien.
Quelle: Friso Gentsch/dpa

Die Grünen gaben den Anstoß zur aktuellen Debatte um das "R-Wort": Sie forderten vergangene Woche, dass der Begriff "Rasse" aus dem Grundgesetz gestrichen wird. Die Verwendung sei "falsch" und "abwertend", kritisierte Grünen-Chef Robert Habeck. Im Grundgesetz heißt es:

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.
Artikel 3 Absatz 3 GG

Dass es keinerlei biologische Begründung für den Begriff "Menschenrasse" gibt, hat der Zoologe Martin Fischer zuletzt in der im Oktober veröffentlichten "Jenaer Erklärung" erläutert. Der Direktor des Instituts für Zoologie und Evolutionsforschung der Uni Jena stellte das Papier auf der Jahrestagung der deutschen Zoologischen Gesellschaft vor, die das Schriftstück unterstützt. Der Ort ist dabei kein Zufall: An der Uni Jena lehrte der Zoologe Ernst Haeckel, ein Wegbereiter der "Rassenhygiene" der Nazis, der als "deutscher Darwin" gilt.

Es gibt keine Menschenrassen - es hat sie auch nie gegeben. Wir sollten den Begriff in der Wissenschaft daher nicht mehr verwenden.
Martin Fischer
Grafische Darstellung Rassismus

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Die Vorstellung von verschiedenen Menschenrassen, von denen manche höher als andere gestellt sind, sei ein "rein gedankliches Konstrukt", sagt Fischer zu ZDFheute. "Im menschlichen Genom gibt es bei 3,2 Milliarden Basenpaaren keinen einzigen Unterschied, der zum Beispiel Afrikaner von Nicht-Afrikanern unterscheidet", so Fischer. Genetisch seien Europäer näher mit Menschen in Ostafrika verwandt als letztere mit anderen Afrikanern.

Hautfarbe als Anpassung an Lebensbedingungen

Hellere und dunklere Hautfarben seien lediglich "funktionelle Anpassungen", die mit dem Lebensort und den dortigen Bedingungen zu tun haben: "Das hat mit der Sonneneinstrahlung und der Ernährung zu tun", sagt Fischer. "Damit Menschen in Europa genügend Vitamin D produzieren konnten, ist ihre Haut mit der Zeit ausgebleicht."

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Die Debatte um eine Streichung des Rassebegriffs aus dem Grundgesetz begrüßt Fischer. "Ich habe meine Meinung als Zoologe dazu geäußert: Biologisch gesehen gibt und gab es keine Menschenrassen. Ich kann und möchte aber nur für mein Fachgebiet sprechen." Über eine Streichung oder Ersetzung des Begriffs müssten weitere gesellschaftliche Bereiche diskutieren, wie etwa Juristen, Ethiker und Politiker, betont Fischer.

Momentum nach Tod von George Floyd

In der Politik scheint es derzeit eine prinzipielle Offenheit für eine solche Änderung des Grundgesetzes zu geben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht von "nachdenkenswerten Argumenten", Innenminister Horst Seehofer (CSU) ist zu Gesprächen bereit, Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) will das Wort streichen. Grüne, Linke und Liberale wollen den Begriff durch eine bessere Formulierung ersetzen.

Aminata Touré (B90/Grüne) ist dafür, Thorsten Frei (CDU) hält die Streichung des Begriffs für unangebracht.

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11 min
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Die Debatte ist indes nicht neu: Das Deutsche Institut für Menschenrechte forderte schon 2010 die Streichung. Die Antidiskriminierungsstelle schrieb vor fünf Jahren: "Durch die Verwendung des Begriffs "Rasse" selbst werden rassistische Vorstellungen fortgeschrieben." Stattdessen solle die Formulierungen "rassistische Diskriminierung" oder "rassistische Zuschreibung" im Grundgesetz verankert werden.

Doch erst der Tod des Schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten und die darauf folgenden weltweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt scheinen bei vielen im Bundestag einen politischen Willen zu erzeugen, der eine Grundgesetzänderung möglich scheinen lässt.

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