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Umwidmung der Hagia Sophia - Was hinter Erdogans Inszenierung steckt

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Die Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee ist vollzogen. Bei der Zeremonie spielten ein Schwert, ein Grab und ein Koran-Vers eine wichtige Rolle.

Istanbuls Hagia Sophia fand zum ersten Mal seit 86 Jahren wieder ein muslimisches Freitagsgebet statt. Demonstrativ nahm Präsident Erdogan daran teil. Wenige Tage zuvor hatte er angeordnet, das ehemalige Museum wieder als Moschee zu nutzen.

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Es gab Zeiten, da hielt Recep Tayyip Erdogan die Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee für Unsinn. Jetzt ist die Umwidmung Realität. Vorangetrieben wurde sie von keinem geringeren als Erdogan selbst. Der türkische Staatspräsident rezitierte am Freitag während der feierlichen Zeremonie in Istanbul sogar die Eröffnungssure des Koran.

Experten verwundert diese Kehrtwende nicht: Einerseits versucht Erdogan, mit der Inszenierung von innenpolitischen Krisen wie der Corona-Pandemie oder der schlechten wirtschaftlichen Lage im Land abzulenken.

Symbol der Hinwendung zu islamischen und islamistischen Gruppen

Andererseits will er sich der Unterstützung der konservativen und nationalistischen Kräfte im Land versichern. "Die Umwandlung ist zu einem Zeitpunkt, zu dem die AKP-Regierung in Umfragewerten verliert, vor allem innenpolitisch ein wichtiges Symbol der Hinwendung zu islamischen und islamistischen Gruppen, die diese Umwandlung schon seit Jahren gefordert hatten", erklärt Annegret Roelcke, Islamwissenschaftlerin an der FU Berlin.

Jahrelang wurde die Hagia Sophia in Istanbul als Museum genutzt, nun ist sie wieder eine Moschee. ZDF-Korrespondent Jörg Brase berichtet über türkische Reaktionen auf die Umwidmung.

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Erdogan hat Großes vor mit der Türkei: Er strebt außenpolitisch nach mehr Einflussspähren, was man aktuell etwa in Nordsyrien oder am Konflikt mit Griechenland im Mittelmeer beobachten kann. Dafür braucht er innenpolitisch Rückdeckung.

Dazu wurde bei der Zeremonie bewusst auf eine Symbolik zurückgegriffen, die Erdogan in eine Reihe mit großen osmanischen Eroberern stellen soll:

1. "Vorbeter" Erdogan rezitiert die Eröffnungssure

Der Vers selbst gilt als inhaltlich wenig problematisch. "Die erste Sure des Korans, die sogenannte 'Fatiha', also 'die Eröffnende' ist ein wichtiger und zentraler Bestandteil muslimischer Religionspraxis“, erklärt Johannes Zimmermann, Islamwissenschaftler an der Uni Heidelberg.

Entscheidender als die Sure ist die Tatsache, dass Erdogan sie zu Beginn des Freitagsgebets als eine Art "Vorbeter" selbst rezitiert hat. Dass ein Staatschef das zu Beginn des Gebets macht, ist ungewöhnlich. Früher war dies den islamischen Herrschen vorbehalten. Für Beobachter in Istanbul ist klar: Durch diese Geste stellt sich Erdogan in eine Reihe mit den großen osmanischen Sultanen.

Recep Tayyip Erdogan (m) nimmt an den Freitagsgebeten in der Hagia Sophia teil.

Nach 86 Jahren -
Hagia Sophia ist wieder eine Moschee
 

In Istanbul feiern zahlreiche Gläubige die Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee. Beim ersten Freitagsgebet sind Hunderte Muslime dabei.

2. Das Schwert als Zeichen der osmanischen Herrscher

Der Präsident der Obersten Religionsbehörde, Ali Erbas, leitete die Zeremonie und trug beim Freitagsgebet ein Schwert in seinen Händen. "Die sogenannte 'kılıç geleneği', also die 'Schwerttradition', wird in einigen Moscheen der Türkei praktiziert“, sagt Zimmermann.

Er interpretiert die Verwendung des Schwerts als Verweis auf Elemente der Thronbesteigungsszeremonien osmanischer Herrscher.

Es verbindet die Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee mit einem als islamisch verstandenen osmanischen Herrschertum.
Johannes Zimmermann

Auf Twitter hab es Debatten darüber, dass das Schwert, je nachdem, in welcher Hand es gehalten wird, eine andere Bedeutung erfährt. Weil Erbas es zum Teil auch in seiner linken Hand hielt, interpretierte manch einer es sogar als Zeichen des Friedens. "Auch, wenn ein Schwert in der linken Hand laut osmanischer Tradition Frieden bedeutet, ist es als Waffe während der Predigt zuerst einmal eine Provokation und Machtdemonstration", erläutert Islamwissenschaftlerin Roelcke.

Diese könne so etwas wie „wir lassen euch in Frieden, wenn ihr euch unseren Regeln beugt“ bedeuten, gerade auch im Kontext der aufgeladenen Stimmung im Vorfeld.

3. Erdogan und das Grab von Mehmed II.

Recep Tayyip Erdogan am Grabmal Mehmeds II. in der Hagia Sophia
Recep Tayyip Erdogan am Grabmal Mehmeds II. in der Hagia Sophia.
Quelle: via Reuters

Nach dem Freitagsgebet besuchte Erdogan das Grab von Mehmed II., genannt "der Eroberer". Mehmed II. eroberte 1453 Konstantinopel und besiegelte so das Ende des Byzantinischen Reichs. "Dies fügt sich auch in zahlreiche andere Versuche des Präsidenten, sich in eine Traditionslinie mit Mehmed II. einzuordnen", analysiert Zimmermann.

Es gebe etwa zahlreiche Websites aus dem AKP-Milieu, auf denen allerlei vermeintliche Parallelen zwischen Erdogan und Mehmed II. aufgelistet und als Erfüllung von Geschichte und Heilsgeschichte gedeutet werden.

Erdogan inszeniert sich als osmanischer Herrscher

Gebet, Schwert, Grab - bei der Zeremonie wurde nur wenig dem Zufall überlassen. Die Symbolik war klar: Erdogan inszenierte sich am Freitag bewusst in der Nachfolge Mehmeds II. und rückt damit ab von der laizistischen Idee des Staatsgründers Kemal Atatürk.

Auch wenn Ali Erbas betonte, dass die Hagia Sophia auch als Moschee künftig allen aufrichtigen Menschen offenstünde: Ihre Umwidmung ist vor allem ein Zeichen für die voranschreitende Islamisierung der Türkei - sowie Erdogans Rückbesinnung auf das osmanische Reich und die Zeit, als Türken eine Weltmacht waren.

In Erinnerung an den Gründervater der modernen Türkei Kemal Atatürk ist heute in der Türkei Feiertag. Was kann Präsident Erdogan feiern? Die Wirtschaft ist marode, die Corona-Zahlen steigen und die Meinungsfreiheit ist eingeschränkt.

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