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Interview

30 Milliarden Fluthilfe-Fonds - "Wir brauchen eine Vorsorge-Orientierung"

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Mit einem 30-Milliarden-Fonds soll der Wiederaufbau in den Flutgebieten vorangebracht werden. Umweltforscher Christian Kuhlicke fürchtet, dass dabei nicht langfristig gedacht wird.

Rund einen Monat nach der Flutkatastrophe hat die Bundesregierung einen Wiederaufbaufonds beschlossen. Von Bund und Ländern fließen insgesamt 30 Milliarden Euro ein.

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ZDFheute: Der Fluthilfefonds hat heute erstmals das Bundeskabinett beschäftigt. Sollte man bei der Verwendung des Geldes auch im Auge behalten, dass es solche extremen Wetterereignisse in Zukunft wohl häufiger geben wird?

Christian Kuhlicke: Ja, unbedingt. Dort wird ja nicht für die nächsten ein bis zwei oder die nächsten fünf Jahre wiederaufgebaut, sondern für die nächsten Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte. Wenn wir davon ausgehen, dass diese Extremlagen häufiger auftreten werden, dann müssen die Infrastruktur und die Gebäude so wiederaufgebaut werden, dass sie in Zukunft sicherer oder widerstandsfähiger gegenüber diesen Ereignissen sind.

ZDFheute: Wie können denn Orte und Regionen solche katastrophalen Hochwasserwellen verhindern oder zumindest eindämmen?

Kuhlicke: Ereignisse in diesem Ausmaß sind wirklich nicht nur schwer zu verhindern, auch die Schäden sind schwer zu reduzieren. Aber es gibt drei wesentliche Prinzipien, die man berücksichtigen sollte: Als erstes muss im Oberlauf der Flüsse so viel Wasser wie möglich zurückgehalten werden - also überall, wo man Wasser zwischenspeichern und speichern kann durch Talsperren, durch Rückhaltebecken, trägt das dazu bei, die Hochwasserwellen zu kappen.

Und die Städte und Kommunen müssen sicherer gemacht werden.

Die Gebäude sollte man hochwassersicher, hochwasserangepasst wiederaufbauen, vor allen Dingen auch die kritischen Infrastrukturen.

Da reden wir nicht nur von Krankenhäusern, sondern auch von der Stromversorgung, Telekommunikation und so weiter. Und das dritte ist natürlich, dass in den Kommunen, Regionen, Landkreisen, auch in den Ländern die Frühwarnsysteme deutlich verbessert werden müssen.

ZDFheute: Spielt auch eine Rolle, dass in der Vergangenheit zu viel Boden versiegelt wurde?

Kuhlicke: Bei diesem konkreten Ereignis ist Bodenversieglung wahrscheinlich nicht der entscheidende Faktor gewesen. Generell gilt aber: Bodenversiegelung trägt dazu bei, dass weniger Wasser abfließen kann. Wichtiger ist aber, dass zu viel in Hochwasser-exponierten Gebiete gebaut worden ist. Das sollte man sich in diesen hochgradig exponierten Bereichen überlegen, ob man den Menschen einen Gefallen tut, wenn man sie dort wiederaufbauen lässt.

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ZDFheute: Es gibt also Standorte, die man besser unbebaut lässt? Müssen kritische Infrastrukturen notfalls verlegt werden?

Kuhlicke: Man sollte langfristig denken.

In hochgradig gefährdete Orte, ich sage mal, ein Stromumspannnetzwerk reinzubauen oder ein Krankenhaus, einen Kindergarten, eine Schule oder eine Behinderteneinrichtung, das ist nicht klug, das ist nicht nachhaltig.

Und da gilt es jetzt wirklich, die Expertise in den Ländern und den Landkreisen zusammenzuziehen, damit da vernünftige Risikoabschätzungen geleistet werden, die auch die klimatischen Veränderungen, die auf uns zukommen, mitberücksichtigen.

ZDFheute: Wie groß ist Ihre Sorge, dass mit dem Geld doch nur wieder alles so wie vorher aufgebaut wird? 

Das Hochwasser hat zahlreiche Häuser zerstört, darunter auch denkmalgeschützte Bauten. Jetzt steht zur Debatte, ob und wie Fachwerkhäuser und Denkmäler wieder aufgebaut werden.

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Kuhlicke: Für die Leute in Orten, die sehr stark betroffen sind, ist da ein unglaublicher Verlust an Vertrauen in die Sicherheit des eigenen Wohnstandortes. Die machen sich natürlich Gedanken: Will ich hier weiter wohnen oder sind Alternativen besser? Ich glaube, dass sich auch viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, auch Landräte Gedanken machen.

Es ist aber nicht der erste Wiederaufbaufonds, von dem wir reden – wir haben das 2002 gesehen, schon 1997 nach dem Oder-Hochwasser, 2013 nach dem Donau-Hochwasser. Das waren die größten Wiederaufbaufonds und die waren eigentlich immer nur dafür gedacht, den Schaden zu reparieren. Gleichzeitig könnte man natürlich auch grundlegende Weichen stellen.

Es gibt auf internationaler Ebene das Prinzip: 'Build back better' Also: Baut besser wieder auf! Davon sind wir hier noch weit entfernt, weil wir momentan immer ad hoc reagieren.

Aber wir brauchen in der Perspektive eine Vorsorge-Orientierung und die sollte durch den Bund bei solchen Wiederaufbaufonds gesetzlich verankert werden.

Das Interview führte Mark Hugo aus der ZDF-Umweltredaktion.

Wie soll der Wiederaufbau nach dem Hochwasser gelingen?

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