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Interview

Hochwasser-Erfahrung aus Grimma - "Schaden locker mal zwei oder drei nehmen"

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Zweimal hat es Grimma erwischt: 2002 kam ein Jahrhunderthochwasser, 2013 noch eins. Vieles, was die Flutgebiete im Westen jetzt erleben, kennt Oberbürgermeister Berger schon.

Hochwasser der Mulde überschwemmt am 03.06.2013 die Innenstadt von Grimma
Hochwasser der Mulde überschwemmt am 3. Juni 2013 die Innenstadt von Grimma in Sachsen. Zu einem Zeitpunkt, als die Schäden vom Hochwasser 2002 fast beseitigt waren. Nur die Schutzanlage war noch nicht fertig.
Quelle: dpa

ZDFheute: Wenn Sie die Bilder aus dem Ahrtal in Nordrhein-Westfalen sehen, was geht Ihnen durch den Kopf?

Matthias Berger: Nicht nur ich, alle Grimmaer sind sehr betroffen. Wir haben auch eine Spur ein schlechtes Gewissen, weil wir vor 14 Tagen beobachtet hatten, wie diese Wetterlage heranzog, dann Richtung Westen abdrehte und dort abregnete. Wir wissen, was auf die Menschen nun zukommt und drücken die Daumen, dass sie Durchhaltewillen haben.

ZDFheute: Im Ahrtal könnte es Monate dauern, bis die Gasleitung geflickt ist, Straßen und Brücken sind kaputt. Wie lange hat es in Grimma gedauert, bis das Schlimmste vorbei war?

Berger: Wir hatten Glück, dass die Infrastruktur - also Gas, Strom - relativ schnell wieder hergestellt war.

Bad Münstereifel gilt mit seinen Fachwerkhäusern und der historischen Stadtmauer als mittelalterliches Juwel. Seit der Flutkatastrophe ist hier jedoch nichts, wie es einmal war.

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ZDFheute: Das heißt?

Berger: Wir hatten zwei, drei Wochen große Notstrom-Aggregate hier stehen. Das hat gut geklappt. Zum Thema Zeit muss man aber sagen - sofern ich aus der Ferne einen Ratschlag geben darf: Die Menschen brauchen jetzt Unterstützung von ganz, ganz vielen Helfern. Die Häuser müssen vom Schlamm, vom Dreck befreit werden, der Müll muss raus, am besten der Putz abgeschlagen werden.

Es dauert, und das ist die traurige Nachricht, zwei Jahre, bis alles ausgetrocknet ist.
Matthias Berger

Die Häuser können nicht im Herbst schon wieder verputzt werden. Und wenn man sie wiederaufbaut: Bitte daran denken, im Untergeschoss, im Hochwasser relevanten Bereich, Beton verwenden, kein Fachwerk oder Trockenbau. Strom, Heizung, alles hochsetzen, am besten unters Dach.

Stadtansicht von Grimma
Grimma heute: "Schöner denn je", sagt Oberbürgermeister Matthias Berger.
Quelle: dpa

ZDFheute: Was haben Sie als Stadt beim Wiederaufbau anders gemacht?

Berger: Es ist jetzt die Zeit für mutige Entscheidungen. Man muss sich die Frage stellen: Müssen Häuser, die vor 500 Jahren an den Fluss gebaut wurden, wirklich wieder aufgebaut werden? Sie wird man nie schützen können. Im Zweifel müssen die Menschen umgesiedelt werden.

Wir haben ein älteres Ehepaar aus der Muldenaue nach dem Hochwasser 2002 mit Spendengeldern und staatlichen Zuschüssen ein neues Grundstück gekauft und einen Neubau errichtet. Spätestens beim Hochwasser 2013 waren sie über die Entscheidung sehr glücklich.

ZDFheute: Die Bundesregierung will 400 Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung stellen. Genau so viel wie 2002. Wird das reichen?

Berger: Unser erstes Hochwasser ist 20 Jahre her.

Aus meiner Erfahrung kann man den Schaden, den man jetzt schätzt, locker mal zwei oder drei nehmen. Und dann wird das Geld immer noch nicht reichen.
Matthias Berger

Es ist unglaublich, welche Schäden im Nachgang noch auftauchen.

ZDFheute: Also Schäden an der Statik von Häusern, die auf den ersten Blick heil geblieben sind?

Berger: Genau. Es muss jetzt jedes Haus untersucht werden. Dazu kommt noch, dass die Baupreise in den letzten zwei Jahren explodiert sind. Es gibt kaum Material. Das wird schon richtig Geld kosten.

In Odendorf im Rhein-Sieg können die Menschen wieder zurück in ihre Häuser. Kein Wasser, kein Strom, dafür viel Schmutz und Schutt erwartet sie. Entwarnung gibt es an der Steinbachtalsperre bei Euskirchen.

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ZDFheute: Auch in Sachsen hat es 2002 wie heute Kritik am Meldewesen gegeben. Ein Untersuchungsbericht stellte fest: Wetterwarnungen seien zu langsam weitergegeben worden, es gab kein ausreichendes technisches Warnsystem für die Einwohner. Sind Sie mittlerweile besser vorbereitet?

Berger: 2002 waren wir ähnlich arglos wie die Menschen jetzt. Wir haben aus den Fehlern gelernt. Wir haben in Grimma ein hochwertiges Sirenensystem angeschafft, an acht Stellen stehen Sirenen, die vierzehn Tage vom Netz unabhängig in Betrieb sein können. Wir können auch Durchsagen damit machen. Das hat uns 2013 genutzt, denn so konnten wir die Menschen schnell aus dem Ortskern evakuieren.

Die Sirene ist das letzte Mittel, wir können auch vorher alle Betroffenen per SMS informieren. Wir können auch zügig die Stadt auf ein Einbahnstraßensystem umstellen, so dass die Bürgerinnen und Bürger nach Norden die Stadt schnell verlassen können.

Elektronische Warnungen vor der Flut haben viele nicht erreicht. Karl-Heinz Banse, Präsident des Feuerwehrverbands plädiert dafür, die manuellen Sirenen wieder zu aktivieren.

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ZDFheute: Ist es nicht erschreckend, dass man jetzt wieder über dieselben Dinge diskutiert?

Berger: Was ich nicht verstehe: Zu DDR-Zeiten gab es, sicher aus dieser paranoiden Kriegsangst heraus, in jedem Kindergarten, fast in jedem Schuppen rot-weiße Karten mit den Sirenentönen. Jeden Mittwoch 13 Uhr war Probealarm. In Grimma testen wir auch an jedem ersten Mittwoch im Monat.

Es ist verheerend, dass seit dem missglückten Warntag voriges Jahr, bei dem fast nichts funktionierte, nichts passiert ist. Ich kann Sirenen nur empfehlen.
Matthias Berger

Die Leute hören, dass etwas passiert ist, und wissen dann schon, was zu tun ist.

ZDFheute: Der Wiederaufbau, die Technik sind das eine. Wie hat Grimma seelisch die Überflutungen verkraftet?

Berger: Man muss zwischen 2002 und 2013 unterschieden. 2002 sind - das berührt mich noch heute - Tausende Helfer in die Stadt geströmt. Nach gut zwei Wochen war hier alles aufgeräumt. Die ganze Unterstützung hat eine wahnsinnige Aufbaudynamik erzeugt. Toll. Es ging in Riesenschritten nach vorn.

Dann kam 2013 die nächste Überschwemmung, weil die Hochwasserschutzanlage nicht, wie geplant 2012, sondern erst 2019 fertig wurde. Das war für die Leute ein ganz herber Schlag, weil die Aufbauleistung in zehn Jahren wieder kaputt war. Und trotzdem ist es wieder gelungen. Jetzt ist Grimma schöner denn je. Aber natürlich war der Preis hoch.

In den Überflutungsgebieten sind vielerorts die Versorgungsleitungen zerstört. Kein Trinkwasser, kein Gas, kein Strom, kein Festnetz. Bis das repariert ist, kann es viele Monate dauern.

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ZDFheute: Sie sagen immer, in jeder Katastrophe liegt eine Chance. Welche sehen Sie?

Berger: Die Grimmaer sind schon stolz darauf, dass sie den Wiederaufbau geschafft haben, wenn auch mit viel Unterstützung. Es sind Freundschaften entstanden, auch zwischen Ost und West. Es hat gezeigt, dass Geld eben auch nicht alles ist, sondern dass das menschliche Miteinander viel wichtiger ist. Wir halten zusammen, wenn es darauf ankommt. Und das scheint ja auch jetzt in den betroffenen Gebieten der Fall zu sein.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

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